Anwerbung von IS-Terroristen
Abgetaucht: Keine Spur von 18-jährigem Ahlener

Ahlen -

Noch immer gibt es keine Spur von Tolunay G. aus Ahlen. Dafür aber handfeste Hinweise, die den ei­nen, schlimmen Verdacht erhärten: Der türkischstämmige Schüler eines Berufskollegs hat sich offenbar tatsächlich mit drei auswärtigen Komplizen den Terroristen des Islamistischen Staates (IS) angeschlossen und befindet sich in Syrien oder dem Irak.

Dienstag, 23.09.2014, 08:09 Uhr

Zwei oder drei Tage geben sich sein Vater und der Großvater noch, sagen Vertraute. Dann hätten auch sie keine Hoffnung mehr, Tolunay zu finden. Anfang vergangener Woche sind sie ihm in die Türkei nachgereist. In der Schwarzmeer-Metropole Trabzon verliert sich seine Spur.

Fest steht: Vor nunmehr zehn Tagen ist der 18-Jährige dort angekommen. Er ist auf Bildern einer Überwachungskamera zu sehnen. Sicher ist auch, dass er von dort noch mit seinem Handy eine SMS verschickt hat. „Ihr könnt uns jetzt holen“, lautete die Botschaft. Zuerst dachten seine Eltern, sie seien gemeint gewesen. Inzwischen steht fest, dass es sich um einen Irrläufer handelte. Die eigentlichen Adressaten waren Kontaktleute des IS.

Yasabey Aldirmaz nennt sich „ein Freund der Familie“. An diesem Montag sitzt er in einer Teestube. Ständig klingelt sein Handy. Immer nur geht es um ein Thema: Wo ist Tolunay? Die Nachricht, dass sich ein junger Mann aus Ahlen in Westfalen auf den Weg gemacht hat, ein Terrorist zu werden, hat in der Stadt für Aufsehen gesorgt.

Tolunay G. und seine Familie wohnen in diesem Eckhaus in der Ahlener Zechen-Kolonie.

Tolunay G. und seine Familie wohnen in diesem Eckhaus in der Ahlener Zechen-Kolonie. Foto: Elmar Ries

Warum ist der gerade Volljährige in die Szene abgerutscht? Wie hat er sich radikalisiert? Gab es Hinweise darauf? Hätten seine Familie, seine Freunde und Bekannten nicht helfen können? Oder müssen? Und – eigentlich die bangste Frage: Findet der 18-Jährige womöglich Nachahmer?

Die türkische Community ist ein großes Netzwerk, dessen sich Aldirmaz und auch Seraht Ulusoy vom Türkischen Elternverein in Ahlen bedienen. Man kennt sich, man hilft sich, man spricht aber nicht unbedingt darüber. „Wir wissen von vier oder fünf Jugendlichen, die sich für die Ideen der Salafisten und des IS begeistern“, sagt Aldirmaz. Auch kenne er Bethäuser, in denen weiß Gott unheilig gepredigt werde. Im östlichen Ruhrgebiet existierten solche Hinterhof-Moscheen. Scharfmacher gebe es aber auch in Ahlen und bis vor Kurzem in Münster.

Freund der Familie des vermeintlichen IS-Kämpfers

Für Aldirmaz und Ulusoy hat das Abrutschen in die Islamisten- und Salafisten-Szene nichts mit Religion zu tun. „Da geht es vielmehr um Ansehen, Macht und Geld“, sagt Aldirmaz.

Die Familie G. sei übrigens nie negativ in Erscheinung getreten. „Das sind ganz normale Leute“, sagt Ulusoy. Religiös, ja, aber nicht übertrieben. Seit Jahresbeginn hatte sich ihr Sohn verändert. In der Moschee betete er auf einmal so, wie es die Salafisten tun. Nicht nur das fiel auf. Nachdem er verschwunden war, knackten Freun de seinen Facebook- und Mail-Account. „Da wussten wir, was los war.“ Tolunay hatte rege mit Islamisten kommuniziert. „Die Sicherheitsbehörden haben die Entwicklungen in Ahlen im Blick“, heißt es aus dem Innenministerium. Einschalten wird sich womöglich auch die Generalbundesanwaltschaft.

Aldirmaz glaubt jedoch nicht, dass er Tolunay wiedersehen wird. Auch wenn er das so offen nicht sagen will. Sorgen bereiten ihm und anderen jene Handvoll junger Ahlener, die mit dem IS sympathisieren. „Wir müssen verhindern, dass auch sie irgendwann nach Syrien oder in den Irak reisen“, sagt Aldirmaz. Starke Worte, die die eigene Ohnmacht übertünchen.

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