Nachhilfelehrer Ulrich Krauße will Latein alltagstauglich machen
Botschafter der alten Sprache

Ibbenbüren -

Warum er ei­nem Kunden aus den USA auf Latein mailt? Ulrich Krauße zuckt die Schultern. „Englisch war uns fast schon zu trivial“, grinst er. Ganz klar, der Ibbenbürener ist ein Botschafter der alten Sprache. „Latein ist die stärkste kulturelle Klammer, die die europäische Gemeinschaft hat“, bricht er eine Lanze. „Betrachten Sie egal welche Expertensprache – und sie wird voll sein mit Lehnwörtern aus dem Lateinischen.“

Montag, 02.03.2015, 07:03 Uhr

Dass NRW nun das Latinum als Zugangsvoraussetzung für Lehrer in spe abschaffen will , bezeichnet er als Fehler. „Das wird sich rächen“, ist er überzeugt. Krauße , der verzweifelte Schüler (und Studenten) bundesweit via Skype fit macht in Sachen Grammatik und Vokabeln, sieht hingegen die Schule in der Pflicht. „ Latein wird dort nicht wie eine normale Sprache vermittelt, sondern eher wie Mathe. Das macht den Unterricht zur Qual“, hat er Verständnis für seine Schützlinge.

Entsprechend macht er die mit etwas Smalltalk locker, wenn sie ihm erstmals auf dem PC-Bildschirm gegenübersitzen. Auf Latein, versteht sich. „Man muss denen Mut machen und sie aufbauen, indem man sie – wie im Französisch- oder Englischunterricht am Anfang – einfache Sätze aus dem Alltagsleben lernen lässt wie: Mama, ich habe einen Hund.“ Dann hätten sie das Gefühl, sie könnten die Sprache. Lebendige Kommunikation sei das A und O, Latein gehöre in die Gegenwart.

Stattdessen hauten viele Lehrer „13- bis 15-Jährigen mit schwersten Pubertätser­scheinungen Cicero und Seneca um die Ohren“, kritisiert der e-Tutor. „Mit den alten Texten kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen“, glaubt er. In seinen Augen werde Latein in der Schule dafür missbraucht, die Guten von den Schlechten zu trennen. Ob „Die drei ???“, Cornelia Funkes „Die wilden Hühner“ oder Erich Kästners „Emil und die Detektive“: Schaut man auf die Stapel beliebter Jugendbücher, die Ulrich Krauße ins Lateinische übersetzt hat, will man es kaum glauben: Er selbst sei als Schüler ein Latein-Hasser gewesen. „Unser Unterricht war katastrophal.“

Denn wer Latein lernt, will etwas Unterhaltsames zum Lesen.

Ulrich Krauße

Indes, in seinem ersten Berufsleben als EDV-Fachmann habe er begriffen, wie nützlich Latein beim Erlernen etlicher Expertensprachen sei. Um seine Kenntnisse aufzufrischen, habe er begonnen, ein Computerprogramm mit aktuellem Vokabular zu füttern, das die Sprache von gestern mit dem Heute verbindet. Von da war es nur ein Schritt zum Übersetzen beliebter Gegenwartsliteratur. „Denn wer Latein lernt, will etwas Unterhaltsames zum Lesen“, ist er überzeugt.

Begeisterung ist das, was Krauße schüren möchte für die alte Sprache. Und tut dies, indem er – wie 2014 in Nordhorn etwa – vor Fünftklässlern und ihren Eltern aus seinen Übersetzungen liest. „Die Wirkung war: Eltern kamen an den Büchertisch und zeigten sich baff, dass man Latein sprechen kann.“ Die Schüler hingegen waren überzeugt, vieles verstanden zu haben. Sein nächstes Projekt: eine Powerpoint-Lesung der Drei Fragezeichen in Zusammenarbeit mit dem Literaturkreis Rheine, für die der Ibbenbürener noch einen Schule als Veranstaltungsort sucht. „Wer lesen will, kann vorne mitlesen. Wer nur hören will, soll hören.“  

Wir haben unsere Leser auf Facebook gefragt, was sie von den Neuerungen halten. Hier sind ihre Reaktionen:

Latein - Pro und Contra

Matthias Pape:

Latein als Sprache ist obsolet, aber es zu lernen sorgt für Struktur in der Sprache und ist die Basis vieler Fremdsprachen. Und es hilft Sätze strukturiert zu bilden. Besser als 160 Zeichen Kurzsprache im Web.

Jörg Friedrich:

 Es ist ein Fehler, die Schule ganz auf die Nützlichkeit des "Brauchens" zu trimmen. Schule ist für die Bildung da, und es ist die Frage, ob Lateinkenntnisse zur Bildung beitragen. Und das ist zweifellos der Fall.

Antje Schomacher:

Auch Französisch und Spanisch erweitern das Verständnis für andere Sprachen und für Grammatik und Semantik im Allgemeinen. Lebendige Sprachen sind nur im aktiven Berufsleben deutlich hilfreicher, auch wenn ein Schüler sich letztenendes nicht für das Lehramt entscheidet. Lateinlernen sollte eine Wahl sein, die einem nicht eine komplette Berufsaussicht ermöglicht oder versperrt. Man kann von Siebtklässlern nicht erwarten bereits alle Weichen für das spätere Berufsleben zu stellen.

Pascal Lange:

Es geht auch nicht nur um das "Brauchen" - es geht hier auch um Priorisierung. Es gibt viele Themen die zur Bildung beitragen, aber die Zeit, die man in der Schule verbringt, ist nunmal begrenzt. Darum sollte man sich besser auf die Dinge konzentrieren, die heutzutage wichtiger sein können - oder besser - den Schülern die Wahl geben, was sie für ihr Leben gerne lernen möchten.

Prof. Alexander Arweiler, Institut für Klassische Philologie:

Latein bietet Zugang zu einer vergangenen Welt. Es macht Lust darauf, in etwas Fremdes, Verschollenes, Verborgenes einzutauchen.

Julia Flothmann:

Ich hab mich damals bequatschen lassen, dass Große Latinum zu machen und ärgere mich regelmäßig. Eine riesen Schinderei, ich habs nie mehr gebraucht und kann auch kein Wort mehr. Diese Energie in das Erlernen einer nutzbaren Sprache, z.B. Spanisch oder Französisch zu stecken, hätte mir im Nachhinein wesentlich mehr gebracht.

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