Mr. Handwerk 2015 aus Drensteinfurt bei der Arbeit
Er brennt für seinen Job

Die Wahl des Drensteinfurters Sebastian Schmidt zum Mr. Handwerk 2015 ist ein Glücksgriff. Wer, wenn nicht so ein Mann, hat das Talent dazu, junge Menschen von den Vorzügen handwerklicher Berufe zu überzeugen?

Sonntag, 29.03.2015, 14:03 Uhr

Ach, könnten ihn die Jury und die Menschen, die für ihn als Handwerker des Jahres gestimmt haben, jetzt nur hören. Sebastian Schmidt sitzt auf einem der lederbezogenen Stühle im Büro der Hufschmiede. Seinen Chef Udo Bußmann zur Linken, Stitch, den handzahmen Jack Russel, wie hingehaucht zu seinen Füßen und sagt Sätze wie diesen: „Der Huf ist immer ein Spiegelbild der derzeitigen Belastungsverhältnisse des Pferdes“. Und während er spricht, spannt der 27-Jährige seinen Körper und beugt sich vor, um sämtliche Gliedmaße unterstreichen zu lassen, dass ein Hufschmied viel mehr können muss, als ein gutes von einem schlechten Eisen zu unterscheiden.

Mister Handwerk bei der Arbeit

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  • Mit diesem Foto erscheint Sebastian Schmidt in dem Kalender zum Wettbewerb,...

    Foto: Werbefotografie Weiss
  • ... bei dem der 27-Jährige am 11. März zum Mr. Handwerk gekürt wurde.

    Foto: Werbefotografie Weiss
  • Aufgabe des Mr. Handwerk ist nicht nur, für Fotos zu posieren, sondern auch,...

    Foto: Werbefotografie Weiss
  • ...Werbung fürs Handwerk zu machen.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Sebastian Schmidt ist Hufschmied und gerne bereit, andere von Handwerksberufen zu überzeugen.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Im Schmiedefeuer wird das Eisen erhitzt...

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • ...und auf dem Amboss in die passende Form geschlagen.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Mit seinem Chef Udo Bußmann bringt er das Eisen an den Huf an. „Ein Huf erzählt die ganze Geschichte eines Pferdes“, sagt Schmidt.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Und wie findet der Chef, dass sein Geselle ein Model ist? „Mr. Handwerk muss ja nicht immer aus Hamburg oder Berlin kommen. Drensteinfurt klingt doch auch mal ganz gut“, sagt Bußmann.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • 70 000 Stimmen hat Schmidt bekommen, viele davon aus der Reiterszene. Kein Wunder: Zusammen mit seinem Chef beschlägt und pflegt er die Hufe von Pferden in ganz Deutschland.

    Foto: Jürgen Peperhowe

In Momenten wie diesen erweist sich die Wahl des Drensteinfurters zum Mr. Handwerk 2015 als Glücksgriff , der nicht passender hätte sein könnte. Wer, wenn nicht so ein Mann, hat das Talent dazu, junge Menschen von den Vorzügen handwerklicher Berufe zu überzeugen?

Denn genau das ist seine Aufgabe. Ein Jahr lang ist Schmidt das Gesicht des Handwerks in Deutschland. Er wird bei feierlichen Lossprechungen auftreten, auf Handwerksmessen reden und dabei für Berufsfelder werben, die bei Schulabsolventen immer unbeliebter werden. Dass der 27-Jährige mit seinem schmalen Körper und seinen Augen, die immer blitzen, wenn er von seinem Beruf erzählt, selbst wie ein junger Mensch auf der Suche nach dem richtigen Ausbildungsplatz aussieht, macht ihn noch ein bisschen glaubwürdiger. Schmidt hat das Zeug zu einem überzeugenden Botschafter.

Mit großem Vorsprung gewonnen

Der Kalender, für den zwölf Männer und zwölf Frauen während der Bewerbungsphase gemodelt haben, hat einen Ehrenplatz gleich neben dem Schreibtisch im Büro bekommen. Der 27-Jährige ist darauf mit einem glühenden Eisen zu sehen, über einen Amboss gebeugt und bereit, das Material gleich mit kräftigen Schlägen zu formen. Schmidt mag dieses Foto, das Shooting hat ihm, der hin und wieder gern an Modelwettbewerben teilnimmt, viel Spaß gemacht. Und dass er der Sieger unter ursprünglich 100 Bewerbern um den Titel geworden ist, freut auch seinen Chef. „Mr. Handwerk muss ja nicht immer aus Hamburg oder Berlin kommen. Drensteinfurt klingt doch auch mal ganz gut“, findet Bußmann, für den seit der Wahl kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht auf seinen Gesellen angesprochen wird.

Die meisten seiner Kunden haben die Wahl ohnehin unterstützt und in der Schlussphase online für ihren jungen Hufschmied gestimmt. 70 000 Stimmen hat Schmidt bekommen, der Nächstplatzierte musste sich mit 20 000 begnügen. Auf die Treue der Reiterszene ist Verlass.

Miss/Mister Handwerk 2015 - Die Kandidaten

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  • Die neue Miss Handwerk ist die 25-jährige Friseurin Karolina Schmidt.

    Foto: Werbefotografie Weiss
  • Ihre Konkurrenz war: Stephanie Kühnel, 28, Dachdeckerin...

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  • ...Sarah Schellhorn, 23, Lackiererin...

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  • ...Vivien Inis Siemer, 30, Malerin und Lackiererin...

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  • ...Sarah Klimke-Büser, 19, Augenoptikerin...

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  • Der neue Mister Handwerk: Sebastian Schmidt, 27, ist Geselle bei einer Kunst- und Hufbeschlagschmiede in Drensteinfurt. Über seinen Beruf sagt er: „Für mich ist es nicht nur ein Beruf, es ist auch mein Hobby. Als Hufschmied kann ich mich künstlerisch austoben und gleichzeitig bin ich Pferden nahe."

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  • ... und Anna-Sophie Kühn, 21, Goldschmiedin.

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  • Sie bewarben sich vergeblich um den Titel Mister Handwerk: Alessandro Cosentino, 29, Mechatroniker...

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  • ...Mihai Silvian Lo Bartolo, 28, Elektrotechniker...

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  • ...Yannick Müller, 24, Dachdecker...

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  • ...Elmar Hanisch, 34, Dachdecker...

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  • ...Marcel Jondral, 28, Kfz-Techniker...

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Überhaupt, die Reiterszene. Man kennt einander, auch über große Distanzen hinweg. Und der Schmied nimmt in ihr eine besondere Bedeutung ein. „Als Schmied“, findet der neue Mr. Handwerk, „ist man so etwas wie der Friseur der Pferdeleute, der alles mitkriegt.“ Die neuesten Nachrichten aus Sport und Zucht, reiterliche Erfolge, zerstörte Hoffnungen, neue Titelträume.

„Ein Huf erzählt die ganze Geschichte eines Pferdes“

Bußmann und sein Geselle beschlagen und pflegen die Hufe von Pferden in ganz Deutschland, vor allen Dingen aber auf Höfen im Umkreis von 100 Kilometern. Nach der Hufpflege eines Pferdes vereinbaren sie immer gleich einen neuen Termin, der sieben bis acht Wochen später stattfindet. „Bei Hufen ist das wie bei Fingernägeln – sie wachsen stetig“, erklärt Schmidt. Pro Monat etwa einen Zentimeter, der mit dem Hufmesser gestutzt werden muss.

Die „Fingernägel“ des Pferdes sind allerdings empfindlicher als die des Menschen. Wenn ein Bein zu stark belastet wird, drohen dem Pferd auf Dauer schmerzhafte Folgeschäden. Das Team aus Drensteinfurt hat sich deshalb auch auf Orthopädietechnik für Pferde spezialisiert.

Mr. Handwerk bereitet den Wagen gerade für den nächsten Einsatz auf einem Isländerhof vor und zeigt, was unter Orthopädietechnik zu verstehen ist. In den Schubladen der Werkbank lagern Bußmann und er Einlagen aus Leder und Kunststoff, mit denen Fehlstellungen und Größenunterschiede ausgeglichen werden können.

Wenn irgend möglich arbeiten der Chef und sein Geselle zusammen. „Die Schmiedearbeit geht auf den Rücken“, sagt Schmidt und bindet die Lederschürze um, die Hüften und Beine bei der Arbeit schont. Keinem Schmied bekommt es auf Dauer, wenn er täglich ein Pferdebein auf seinen Oberschenkel legt, um die Hufe auszukratzen. Die Teamarbeit zahlt sich gesundheitlich aus: Der eine stabilisiert das Bein, der andere bearbeitet den Huf, der Schmidt immer wieder geradezu geschwätzig vorkommt: „Ein Huf erzählt die ganze Geschichte eines Pferdes.“

Bußmann und sein Mitarbeiter, der in einigen Jahren den Betrieb übernehmen soll, haben es sich angewöhnt, zu Beginn ihrer Arbeit das Pferd von allen Seiten anzusehen. „Ein Pferd“ – Schmidt liebt es, die Besonderheiten seines Berufes so präzise wie möglich zu schildern – „geht automatisch in eine Schonhaltung, wenn es ihm nicht gut geht. Und da es sich uns nur über Bewegungen mitteilen kann, müssen wir genau hinsehen.“ Bewegen sich die Hüften im Gang gleichmäßig und gesund? Hat ein Huf einen unnatürlichen Winkel, der auf Dauer die Gesundheit der Sehnen und Gelenke gefährdet? Ein guter Schmied sollte in der Lage sein, auch minimale Signale im Gang richtig zu deuten.

Fitnessprogramm Arbeit

Dafür muss er die Eisen nicht mehr selber herstellen. „Die werden maschinell produziert“, erklärt Bußmann und legt eines der Eisen in die geöffnete Hand. Passen wird es trotzdem keinem Pferd, weil kein Huf wie der andere ist. Im Schmiedefeuer, das heute nicht mehr offen brennt, sondern ein gasbetriebener Ofen ist, wird das Eisen erhitzt, immer wieder angepasst und auf dem Amboss in die passende Form geschlagen. 30 Kilo wiegt der Amboss. Wer ihn täglich zehnmal aus dem Wagen nimmt und später wieder hineinwuchtet, absolviert sein ganz persönliches Krafttraining.

Die Schmiede haben es aber auch mit Leichtgewichten zu tun. Die Hufe von Rennpferden werden mit Beschläge aus Aluminium oder Stahl geschützt. Traber bekommen ebenso spezifische Eisen wie Isländer und Galopper. „Ein Schmied“, sagt Schmidt gerade, „muss sich gründlich mit der Anatomie eines Pferdes auskennen und seinen Beruf mit Leidenschaft betreiben.“

Auch dieser Satz fände gewiss das Wohlwollen der Jury.

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