Berno Rohring entdeckte in seinem Haus ein jüdisches Ritualbad – und ein altes Medaillon im Türkasten
„Jettchen“ Löwensteins Geheimnis

Borken - Seltsam – aber man merkt diesem Raum an, dass er meist im Dunkeln liegt. Irgendwie haben sich die Mauern mit Finsternis vollgesogen. Unförmige Krabbeltiere krauchen in Nischen, als Berno Rohring den Schalter der Glühbirne umlegt.

Mittwoch, 01.04.2015, 08:04 Uhr

Es ist klamm hier unten, man geht gebeugt, um sich den Kopf nicht zu stoßen. „Daran sieht man, wie klein die Menschen früher waren“, sagt der Gemener Frisörmeister, dessen Vetter das Gewölbe 2002 bei Umbauarbeiten entdeckte. „Plötzlich war diese Öffnung da“, erinnert sich Rohring . Noch heute ist sie eng und die Stiege steil, die aus dem Erdgeschoss zum ehemaligen jüdischen Ritualbad hinabführt. Zwei Räume hat die Mikwe: Im hinteren ist ein Becken in den Boden gelassen, in dem sich jüdische Frauen einst nach der Men­struation wuschen. Im Dunkeln. Und: „Mit Quellwasser, das aus der Aa kam“, so Rohring.

Tante Jettchen

Das Haus Neustraße 5, in dem seine Tochter jetzt den Frisörsalon führt – es ist schmuck renoviert. Dennoch spürt man seine Geschichte, wenn man durch die Räume geht. Dicht fühlt sich das an. Dass es ein Teil der jüdischen Geschichte Ge­mens ist, erfahren all jene, die Rohrings Worten Gehör schenken. Seine Mutter, die gleich im nächsten Gebäude wohnte, kannte die letzte jüdische Bewohnerin gut, die 1938 eines natürlichen Todes starb: Henriette Löwenstein . „Oder Tante Jettchen, wie sie von allen genannt wurde“, erinnert sich der 72-Jährige.

Ein Geschichtsträchtiger Ort

Das Haus selbst ist viel, viel älter. Glaubt man den Geschichtsforschern, gehen die Kellergewölbe auf das Jahr 1660 zurück. 1864 sprechen sie von einem Feuer in der Nachbarschaft. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts war es das Stammhaus der Familie Löwenstein und bald der Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde, zu der etwa 60 Gläubige gehörten. Die Upkammer, in der heute Kunden des Frisörmeisters und seiner Tochter auf bequemen Stühlen Platz nehmen, wurde bis 1912 als Betsaal genutzt. Rohring selbst würde sie gern wieder dieser Bestimmung zuführen, sogar über die Beschaffung einer Thorarolle hat er nachgedacht. 1912 dann errichtete die Gemeinde eine eigene Synagoge – „was für ihr Selbstbewusstsein und ein fruchtbares Miteinander der Glaubensgemeinschaften spricht“, wie der Vorsitzende des Gemener Heimatvereins, Albert Rentmeister , betont. Vorbei war es damit in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, in der die Synagoge abbrannte und jüdische Häuser gestürmt wurden.

Mysteriöse Begegnungen

Berno Rohring für seinen Teil ist begeisterter Heimatforscher, seit er die Neustraße 5 sein eigen nennt. Mit leuchtenden Augen erzählt er von mysteriösen Begegnungen mit Leuten, die immer wieder vor seinem Hause stehen bleiben. Eine „Seherin“ sei darunter gewesen, sagt er, „die hat mir von toten Kindern erzählt und ist dann unten im Ritualbad zusammengebrochen“. Seither habe er vor, dort einen Stuhl hinzustellen. Das Haus, es gibt seine Geheimnisse nur peu à peu preis. So fiel dem Frisörmeister ein altes Gold-Medaillon in die Hände, mit Jettchen Löwensteins Konterfei darin. „Es war im Schlosskasten der Tür versteckt, und ich hätte es selbst gar nicht gefunden – wären nicht Einbrecher zuvor mit einer Brechstange zugange gewesen“, staunt der Besitzer.

Historische Bedeutung

Vor zwei Jahren konnte er es der Familie Löwenstein zurückgeben. Warum Tante Jettchen ihr Medaillon versteckte, Rohring weiß es nicht. Ebenso unvorbereitet traf ihn die Entdeckung der Mikwe unter seiner Upkammer. „Ehrlich gesagt“, wundert er sich, „habe ich nie drüber nachgedacht, was darunter sein könnte.“ Inzwischen hat die Stadt Borken die historische Bedeutung des früheren Ritualbads erkannt und die Mikwe in ihre Denkmalliste aufgenommen.

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