Gefährliche Smartphone-Nutzung im Verkehr
Tod durch das Handy

Münster -

Jeder weiß es: Das Smartphone am Steuer kann lebensgefährlich sein. Trotzdem wird es dauernd genutzt. Der Tod fährt mit.

Freitag, 10.04.2015, 08:04 Uhr

Erwischt wurde Tim B. noch nie, wenn er sein Handy beim Fahren benutzt. Der 25-Jährige ist oft und lange unterwegs, er pendelt jeden Tag 50 Kilometer zwischen seinem Wohnort und Münster , wo er studiert. In den meisten Fällen sind es Emails oder WhatsApp-Nachrichten, für die er einen Blick aufs Handy riskiert: „Wenn es klingelt, geh ich eigentlich fast immer dran.“ Er antworte dagegen eher selten. Sein Fahrverhalten verändert sich dennoch: „Ich hab schon mal gemerkt, dass ich ein bisschen zum Gegenverkehr abgedriftet bin.“

Tim B. ist einer von denen, die Glück hatten. Immer öfter führt das Handy zu grausamen Unfällen. Es ist ein Mittwoch vor fünf Jahren. Auf der Wolbecker Straße in Münster ist ein junger Vermessungstechniker mit seinem Kleintransporter unterwegs. Er bemerkt nicht, dass er auf die Gegenspur gerät. Wenige Sekunden später kollidiert er frontal mit einem entgegenkommenden Lastwagen.

Der 24-Jährige hat keine Chance. Zeugen des Unfalls werden später aussagen, der Mann habe sich umbringen wollen. Doch die Polizei glaubt nicht an einen Suizid – und behält Recht. Bei der Untersuchung der Unfallstelle finden die Beamten ein Handy. Der Fahrer hatte kurz vor dem Zusammenstoß eine SMS geschrieben. Es war seine letzte.

Wenn Udo Weiss , Polizeidirektor im Präsidium Münster, den Unfallhergang schildert, stockt seine Stimme ein wenig. Er wirkt gefasst, doch das Mitgefühl schwingt mit. Denn jeder Verkehrsunfall bedeutet Leid – für Familie und Freunde, die danach traumatisiert sind; für die Sanitäter, die am Unfallort oft nur noch den Tod feststellen können; für die Gerichtsmediziner, die die Leichen obduzieren. „Da erlebt man dann die gesamte Dramatik mit“, sagt Weiss.

Die Polizei setzt auf Präventionsveranstaltungen, um die von Handys im Straßenverkehr ausgehende Gefahr in das Bewusstsein der Menschen zu rücken. Außerdem nutzen die Beamten Newsletter und soziale Netzwerke, um insbesondere junge Menschen zu erreichen. Ein Originalfoto des zerstörten Unfallwagens des 24-Jährigen wurde in Postkartengröße gedruckt. Wer in Münster mit Handy am Steuer angehalten wird, erhält ein Exemplar – sowie einen Bußgeldbescheid über 60 Euro und einen Punkt in Flensburg.

Weseler Straße/Koldering, Richtung stadtauswärts: Um 11 Uhr an einem Donnerstagmorgen herrscht wenig Verkehr . Innerhalb von 40 Minuten fahren dort neun Autofahrer vorbei, die ihr Handy am Steuer benutzen. Nur drei von ihnen telefonieren; beispielsweise ein etwa 45 Jahre alter Mann in einem weißen Kombi, der mit dem Handy am Ohr in die Kreuzung rast. Die meisten Fahrer warten mit laufendem Motor an der roten Ampel, wenn sie zum Mobiltelefon greifen.

Ein junger Mann in einem schwarzen Golf blickt auf sein im Schoß liegendes Handy, als sein Wagen zum Stehen kommt. Erst als die Ampel auf Grün umschaltet und die hinter ihm wartenden Autos hupen, blickt er irritiert auf.

„Viele Menschen leiden heutzutage an einer Aufmerksamkeitssucht“, glaubt Dr. Werner Schindler vom Institut für Soziologie an der Universität Münster. Das verleite dazu, Hilfsmittel wie das Handy auch beim Fahren zu nutzen, um Neuigkeiten sofort zu lesen. Auch Polizeidirektor Udo Weiss kennt die Problematik: „Es wird erwartet, dass der moderne, leistungsfähige Mensch immer erreichbar ist.“  Während es sozial stigmatisiert sei, betrunken Alkohol zu fahren, sei die Handynutzung am Steuer gesellschaftlich akzeptiert.

Im Vergleich zu seinen Kommilitonen verwendet Tim B. sein Phone relativ selten. Meist schaut er aus Neugier aufs Display. Er sagt, er sei sich der Gefahr bewusst. Das falsche Sicherheitsgefühl ist verbreitet: 5000 Handyverstöße ahndet die Polizei in der Stadt jedes Jahr.


Smartphone am Steuer: Wo bleibt der Verstand?

Kommentar von Gunnar A. Pier

Tim B. aus unserem Artikel weiß, wie gefährlich das Hantieren mit dem Handy am Steuer ist. Und er tut es trotzdem. Wer derart unverantwortlich fährt,  gehört aus dem Verkehr gezogen!

Telefonierende, tippende, daddelnde und runterschauende Autofahrer gehören inzwischen zum Alltag auf deutschen Straßen. Verbote und Warnungen werden täglich tausendfach wie selbstverständlich ignoriert. Selbst von Leuten, die genau wissen, dass sie damit sich und andere gefährden.

Das ist kein Kavaliersdelikt! Das ist kein Spaß! Deshalb ist es genau richtig, dass die Polizei verstärkt darauf achten will. Dabei ist es zwar sinnvoll, aber zu spät, die Daddelei nachträglich als Unfallursache zu ermitteln. Wichtiger ist es, telefonierende Autofahrer rauszuwinken, 60 Euro zu kassieren und mit einem Flensburg-Punkt den Führerscheinentzug in Aussicht zu stellen.

Dass Kontrollen und Strafen nötig sind, um den Blick der Autofahrer wieder auf die Straße zu richten, ist dennoch verwunderlich. Wo bleibt die Einsicht? Wo ist der Verstand?

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3184471?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F4848633%2F4848642%2F
Priester wehrt sich gegen Ausbeutung in der Fleischindustrie
 Fleischfabriken in der Kritik: Die Arbeitsbedingungen sind dort nicht immer menschenwürdig. Fleischfabriken in der Kritik:Die Arbeitsbedingungen sind dort nicht immer menschenwürdig. imagoimages
Nachrichten-Ticker