Interview mit FMO-Geschäftsführer
Stöwer fordert mehr langfristiges Denken

Münsterland -

Seit Oktober 1996 führt Gerd Stöwer die Geschäfte des Flughafens Münster/Osnabrück. Unser Redaktionsmitglied Norbert Tiemann sprach mit ihm über die aktuelle Entwicklung und die mittelfristigen Perspektiven für den FMO.

Dienstag, 28.04.2015, 09:04 Uhr

Können Sie erläutern, warum der Flughafen nach einigen richtig guten Jahren finanziell so unter Druck geraten ist?

Gerd Stöwer : In den Jahren 1999 bis 2011 mussten unsere Eigentümer nicht einen Cent an Verlusten übernehmen. Die massive Veränderung unserer wirtschaftlichen Entwicklung nach 2011 hängt vor allem mit dem starken Verkehrsrückgang durch den Rückzug der Air Berlin und dem damit verbundenen Umsatzrückgang zusammen.

​Das nun in der politischen Abstimmung stehende Finanzierungskonzept hat eine Laufzeit von zehn Jahren und nimmt die Eigentümer finanziell erheblich in die Pflicht. Was steht am Ende, also 2025? Was ist das Ziel?

Stöwer: Am Ende des Betrachtungszeitraumes soll ein Flughafen mit dann wieder wettbewerbsfähigen Finanzstrukturen stehen. Durch die schnelle Rückführung unserer hohen Verbindlichkeiten soll das Unternehmen wieder die Chance erhalten, ohne oder mit nur geringen Mitteln der Eigentümer zurechtzu- kommen.

Wie hoch waren die Verbindlichkeiten des FMO zu Beginn des Entschuldungsplanes, wie hoch sind sie aktuell?

Stöwer: Unser Darlehnsstand bei Banken war Ende 2013 92,4 Mio. Euro, Ende 2014 84,0 Mio. € und wird Ende des laufenden Jahres 2015 bereits auf 68,8 Mio. €. sinken.

Sind abstürzende Passagierzahlen, eine erdrückende Finanzlast, ein nur in Spitzenzeiten annähernd voll genutztes Terminal 2 zu lange schöngeredet worden?

Stöwer: Halten wir zunächst fest, dass wir im letzten Jahr mit einer Fluggaststeigerung von nahezu fünf Prozent im Vergleich der deutschen Flughäfen ganz vorne lagen. Wir haben nichts schöngeredet, aber wir haben nicht vorhergesehen, wie stark der Druck durch Wettbewerber wird, die jährlich hohe Summen an finanziellen Mitteln von ihren Eigentümern über längere Zeiträume bekommen haben.

Stimmt es, dass ein Flughafen der Kategorie FMO rund vier Millionen Passagiere pro Jahr benötigt, um kostendeckend arbeiten zu können?

Stöwer: Das hängt von den jeweiligen Kostenstrukturen der Flughäfen ab. Wir haben im Jahr 2011 bei einer Fluggastzahl von 1,3 Mio. schwarze Zahlen geschrieben. Und hier meine ich das Gesamtergebnis inklusive Abschreibungen und Zinsen.

Die Luftverkehrsprognose aus dem Jahre 2002 sah für das laufende Jahr 2015 am FMO ein Fluggastaufkommen von bis zu vier Millionen Passagieren vor. Sie planen aktuell mit rund 850 000. Dazwischen liegen doch Welten . . .

Stöwer: Das war aber die Zahl inklusive des weiten Mittelstrecken- und touristischen Langstreckenverkehrs nach der Umsetzung des Startbahnprojektes, wozu es ja bisher nicht kam. Aber ich sagte ja bereits, wir hatten bei den damaligen Prognosen auch nicht einplanen können, dass in Folge der großen finanziellen Unterstützung anderer Flughäfen so viel Verkehr aus unserer Region abgesaugt wird.

Wurden Fehler gemacht, wenn ja, welche?

Stöwer: Unternehmer, die ständig Entscheidungen von besonderer Tragweite treffen müssen, machen natürlich Fehler. Dies gilt auch für mich. Aber auch hier gilt die alte Weisheit: Hinterher ist man immer schlauer. Wenn wir im Jahr 2000 geahnt hätten, dass Flughäfen im Umfeld unseres Airports hohe zweistellige Millionenbeträge von ihren Gesellschaftern bekommen und damit den Fluggesellschaften deutlich günstigere Angebote als wir machen können, hätten wir sicherlich einiges anders gemacht. Auch wenn uns jemand vorhergesagt hätte, dass unser größter Kunde, die Air Berlin, eine komplette Strategieumkehr vollzieht und kleinere Flughäfen verlässt, hätten wir vielleicht anders agiert. So etwas wieder aufzubauen, dauert einige Jahre.

Startbahnverlängerung, neues Terminal, Airport-Gewerbepark und Autobahnanschluss – ist da nicht eine sehr hohe Erwartungshaltung entstanden, die durch die aktuellen Fakten einfach nicht bedient wird? Ist das mehr als ein Kommunikationsproblem?

Stöwer: Wir müssen verstehen, dass es sich bei diesen Themen um infrastrukturelle Langfristprojekte handelt, deren Erfolg nicht sofort eintritt, sondern erst in mittel- bis langfristigen Zeiträumen. Dies ist bei jedem Flughafen so.

Dann frage ich anders: Wurden die Marktmöglichkeiten eines Regionalflughafens im Münsterland mit vielleicht viel zu hochfliegenden Plänen nicht doch erheblich überschätzt?

Stöwer: Der FMO ist kein Regionalflughafen, sondern seit vielen Jahren seitens der Landesregierung in die Kategorie der Internationalen Verkehrsflughäfen eingeordnet. Unterschätzt haben wir sicherlich die Wirkung des enormen Wettbewerbs mit anderen Flughäfen, der aber leider mit ungleichen Waffen geführt wurde.

Welche Potenziale im Flugbetrieb sehen Sie überhaupt noch für den FMO der Zukunft?

Stöwer: Bereits im letzten Jahr sind uns zahlreiche entscheidende Neuakquisitionen gelungen. Der Einstieg der Turkish Airlines und die Anbindung unserer Region an das dritte internationale Drehkreuz Istanbul, neben Frankfurt und München, war ein großer Erfolg. Dass die deutsche Qualitätsairline Germania nun immer mehr die ehemalige Rolle der Air Berlin im Touristikgeschäft am FMO wahrnimmt und mittlerweile 13 Urlaubsziele anbietet, ist ebenfalls positiv. Neue Strecken soll es auch in diesem Jahr noch geben. Sicherlich wäre es ganz falsch, jetzt schon wieder zu jubeln, aber den Kopf in den Sand zu stecken, bringt uns auch nicht weiter. Der Flughafen ist ein Langfristprojekt. Deshalb ist hier auch langfristiges Denken gefragt.

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