70 Jahre Kriegsende in Riesenbeck
Die Toten vom Brumleytal

Hörstel -

Wenn Paul Egbert (79) im Brumleytal steht, ist es wie eine Zeitreise. 70 Jahre zurück, als hier junge Menschen starben. Der Birgter erlebte eine der letzten Schlachten des Krieges aus nächster Nähe. Er wohnte zwischen den Fronten.

Donnerstag, 21.05.2015, 11:05 Uhr

Es ist alles friedlich. Die Sonne modelliert die Grabsteine. Mispeln glänzen tiefgrün. Die Toten ruhen im Wald. Paul Egbert (79) sitzt auf der Bank am Soldatenfriedhof im Birgter Brumleytal und blickt um sich. „Die Bauern können die Bäume hier immer noch nicht verkaufen“, seufzt er. Zu viele Granatsplitter stecken 70 Jahre nach dem Kriegsende im Holz.

Noch keine 18 Jahre

Wer nach dem kleinen Friedhof googelt, dem Zeugen des letzten sinnlosen Blutvergießens zu Ostern 1945 im Teutoburger Wald, der stößt auf die Seite des Ortes Niedersaubach-Rümmelbach im Saarland. Dort ist ein Bild von einem Soldaten zu sehen, der Akkordeon spielt. Günther Engel , bei der Bahn gelernt, geboren am 2. Mai 1927. Es wäre nur noch ein Monat bis zu seinem 18. Geburtstag gewesen, als er am 3. April 1945 in diesem Wald erschossen wurde.

 

Endgrablage: Reihe 2, Grab 4. Da liegt der Günther Engel aus dem Millersch Haus in Unterdorf. In jedem Grab liegen zwei Soldaten, 43 sind es hier, die meisten so alt wie er. Blutjunge Grenadiere, die in Fußmärschen von Celle bei Hannover an die Front getrieben wurden. Ausgelaugt, unerfahren, Artilleriefutter.

Die Tommybrücke

Die Front. Paul Egbert steht am Brumleyweg und zeigt in Richtung Kanal: „Da war die Tommybrücke.“ Am Karsamstag 1945 hatten die Englänger einen Brückenkopf in Riesenbeck eingerichtet, ihre Artillerie, rund 40 Geschütze, feuerte über den Teuto hinweg bis nach Ibbenbüren, außerdem standen dort zahlreiche Panzer in mehreren Reihen. Gegenüber am Teutohang hatten sich bis Ostermontag circa 300 deutsche Soldaten eingegraben. Schlecht ausgestattet, versuchten sie, den Vorstoß zu stoppen.

„Deutschland und England“, sagt Paul Egbert. Das lag hier ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Mittendrin das Haus der Familie Egbert: die Mutter mit ihren sechs Kindern, der Vater war noch eingezogen worden. Der Birgter erinnert sich daran, wie ganz am Anfang vier britische Panzer an seinem Elternhaus vorbeifuhren: „Für mich waren die riesig.“ Er war noch keine zehn Jahre alt.

 

Der erste Panzer wurde in Dörenthe vom Volkssturm „abgeschossen“. In ihm kam ein britischer Kommandant ums Leben, erinnert sich Egbert: „Und dann fing das Schießen an.“

Vier Tage Kämpfe

Am 3. April, Dienstag nach Ostern, überschritten die Engländer den Berg. Richtung Ibbenbüren. Die Kämpfe dauern vier Tage. Auf deutscher Seite starben mindestens 408 Soldaten. Im Brumleytal fallen allein 171 Engländer. An sie erinnert nur eine schäbige Gedenktafel vor der Firma Oase-Pumpen. „Beschämend“, sagt Paul Egbert, „für mich waren die Engländer die Befreier.“

Zuflucht im Steinwerk

Der Birgter besucht seine ehemalige Nachbarin Agnes Stegemann(83). Sie wohnt noch am Teuto, mit Blick auf den Kanal: „We häbbt dat guat hier“, sagt sie auf Platt. Über einen verwachsenen Weg geht es hinter ihrem Haus in einen alten Kalksteinbruch. Paul Egbert blickt die weißen Wände hoch, aber der Eingang zu der Höhle ist nicht mehr zu sehen, in der sich die Nachbarn vom Brumleytal versteckt hatten. „Zehn Meter tief, zwei Meter hoch“, sagt er, „vorne eine Luftschleuse.“ 40 Menschen brachten sich hier vor dem Beschuss in Sicherheit. Vier Tage lang, bis alles vorbei war.

Gegen das Schweigen

Paul Egbert hat seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben, für seine Kinder und Enkel. Zwölf Seiten widmet er der Schlacht am Brumleytal. Als die Waffen schwiegen, fuhren die Bauern in den Wald, um die Toten zu suchen. Einige Soldaten, die auf einem Verbandsplatz von Beschuss getroffen wurden, konnten nicht mehr identifiziert werden. Auch Egberts älterer Bruder half mit. Er kann bis heute nicht darüber reden.

„Als Kinder“, sagt Egbert, „sind wir später oft im Wald gewesen.“ Sie suchten die gefährlichen Altlasten des Krieges. Was sie da fanden, lässt ihm heute die Haare zu Berge stehen. Munition, Ausrüstung, Erinnerungsstücke.

Der Nachbar Müller Hardebeck kümmerte sich nach dem Krieg darum, den Soldaten-Friedhof herzurichten. Bei Google im Internet liest man, es sei ein „Heldenfriedhof“. Ein verbaler Versuch, das bittere Sterben zu beschönigen.

Heute stehen dort die dritten Denkmäler. Die schlichten Holzkreuze, die direkt nach dem Krieg aufgestellt wurden, als die Mutter und die Brüder von Günther Engel zur Gedenkfeier nach Riesenbeck kamen, sie sind verschwunden. Auf jedem von ihnen ruhte früher ein Stahlhelm.

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