Revolte auf dem Marktplatz
Das Dülmener Sommertheater hat mit „Metropolis“ vom „N. N. Theater“ effektvoll begonnen

Dülmen -

Die schöne Maria gehört zu den Arbeitern der Unterstadt. Dort gärt Widerstand gegen die Mächtigen, und weil Maria großen Einfluss auf die Menschen hat, ersinnt der Herrscher Fredersen einen perfiden Plan: Er lässt sich vom verrückten Wissenschaftler Rotwang einen künstlichen Menschen als Kopie Marias erschaffen, mit dem er die Massen lenken will.

Mittwoch, 15.07.2015, 18:07 Uhr

Die Arbeiter in der Unterstadt müssen schuften. Kein Wunder, dass sie sich irgendwann mit bekannten Parolen unter die Menschen mischen: „Gemeinsam sind wir stark! Alle Menschen werden Brüder! Wir sind das Volk!“
Die Arbeiter in der Unterstadt müssen schuften. Kein Wunder, dass sie sich irgendwann mit bekannten Parolen unter die Menschen mischen: „Gemeinsam sind wir stark! Alle Menschen werden Brüder! Wir sind das Volk!“ Foto: Jürgen Peperhowe

Mit diesem inhaltlichen Kunstgriff verband der Filmregisseur Fritz Lang im legendären „Metropolis“ die Themenbereiche Aufstand der Massen und künstliches Leben. Ein Fixpunkt der Filmhandlung, den das Kölner „N. N. Theater“ in seiner Bearbeitung üppig ausmalt: In einem charmant-naiven Zaubertrick erscheint links auf der Bühne das Opfer Maria in einer zylindrischen Verhüllung, um dann rechts aus einem ähnlichen Zylinder als künstlicher Mensch hervorzuwachsen – gespielt natürlich von derselben Schauspielerin, Aischa Lina Löbbert . Als zauseliger Magier, halb Faust und halb Frankenstein , wuselt Irene Schwarz dazwischen und verhilft dem Maschinenwesen auch noch zu den emotionalen Regungen seines Vorbildes – was im weiteren Verlauf dazu führt, dass die künstliche Maria stets unmotiviert lacht und weint, weil es ihr so eingeimpft wurde. Eine schöne Idee.

Das Publikum auf dem Dülmener Marktplatz hatte bei der Premierenvorstellung des diesjährigen Sommertheaters großen Spaß an dieser Verwandlungsszene. Sie steht stellvertretend für die gesamte Bearbeitung, denn ein Straßentheater kann ja auch mit dem größten Aufwand nicht die Menschenmassen und nicht die architektonischen Fantasien nachahmen, die Fritz Langs Stummfilm zur Kino-Ikone machten. Also schmücken sie Kernszenen aus oder erfinden fröhlich etwas, die Dialoge etwa oder die Raumschiff-Enterprise-Nummer, mit der das zweistündige Stück eingerahmt ist. Und demonstrieren, wie man aus der vermeintlichen Not eine thea­trale Tugend macht: Ein Küchensieb an der Angel wird zum Raumschiff, und wenn die künstliche Maria auf dem Scheiterhaufen stirbt und ihr Roboter-Inneres offenbart, ersetzen zitterndes rotes Papier und ein Haufen Kabel die aufwendigen Film-Bauten.

In bekannter Manier wirbeln die vier N.N.-Darsteller (Nils Buchholz und Oliver Schnelker sind Vater und Sohn Freder) über eine Bühne, deren bewegliche Streben effektvoll den Kontrast zwischen Ober- und Unterstadt illustrieren. Musiker und Mitspieler Bernd Kaftan entfacht allerlei Klangzauber, in dem die sphärischen Klänge des elektronischen Instruments Theremin eine besondere Rolle spielen: Sie jaulen auch witzig die Enterprise-Musik. Lediglich das Liebesduett am Schluss wirkt sehr Musical-mäßig.

„Die Stadt säuft ab!“, heißt es übrigens im Film von Fritz Lang. Das war am Dienstagabend kein Problem: Der Regen hatte sich verzogen, die Stimmung war prächtig. Am kommenden Dienstag geht’s mit den „Black Blues Brothers“ weiter.

 

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