Polizisten warnen Marktbesucher
Taschendiebstähle sind ein krimineller Wachstumsmarkt

Münster -

Was für ein Tag: Am Obst- und Gemüsestand debattiert eine Frau – mutmaßlich 75 Jahre alt – mit einer Marktbeschickerin über die Qualität der rotwangigen Äpfel und scheint darüber völlig vergessen zu haben, dass ihre geöffnete Handtasche am Griff ihres Rollators baumelt. 

Sonntag, 27.09.2015, 17:09 Uhr

Polizisten warnen Marktbesucher : Taschendiebstähle sind ein krimineller Wachstumsmarkt
Ganz leicht:Klaus Schäckermann spricht mit einer Passantin, und Frank Beuing zeigt, wie leicht ein Taschendieb an seine Beute kommt. Foto: Jürgen Peperhowe

Ein paar Meter weiter plaudern fünf jüngere Frauen – die Polizisten bezeichnen sie gern als die „Kinderwagen-Fraktion“ – an einem Kaffeestand und lassen ihre Wagen und Taschen unbeaufsichtigt, um eine neu hinzukommende Freundin zu herzen.

Und wieder ein paar Schritte weiter bietet ein Bettler einem älteren Paar seine Hilfe an. Der Mann hilft seiner Frau, die Stufen zum Dom zu bezwingen, während der Bettler hinter ihnen den Rollstuhl die Treppe hinaufbugsiert. „Lauter Klassiker“, kommentieren die beiden Polizeibeamten Klaus Schäckermann und Frank Beuing.

Was in dieser zeitlichen Dichte nahezu inszeniert wirkt, ist Alltag auf dem Wochenmarkt vor Münsters Dom. Nirgends sonst fühlen sich Taschendiebe so wohl wie auf Plätzen, die schwer zu passieren und immer belebt sind.

Warnplakat der Polizei

Seit einem Jahr ist der Domplatz jeden Mittwoch und Samstag der Arbeitsplatz der beiden Uniformierten und ihrer Kollegen aus der Präventionsabteilung der Polizei Münster. Ihr Arbeitsauftrag: Bürger anzusprechen, wenn sie ihre Wertsachen allzu sorglos mit sich herumtragen. Und wenn sie dann obendrein einen Diebstahl beobachten und einschreiten können – nun, dann ist das natürlich die Krönung ihrer Tätigkeit.

„Als wir hier angefangen haben, hatte die Zahl der Taschendiebstähle ihren Höchststand erreicht“, erzählt Schäckermann. „Seitdem wir hier sind, ist die Quote um 70 bis 80 Prozent gesunken.“ Die Männer machen sich allerdings nichts vor: „Das führt natürlich zur Verdrängung.“ Und zwar dorthin, wo nicht gerade wachsame Polizisten stehen.

Ohnehin ist der Taschendiebstahl ein krimineller Wachstumsmarkt. „1100 Diebstähle werden bei uns angezeigt“, sagt Ralf Bleeck , der das Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz leitet. Wie hoch die Zahl der nicht angezeigten Taschendiebstähle ist – das weiß kein Mensch. Sie wird erheblich sein, so viel ist gewiss.

Zum Thema

Grundsätzliche Tipps der Polizei, die Taschendieben das Leben schwer machen sollen:

► Führen Sie an Bargeld, EC- oder Kreditkarten nur das Notwendige mit.

► Führen Sie Bargeld, EC- und Kreditkarten am Körper verteilt mit sich, möglichst mit Gürteltaschen oder Brustbeuteln.

► Tragen Sie Ihre Tasche immer verschlossen mit dem Verschluss zur Körperseite. Lassen Sie Ihre Tasche nie unbeaufsichtigt.

► Fassen Sie mit der Hand unter die Tasche, falls der Trageriemen unbemerkt durchtrennt wird. Wertgegenstände gehören nicht in den Rucksack.

Und wenn es zum Diebstahl gekommen ist:

► Melden Sie den Diebstahl direkt der Polizei.

► Stellen Sie sich als Zeuge zur Verfügung.

► Machen Sie andere auf den Dieb aufmerksam.

► Prägen Sie sich die Täterbeschreibung ein.

Die wichtigsten Telefonnummern:

► Der Notruf der Polizei: 110

► Zentraler Sperr-Notruf: 116-116

► Mastercard: 0800-8 191 0 40

► Visa-Card: 0800-8 118 4 40

► EC-/Debitkarten: 0180-5 021 021

...

Schäckermann und Beuing lächeln sich gerade verschwörerisch an. Vor zehn Minuten haben sie eine Frau angesprochen, die einen textilen Rucksack auf dem Rücken trug. „Ein Schnitt mit der Rasierklinge – und Portemonnaie und Handy sind weg“, haben sie die gut 50-Jährige gewarnt. Jetzt trägt sie den Rucksack so, wie es ihr die beiden Männer empfohlen haben – vor der Brust und sicherheitshalber mit einer Hand auf dem Stoff zusätzlich geschützt. Wahrhaft vorbildlich.

Die Sorglosigkeit der Menschen bringt die Polizisten nur selten aus der Fassung. Vermutlich, weil sie schon sämtliche denkbaren Torheiten beobachtet haben. Wertsachen im offenen Einkaufskorb beispielsweise oder sichtbare Geldscheine auf Babys Decke im Kinderwagen. Nicht verstehen können sie jedoch Menschen, die sich als vollkommen beratungsresistent erweisen. „Geht Sie doch nichts an, wie ich meine Tasche trage“, muffeln sie gelegentlich auf entsprechende Hinweise zurück.

Die meisten Angesprochenen reagieren jedoch gepflegt – und fast immer mit dem sichtbaren Gefühl, bei einer Nachlässigkeit ertappt worden zu sein. „Ich mache das sonst nie“ – niemand zählt mit, wie oft die Polizisten diese Ausflucht hören.

Einen Teil der Bettler, die vor Geschäften und Kirchen um Zuwendungen bitten, ordnet die Polizei der Taschendiebstahlsszene zu. Beweisen lässt sich dies allerdings nur, wenn die Männer und Frauen bei ihrer Langfingerarbeit entdeckt werden.

„Es ist in Ordnung, wenn mit einem Becher und einem Schild gebettelt wird“, sagt Beuing. Betteln der offensiven Art nehmen die Polizisten allerdings nicht hin. „Wir haben hier einige Leute, die Gäste direkt in Straßencafés anbetteln und erst gehen, wenn sie ihren Euro bekommen haben.“ Wenn sie die Uniformierten sehen, verlassen sie schleunigst ihren einträglichen Arbeitsplatz – die Prävention wirkt, wie sich zeigt, augenblicklich.

Taschendiebstähle sind so lukrativ, dass sich immer häufiger die organisierte Kriminalität ihrer annimmt. „Die Leute sind manchmal zu fünft unterwegs“, erzählt Schäckermann. Zwei sichern das Umfeld, einer lenkt ab, zwei arbeiten fingerfertig. Als Hilfsmittel dienen ihnen gern Stadtpläne, die sie ihren Opfern zeigen. Kürzlich hat ein junger Mann einen Diebstahl angezeigt, der so rasch vollzogen wurde, dass ihm kaum Zeit für mehr als ein paar Wimpernschläge blieb. Er nestelte seine Handykopfhörer aus den Ohren, spendierte die gewünschte Zigarette, legte die Kopfhörer wieder an – und hörte nichts, weil ihm mittlerweile das Handy gestohlen worden war.

Zweimal im Monat fährt die Polizei mit einem Infomobil auf den Domplatz und baut Stände auf. Ralf Bleeck ordnet am Stehtisch gerade die Flyer, die er, ein begabter Hobbymaler, mit Bildern von Taschendiebstahlsszenen dekoriert hat. Eine Französin fragt mit charmant anzuhörendem Akzent, ob sie sich bedienen dürfe, und versucht, den Kern der für sie ungewohnten Botschaft zu entschlüsseln: „Lass dir nicht die Patte mopsen“. Ihre Tasche, orangefarben wie ihre Schuhe und ihr Mantel, trägt sie vorbildlich nach vorn gewandt und mit einer Hand fixiert. „Für Münster reicht das.“ In Paris verbirgt sie ihre Tasche zusätzlich unter ihrem Mantel. „Dort ist es noch viel, viel schlimmer.“

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