Studie: Schülerinnen schlechter bewertet
Mädchen im Nachteil

Münster -

Physiklehrerinnen mit wenig Berufserfahrung benoten Mädchen bei gleicher Leistung deutlich schlechter als Jungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus der Schweiz.

Dienstag, 26.01.2016, 01:01 Uhr

Gleiche Noten für gleiche Leistung sind nicht selbstverständlich. Wissenschaftler der ETH Zürich haben nachgewiesen, dass unerfahrene Lehrer Mädchen in Physik schlechter bewerten.
Gleiche Noten für gleiche Leistung sind nicht selbstverständlich. Wissenschaftler der ETH Zürich haben nachgewiesen, dass unerfahrene Lehrer Mädchen in Physik schlechter bewerten. Foto: coulorbox.de

 „Lehrer mit wenig Berufserfahrung lassen sich bei der Benotung womöglich mehr vom Vorurteil leiten, Mädchen seien in Physik schlechter als Knaben“, schreibt Sarah Hofer von der ETH Zürich in ihrer Studie „Studying Gender Bias in Physics Grading: The role of teaching experience and country“, die jetzt im International Journal of Science Education erschienen ist. Physikprofessorin Dr. Cornelia Denz von der Universität Münster kennt diese Problematik.

Die Schweizer Wissenschaftlerin ließ 780 Lehrer aus der Schweiz, Deutschland und Österreich fiktive Schülerantworten bewerten. Die Lehrer erhielten dieselben Antworten, dazu aber unterschiedliche Angaben, ob es sich um Mädchen oder Jungen handelt. Während das Geschlecht der Schüler bei Lehrern mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung keine Rolle spielte, fiel die Benotung von Mädchen durch deutsche Lehrerinnen mit fünf und weniger Jahren Erfahrung „signifikant“ schlechter aus: Sie benachteiligten Schülerinnen im Schnitt um fast eine ganze Note (0,9).

Überraschenderweise ließ sich diese Diskriminierung zwar bei weiblichen Lehrkräften in Deutschland sowie Schweizer und Österreicher Lehrern beiden Geschlechts nachweisen. „Deutsche männliche Lehrer zeigten dagegen überhaupt keine Effekte von Vorurteilen gegenüber dem Geschlecht“, so Hofer. Eine mögliche Erklärung ist, „dass die deutschen (männlichen) Lehrer wegen Förderprogrammen für Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik, Technik) speziell sensibilisierter seien als ihre Kollegen in den anderen untersuchten Ländern“. Allerdings gibt Hofer zu bedenken, dass es in allen drei Ländern solche Programme gebe.

Physikprofessorin Dr. Cornelia Denz von der Universität Münster kennt ähnliche Studien, die bereits seit den 80er Jahren bestätigen, dass Stereotype über Mädchen und Frauen zu Benachteiligung führen. „Das betrifft nicht nur Physik, sondern alle Bereiche, für die man vermeintlich ein Talent braucht“ – neben Mathe und Physik sind das zum Beispiel Musikkomposition, Philosophie, Informatik und Ingenieurwissenschaften. Auch aus der Wissenschaft weiß sie: „Eine Frau muss mehr publizieren als ein Mann, um als gleichwertig anerkannt zu werden.“

Deshalb sei es wichtig, zum einen stereotypbehaftete Fakten über Schüler wie Namen, Alter und Geschlecht bei der Bewertung von Leistungen unkenntlich zu machen, Tests also zu anonymisieren, sagt die Physikerin, die seit Anfang dieses Jahres eine von sechs Professuren in NRW für Geschlechterforschung innehat. Zugleich müssen Lehrer in der Aus- und Weiterbildung noch stärker dafür sensibilisiert werden, dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Kompetenzen bei der Lösung von Aufgaben aufweisen.

Dieser bewusste Umgang mit unterschiedlichen, aber gleichwertigen Herangehensweisen geschehe noch nicht flächendeckend und systematisch. Sie rät Eltern, die das Gefühl haben, ihr Kind werde ungerecht benotet, nicht in Konfrontation mit einzelnen Lehrern zu gehen. Hilfreicher sei es, Genderschulungen und die Herausgabe von Anleitungen zur Gleichbehandlung anzuregen. Gerade Witze von Lehrern, die den Mädchen die eigene Kompetenz absprechen, wirken sehr stark nach. „Vielleicht sagt ein Lehrer das nur aus Stress, aber die Wirkung ist fatal“, so die 52-jährige Mutter von zwei Kindern.

Zum Thema

Die Studie im Netz: hier .

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3761561?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F4848620%2F4848632%2F
Der Münsteraner, der von Stauffenbergs Attentats-Plänen wusste
Zwischen 1940 und 1944 gehörte Paulus van Husen dem Oberkommando der Wehrmacht an.
Nachrichten-Ticker