Anhalter-Morde
"Münsterlandmörder": Spurensuche auf dem Friedhof

Nordhorn/Lingen -

Die Morde an vier jungen Frauen im Münsterland vor mehr als 40 Jahren beschäftigen nach wie vor die Kriminalpolizei. Jetzt ist neuer Schwung in die Ermittlungen gekommen. Vor wenigen Tagen gab es in diesem Zusammenhang eine Graböffnung. Einem Toten wurde DNA entnommen.

Freitag, 02.09.2016, 14:45 Uhr aktualisiert: 02.09.2016, 17:03 Uhr
Das Grab blieb nur kurze Zeit leer. Nach der Exhumierung wurde der Verstorbene erneut bestattet. Der in der Grafschaft Bentheim beigesetzte Mann steht in Verdacht, vor über 40 Jahren etwas mit der von Marlies Hemmer (u.l.), Barbara Storm (o.l.), Edeltraud van Boxel (o.r.) und Erika Kunze zu tun zu haben.
Das Grab blieb nur kurze Zeit leer. Nach der Exhumierung wurde der Verstorbene erneut bestattet. Foto: Irene Schmidt

Führt Spur 916 zum Erfolg? - Als die junge Prostituierte Edeltraud van Boxel aus Münster im November 1971 ermordet und bei Burgsteinfurt ihre Leiche abgelegt wurde, war der Verdächtige 19 Jahre alt. Hat er die 23-Jährige sowie 1971 die 20-jährige Barbara Storm aus Schüttorf, 1973 Marlies Hemmers (17) aus Nordhorn und 1974 die 22-jährige Studentin Erika Kunze aus Nordhorn umgebracht?

Ein junger blonder Mann aus der Grafschaft geriet damals zumindest kurz in den Fokus der Ermittler, wie alte Vernehmungsprotokolle ergeben. Spurenakte 916 im Mordfall Erika Kunze dokumentiert das. Der Mann war vier Jahre nach dem Mord an Kunze aufgrund einer anderen schweren Straftat verhaftet und vernommen worden. Allerdings kam die Polizei damals zu dem Schluss, dass er wahrscheinlich nicht „der Richtige“ sei. Es gab keine handfesten Beweise, die ihm hätten zugeordnet werden können. DNA-Analysen waren damals in der Kriminaltechnik noch nicht im Einsatz. Spurenakte 916 wurde geschlossen.

Suche nach dem „Münsterlandmörder“

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  • Mit diesem Phantombild hat die Polizei den Täter gesucht. Er müsste jetzt Mitte bis Anfang 60 sein.

    Foto: Polizei
  • Edeltraud van Boxel aus Münster ist 1971 wohl das erste Opfer des „Münsterlandmörders“.

    Foto: Polizei
  • Die schwarze Tasche des Mordopfers.

    Foto: Burkert, Steffen
  • In einem VW-Käfer wurde das Opfer transportiert.

    Foto: Jürgen Lüken
  • Barbara Storm wurde nur 20 Jahre alt. Sie starb zwischen dem Abend des 15. Mai und dem 17. Mai

    Foto: Polizei
  • Die weinrote Handtasche von Barbara Storm bleibt verschwunden, ebenso ein weiß-rotes Kosmetiktäschchen. Die Handtasche war aus Kunstleder (Skai) mit langem Schulterriemen.

    Foto: Polizei
  • Dieses Plakat hat Kriminalhauptkommissar Poll schon als Achtjähriger berührt.

    Foto: Westörp, Werner
  • Marlies Hemmers aus Nordhorn wollte nach Wien trampen. Nahe Dülmen wurde ihre Leiche gefunden.

    Foto: Polizei
  • In der Franzosenschlucht trennt sich Marlies Hemmers von ihrem Freund, um alleine weiterzureisen.

    Foto: GN-Archiv
  • Das vierte und letzte Opfer im Rahmen der Mädchenmorde im Münsterland war im Oktober 1974 Erika Kunze.

    Foto: Polizei
  • Das Buch „Jugend und Krise“ von Erik H. Erikson hatte sich Erika Kunze am Tag ihres Verschwindens in der Unibücherei ausgeliehen.

    Foto: Westdörp, Werner
  • Eine Plastiktasche mit Blütenmuster, mit der Erika Kunze Bücher transportierte.

    Foto: Polizei
  • An den schwarz markierten Orten wurden die vier Frauen zuletzt gesehen, die roten Punkte kennzeichnen die Leichenfundorte.

    Foto: Grafik: Lisa Stetzkamp

Die Recherchen führten dazu, dass Kriminalisten in Nordhorn und Münster im Dezember 2015 kistenweise Asservate und alte Akten aus den Archiven holten und darüber hinaus neuen Hinweisen, die nach der Berichterstattung eintrafen, nachgingen. 

Zur Autorin

Die Autorin dieses Textes und der verknüpften Artikel ist stellvertretende Chefredakteurin der Grafschafter Nachrichten (GN) in Nordhorn. Die Texte erscheinen in einer gemeinsamen Initiative in den GN, der Neuen Osnabrücker Zeitung und unserer Zeitung.

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Zwar verjährt Mord niemals, und sporadisch werden solche „cold cases“ (kalte Fälle) überprüft, doch Eckhard Klemp, Kriminalhauptkommissar bei der Polizeiinspektion Emsland-Grafschaft Bentheim, „kniete sich in die verstaubten Akten“ so richtig hinein und Spur 916 weckte bei ihm aufgrund einzelner Details großes Interesse. Könnte das vielleicht doch ein Treffer sein?

Parallel dazu hatte Kriminalhauptkommissar Joachim Poll aus Münster unter den Asservaten im Mordfall Storm einen Fingernagel gefunden, unter dem Ende der 1990er-Jahre DNA-Spuren nachgewiesen wurden. Würde das die Ermittler weiterbringen?

Inzwischen hatte Eckhard Klemp herausgefunden, dass der Verdächtige aus Spur 916 verstorben und auf einem Friedhof in der Grafschaft Bentheim bestattet worden ist. Nach längeren juristischen Überlegungen gaben ein Richter und die Staatsanwaltschaft Osnabrück „Grünes Licht“ für eine Exhumierung. Nur so könne ausgeschlossen werden, dass der Verdächtige von damals entweder für den Mord – zumindest an Barbara Storm – in Frage kommt oder nicht. „Wir werden diesen Verdacht klären“, räumte Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp aus Osnabrück in der vergangenen Woche ein. Am Dienstag war es soweit.

Wir werden den  Verdacht klären.

Oberstaatsanwalt Hubert Feldkamp

Im Morgengrauen begannen die Friedhofsgärtner damit, das Grab zu öffnen. Zwei Stunden später stand der schwere Eichensarg im Vorbereitungsraum der Friedhofshalle und wurde im Beisein von zwei Kripobeamten aus Lingen sowie zwei Mitarbeiterinnen des Gerichtsmedizinischen Instituts in Oldenburg geöffnet. „Es wird nur DNA-Material entnommen“, hatte der Oberstaatsanwalt angekündigt. Und so konnte nach kurzer Zeit der Sarg wieder geschlossen und über den stillen Friedhof zurück an seinen Liegeplatz gebracht werden. Umgehend wurde die Grabstelle in ihren vorherigen gepflegten Zustand zurückversetzt.

Die Untersuchung der DNA-Proben kann einige Wochen dauern. Es sei auch aus seiner Sicht wichtig, das Ergebnis bald zu bekommen, damit die Angehörigen ebenfalls aus ihrer Ungewissheit befreit werden, so einer der Kriminalbeamten. Die Angehörigen des verstorbenen Mannes waren erst kurzfristig über die Exhumierung informiert worden. Immerhin könne das Ergebnis auch lauten, dass ein im Hinblick auf die ungeklärten Mädchenmorde Unschuldiger in seiner Totenruhe gestört worden ist. Dann ginge die Auswertung der Spuren weiter.

Fußnote

Stehen die Anhaltermorde aus den Jahren 1971 bis 1974 wirklich vor der Aufklärung? Denkbar ist das schon, auch wenn ebensoviele alte Erkenntnisse für diese Theorie wie dagegen sprechen. Nur der DNA-Test kann daher Auskunft geben und der Kriminalpolizei ermöglichen, diese Akte zu schließen, oder aber weiter damit zu arbeiten. Das Verfahren an sich stellt für die Hinterbliebenen des Mannes eine äußerst schwere emotionale Belastung dar. Ihre Privatsphäre muss berücksichtigt werden. Aus Gründen der journalistischen Ethik geben die GN deshalb keine Hinweise, die einen Rückschluss über die Örtlichkeit der Exhumierung oder die Person erlauben.

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