Preis des Westfälischen Friedens
„Abdullah ist ein Faktor der Stabilität“

Münster -

König Abdullah II. von Jordanien führt „Krieg“ gegen den IS in Syrien, außerdem steht er in der Kritik wegen fehlender Presse- und Redefreiheit in seinem Land. Reinhard Zinkann von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe erklärt, warum er am Samstag trotzdem den Preis des Westfälischen Friedens erhält.

Mittwoch, 05.10.2016, 13:10 Uhr

Staatsoberhäupter, die sich am Samstag in Münster wiedersehen werden: Bundespräsident Gauck (rechts) wird die Laudatio auf den Friedenspreisträger König Abdullah II. halten, der von seiner Frau Rania begleitet wird.
Staatsoberhäupter, die sich am Samstag in Münster wiedersehen werden: Bundespräsident Gauck (rechts) wird die Laudatio auf den Friedenspreisträger König Abdullah II. halten, der von seiner Frau Rania begleitet wird. Foto: dpa

Am kommenden Samstag verleiht die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe (WWL) den Internationalen Preis des Westfälischen Friedens an den jordanischen König Abdullah II. und die „ Aktion Sühnezeichen Friedensdienste “. Ralf Geisenhanslüke sprach mit dem WWL-Vorsitzenden Reinhard Zinkann über die Preisverleihung, zu der auch Bundespräsident Gauck als Laudator erwartet wird.

Was zeichnet den König als Preisträger besonders aus?

Zinkann: Nach Meinung der Jury sind dies zuvorderst seine Rolle als stabilisierender Faktor in einer von Kriegen geschüttelten Region, seine Absage an jede Art von Fundamentalismus und, last but not least, sein aktuelles Flüchtlingsengagement. König Abdullah II. vertritt die Position, dass Sicherheit und Frieden von der Koexistenz aller Religionsgemeinschaften abhängen. Gerechter und dauerhafter Frieden ist seiner Meinung nach die stärkste Waffe gegen Extremismus; daher müsse es mit allen Nachbarn eine Friedenslösung geben, auch mit dem Iran. Dabei nimmt er auch persönliche Risiken in Kauf, etwa durch die Art, wie er selbst in Krisenzeiten öffentlich in Erscheinung tritt.

Kennen Sie König Abdullah II. persönlich?

Zinkann: Nein, persönlich getroffen oder gesprochen habe ich ihn noch nicht. Umso mehr freue ich mich darüber, dass der König, dies übrigens stellvertretend für sein gesamtes Volk, unseren Preis entgegennimmt und wir ihn dazu mit der Königin in Münster begrüßen können.

Reinhard Zinkann

Reinhard Zinkann Foto: Jürgen Peperhowe

Welche Eigenschaften und Taten bewundern Sie besonders?

Zinkann: Ich bewundere den persönlichen Mut des Königs und ebenso der Königin, aber auch den Willen beider, ihr Land an ein weiterentwickeltes Demokratieverständnis heranzuführen. Das sage ich sehr bewusst, weil in arabischen Ländern zurzeit andere Themen im Vordergrund stehen: Dort geht es zunächst ums Überleben, um Sicherheit und die Wiedererlangung eines friedlichen Miteinanders. Auch hält er seine Grenzen offen für Flüchtlinge, allein etwa für 1,3 Millionen aus Syrien. Abdullah unterstützt die Flüchtlinge zudem mit seinen persönlichen Mitteln.

Mit König Abdullah II. wird zum ersten Mal ein gekröntes Oberhaupt mit dem Preis ausgezeichnet. Versprechen Sie sich davon eine besondere Wirkung in der arabischen Welt und im Mittleren Osten?

Zinkann: Der Nahe und Mittlere Osten ist wie kaum eine andere Region der Welt seit Jahrzehnten Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Da liegt es nahe, bei einem Preis, der herausragende Beiträge zu Frieden und Völkerverständigung würdigt, diese Region besonders im Blick zu haben. Nach Daniel Barenboim, dem West Eastern Divan Orchestra und dem Libanon-Projekt der Jungen Malteser ist nun der Preis für den König von Jordanien die vierte Auszeichnung mit direktem Bezug zu dieser Region. Natürlich wollen wir damit auch das Signal setzen, dass es lohnt, sich für friedliche Koexistenz einzusetzen und Beispiele zu geben, denen andere folgen mögen.

Gibt es „Friedensleistungen“ des Königs, die wir noch nicht kennen?

Zinkann: Uns geht es in erster Linie darum, dass es inmitten einer durch Kriege gezeichneten Region eine Person gibt, die in ihrem Land Frieden und Ordnung erhält und zugleich einen wesentlichen Beitrag für eine vergleichsweise heimatnahe Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen sorgt.

Aber der König führt „Krieg“ gegen den IS in Syrien. Passt das zum Friedenspreis oder wird mit der Preisverleihung auch symbolisch der Kampf gegen den IS unterstützt?

Zinkann: Ja, denn hier geht es um Bekämpfung von Terror. Wenn 14-jährige Kinder zu Selbstmordattentätern gemacht werden, wenn in den Flüchtlingslagern die Hoffnungslosigkeit der Menschen dafür genutzt wird, diese in Hass umzudrehen und daraus dann Verblendung und Attentate entstehen, dann muss man das mit aller Entschiedenheit bekämpfen. Den Vormarsch des IS zu stoppen, liegt deshalb im Interesse der gesamten Weltgemeinschaft, und dafür ist starkes Militär notwendig. Wir haben auch Helmut Schmidt ausgezeichnet, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Standhaftigkeit beim Nato-Doppelbeschluss, und weil er dem Terror widerstanden hat.

Der König steht allerdings in der Kritik wegen der fehlenden Presse- und Redefreiheit in seinem Land.

Zinkann: In einer Region, in der es um Leben und Überleben geht, ist dies für die Menschen vor Ort nicht die vorrangige Frage. Und wenn wir alle Länder als Gesprächspartner ablehnten, die sich nach unseren Maßstäben nicht in jeder Hinsicht demokratisch verhalten, blieben nur noch wenige übrig. Bedenken Sie, dass Menschen aller Konfliktparteien auch in Jordanien leben. Wenn Abdullah alles so frei handhaben würde, wie wir es in Deutschland kennen, wäre es mit dem Frieden im Land womöglich schnell vorbei. Und trotzdem: Nach allem, was ich lese und höre und auch aus persönlichen Erlebnissen weiß, lässt es sich in Jordanien freier und selbstbestimmter leben als in den meisten anderen Ländern der Region.

Warum ist die „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ als Jugendpreisträger in diesem Jahr die geeignete Ergänzung zum jordanischen König?

Zinkann: Sie ist deshalb ein passendes Pendant zum Thema Frieden im arabischen Raum, weil die jungen Menschen sich zum Beispiel dafür einsetzen, dass die historischen Verbrechen, die in unserem eigenen Land begangen worden sind, nicht in Vergessenheit geraten. Ich habe das Gefühl, dass dieser Teil der Geschichte in der heute jungen Generation nicht mehr so präsent ist wie beispielsweise während meiner eigenen Schulzeit. Unser erster Bundespräsident Theodor Heuss verwehrte sich gegen eine „Kollektivschuld“ der Deutschen, sprach stattdessen aber von einer „Kollektivscham“. Was daraus für heute folgt, zum Beispiel für den Umgang junger Menschen aus verschiedenen Ländern miteinander oder auch mit Blick auf die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen – auch das hat unmittelbar zu tun mit Frieden und Völkerverständigung.

Was imponiert Ihnen an der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ besonders?

Zinkann: Die Jugendlichen gestalten internationale Jugendcamps und begleiten ältere Menschen, insbesondere Überlebende der NS-Verbrechen. Sie helfen Flüchtlingen, Obdachlosen sowie physisch oder psychisch Kranken und engagieren sich gegen Rassismus und Ausgrenzung von Minderheiten.

Also sind die Jugendlichen der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ als Preisträger in diesen bewegten Monaten auch ein deutliches Signal gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus?

Zinkann: Ja, selbstverständlich, denn wer all dies tut, neugierig, engagiert und weltoffen, der lebt das Gegenteil von Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz vor – und leistet so ebenfalls wichtige Beiträge zu einer langfristigen Sicherung des Friedens.

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