Ende einer Dienstzeit: Lena Bröder gibt ihre Miss-Germany-Krone weiter
Pult am Ende des Laufstegs

Nur eine Sekunde lang lässt Lena Bröder ihrer Überwältigung freien Lauf. Ihre braunen Augen werden größer, dann schlägt sie die Hände vors Gesicht. Die Nordwalderin ist am Ziel ihrer Träume – gewählt zur schönsten Frau Deutschlands. Dann schaltet ihre Mimik wieder auf Autopilot. Die Miss Germany strahlt mit dem Blitzlichtgewitter um die Wette. Ein Jahr später endete nun ihre Amtszeit. Im Europapark in Rust reichte sie die Krone weiter an ihre Nachfolgerin. Was bleibt, sind prägende Erinnerungen.

Sonntag, 09.04.2017, 16:04 Uhr

Viel geschlafen hat Lena Bröder nicht. Trotzdem sieht sie an diesem Januarmorgen aus wie aus dem Ei gepellt. Gerade zurück von der Berliner Fashion Week sitzt sie morgens im Nordwalder Lokal ihres Freundes Hendrik Kloppenborg . Zwei Pressetermine stehen bevor. Ein ganz normaler Tag im Leben einer Schönheitskönigin. Sie genießt jeden einzelnen. Schließlich hat sie sechs Jahre auf den Titel hingearbeitet. Lena Bröder nahm an über 30 regionalen Misswahlen teil, gewann davon 16 und qualifizierte sich für das Deutschland-Finale. Trotz weniger Stunden Schlaf sitzt die Foto-Pose beim Beauty-Profi wie auf Knopfdruck. Die 27-Jährige hat nach elf Monaten und fast 200 Terminen eine Menge Routine. Die Ouvertüre aus Friseurbesuch, Schminken und Kleiderwahl läutet Fotoshootings und Messe-Auftritte ein. Es war für ein Jahr ihr Alltag. „Aber ich habe auch Einmaliges erlebt“, sagt Lena Bröder.

Den 15. Juni des vergangenen Jahres wird die gebürtige Göttingerin nicht mehr vergessen. Papst Franziskus empfängt sie am Rande der Generalaudienz in Rom. Es ist das erste Mal in der 90-jährigen Geschichte des Wettbewerbs, dass eine Miss Germany dem Pontifex die Hand schütteln darf. Nach dem kurzen Gespräch mit dem Heiligen Vater auf dem Petersplatz bittet sie ihn um ein Selfie – das Bild geht um die Welt. „Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen“, schwärmt Lena Bröder. Die Aura des Heiligen Vater beeindruckt die praktizierende Katholikin. Das Treffen hat der Herder-Verlag arrangiert. Dieser erkannte schnell den Werbeeffekt der ungewöhnlichen Kombination aus Glaube und Schönheit. Das Ergebnis war Lena Bröders Autobiografie „Das Schöne in mir – Mit Glaube zum Erfolg“.

Eine angehende Lehrerin für Katholische Religion wird Schönheitskönigin – für die Kirche ist das die Chance zur Image-Politur. Lena Bröders Auftritt beim Katholikentag in Leipzig war da eine logische Konsequenz. Endlich kann der bröckelnden Religionsgemeinschaft bewiesen werden, dass der Glaube an Gott jung und schön statt alt und verstaubt ist. Vielleicht ist es genau dieser Reiz, der auch den Ausschlag gab, die Nordwalderin zur Schönsten unter den Schönen zu küren.

Schnell spricht sich herum, dass Lena Bröder mehr als nur eine Fassade ist. Das Klischee vom blöden Blondchen sei bei der Miss-Germany-Wahl in weiten Teilen überholt, sagt die Hochschulabsolventin. Wer gewinnen will, müsse Charme und Persönlichkeit mitbringen. Das sieht auch der Seniorchef der Miss Germany Corporation so: „Sie müssen reden können, zu gesellschaftlich relevanten Themen, auch vor laufenden Kameras“, sagt Horst Klemmer. Der 80-Jährige, der für Lena Bröder im vergangenen Jahr zur Vertrauensperson wurde, weiß aus 60 Jahren Erfahrung, dass die Nordwalderin auch auf großer Bühne nicht verloren wirkt. Ein wichtiger Faktor für das lukrative Beauty-Business.

Die Fernseh-Auftritte mit Günther Jauch und Thomas Gottschalk, bei Moderator Peter Hahne oder beim Quizduell im Ersten zählt Lena Bröder zu den Highlights ihrer Amtszeit. Auch das Wortgefecht mit Markus Lanz. In der Talkrunde bohrt der Moderator tief nach: „Eitelkeit ist eine der sieben Todsünden. Wie erklären Sie das dem lieben Gott?“ Die Schönheitskönigin rechtfertigt sich, Lanz drängt sie weiter rhetorisch in die Ecke. Am Ende bleibt beim Publikum kein guter Eindruck. „Ich bin nicht sauer wegen der Sendung. Es hat sich hochgeschaukelt und ich habe mich verteidigt. Das würde ich wieder so machen“, sagt Lena Bröder und streicht mit gewohnter Handbewegung die Schärpe mit den Werbeemblemen glatt, die sie bei offiziellen Anlässen stets tragen muss. „Aber ich war geknickt, dass danach in den sozialen Medien mein Charakter von Menschen auf verletzende Art beurteilt wurde, die mich gar nicht kennen.“

Die Glitzerwelt der Prominenten hat eben auch Kehrseiten. „Meine Freunde sind dieselben wie vor dem Titel. Für jüngere Mädels mit etwas weniger Menschenkenntnis ist die Gefahr, auf falsche Freunde zu treffen, sicherlich da“, betont Lena Bröder. Sie hat mit Sarah Stroh, Finalistin bei der Miss-Wahl im Jahr 2014, eine „echte Freundin“ im Beauty-Zirkus gefunden. Den nötigen Rückhalt geben ihre Familie, ihr Freund und Horst Klemmer. „Einerseits werde ich es vermissen, jeden Tag neue Leute kennenzulernen, andererseits freue ich mich darauf, wieder einen Alltag zu haben“, schaut Lena Bröder schon einmal nach vorn. Vom Laufsteg geht es für sie jetzt zurück ans Lehrerpult in der Anne-Frank-Gesamtschule in Havixbeck. Am vergangenen Wochenende hat sie ihre Krone abgegeben. Auch wenn die Trennung von der Schärpe schmerzt, bleibt eine Gewissheit: Den Titel Miss Germany trägt die Nordwalderin ihr Leben lang.

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