Interview zur Elektrokrampftherapie
Entwicklungen in der Behandlung depressiver Patienten

Die Bilder aus „Einer flog übers Kuckucksnest“ haben die Elektrokrampftherapie jahrzehntelang diskreditiert, findet Professor Arolt. Er ist davon überzeugt, dass die Methode bei bestimmten Formen von Depression eine sehr gute Wirkung, zeigt – auch und gerade dann, wenn Medikamente und Psychotherapie nicht helfen.

Samstag, 04.03.2017, 13:00 Uhr aktualisiert: 04.03.2017, 13:19 Uhr
Interview zur Elektrokrampftherapie : Entwicklungen in der Behandlung depressiver Patienten
Foto: dpa

Wenn Professor Volker Arolt die Theorien von der bösen „Chemie“ hört, dann kann er richtig sauer werden. „Unsinn“, nennt sie der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit ihm über die Entwicklungen in der Behandlung depressiver Patienten gesprochen.

Elektrokrampftherapie

In „Einer flog übers Kuckucksnest“ wird ein Patient mit Elektroschocks terrorisiert. Dabei kann diese Methode durchaus hilfreich sein und bekommt wieder mehr Befürworter. Was halten Sie von der Elektrokrampftherapie?

Arolt: In dem bekannten Film geht es um einen wegen Missbrauchs einer Minderjährigen eigentlich zu Gefängnis verurteilten Straftäter, der es geschafft hat sich in „die Psychiatrie“ zu verdrücken und dort die Station heftig aufmischt. In diesem Kontext wird dann die Elektrokrampftherapie (EKT) eingesetzt, um ihn irgendwie gefügig zu machen. Das ist medizinisch überhaupt nicht nachvollziehbar.

Jack+Nicholson

Die Bilder aus "Einer flog übers Kuckucksnest" haben ein mächtiges Bild von der Elektrokrampftherapie geschaffen. Nur: "Das ist medizinisch überhaupt nicht nachvollziebar", sagt Professor Volker Arolt. Foto: Warner Bros.

Psychiatrie als Gewaltausübung?

Die Bilder haben aber eine mächtige Wirkung.

Arolt: Ja, von diesem komplizierteren Kontext ist bei vielen Zuschauern im Wesentlichen hängen geblieben: Psychiatrie ist Gewaltausübung, Widerstände werden gebrochen, EKT ist das Mittel dazu. Leider wurde diese – aus heutiger Sicht wirklich abstruse Vorstellung – bis in die 90er Jahre hinein von manchen Menschen, auch Politikern, propagiert, verbunden mit der Vorstellung, durch EKT könnten Schädigungen von Hirnzellen ausgelöst werden. Das ist nicht nur ideologisch borniert und sachlich falsch, sondern nach heutiger Erkenntnis ist eher das Gegenteil wahr.

Prominente, die unter Depressionen litten

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  • Depression macht vor niemandem Halt: Gwyneth Paltrow litt nach der Geburt ihres Sohnes unter einer postnatalen Depressionen.

    Foto: dpa/Fredrik Von Erichsen
  • Demi Moore kämpft seit Jahrzehnten mit Depressionen und Sucht-Problemen. Die Trennung von Schauspieler Ashton Kutcher traf sie erneut tief.

    Foto: Gero Breloer
  • Robbie Williams soll seine Take That-Zeiten berauscht und betrunken erlebt haben. Vor seiner Ehe wollte er angeblich nicht mehr leben.

    Foto: Michael Kappeler
  • Nicole Kidman litt nach der Trennung von Tom Cruise an Depressionen. Heute geht es der Mutter von zwei Töchtern besser

    Foto: Georg Hochmuth
  • Jim Carrey, Komiker und Grimassenschneider, kämpft seit Jahren gegen seine Depression. Heute trinkt er angeblich nicht einmal mehr Kaffee.

    Foto: Paul Buck

Was kann EKT denn?

Arolt: Vermutlich werden durch die EKT verschiedene molekulare Mechanismen angestoßen, die die Vitalität von Nervenzellen stimulieren und dadurch den starken, antidepressiven Effekt der Behandlung auslösen. Bei bestimmten Formen von Depression zeigt die EKT eine sehr gute Wirkung, auch und gerade wenn Medikamente und Psychotherapie nicht helfen. Hierzu gibt es seit 2003 eine grundlegende Stellungnahme der Bundesärztekammer, die jeder von der entsprechenden Website ziehen kann.

Nebenwirkungen der EKT

Hat das Verfahren denn Nebenwirkungen?

Arolt: Ja, wie die meisten medizinischen Verfahren. Die Nebenwirkungen sind aber bei den meisten Menschen geringfügig, insbesondere angesichts des entsetzlichen Leids, das schwer depressive Menschen aushalten. Die EKT ist eines von mehreren Verfahren zur Behandlung dieser Zustände; sie ist allerdings aufwendig, zum Beispiel, weil eine professionelle Anästhesie notwendig ist.

Die sollte an Zentren durchgeführt werden, die das Verfahren mit der erforderlichen Technik und Erfahrung beherrschen. Spannend finde ich, dass es unserer Forschergruppe um Professor Udo Dannlowski gerade gelungen ist, einen ersten Schritt zur Vorhersage einer individuellen Wirksamkeit der EKT beim einzelnen Patienten zu machen.

Dieser Ansatz muss weiterentwickelt werden, damit Ärzte in naher Zukunft mit größerer Sicherheit und additiv zur Wertigkeit der klinischen Diagnostik einschätzen können, bei welchem Menschen mit Depression eine EKT erfolgreich eingesetzt werden kann.

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Professor Volker Arolt: "Wir müssen sehr stringent auf eine Rückfallprophylaxe achten." Foto: UKM

Weniger Emotionen?

Ihr Team hat herausgefunden, dass durch ein Trauma in der Kindheit ausgerechnet der Hippocampus kleiner wird – also der Teil im Gehirn, der für das Gedächtnis und die Emotionen zuständig ist. Bedeutet weniger Hippocampus also weniger Emotionen?

Arolt: Vernachlässigung, Gewalterfahrungen, sexueller Missbrauch – diese frühen, für Kinder höchst traumatischen Erlebnisse – tragen vermutlich wesentlich zu einer Verkleinerung bestimmter hippokampaler Strukturen bei – wahrscheinlich mehr als die Depression selbst. Dafür hat das Team um Professor Udo Dannlowski an unserer Klinik in den letzten Jahren sehr ernst zu nehmende Belege gefunden.

Welche denn?

Arolt: Es gibt mittlerweile keinen Zweifel mehr, dass Depressionserkrankungen verschiedenartige Veränderungen in Strukturen des Gehirns aufweisen. Der am häufigsten beschriebene Befund zeigt eben eine Verkleinerung hippokampaler Strukturen, für die bislang verschiedene biologische Mechanismen verantwortlich gemacht wurden, die mit der Depression verbunden sind. Diese Substanzreduktion stellt also vermutlich die biologische Konsequenz eines lange bekannten psychosozialen Risikofaktors für Depressionserkrankungen dar, nämlich der kindlichen Traumatisierung.

Konsequenzen einer Depression

Welche Konsequenzen hat das?

Arolt: Bei der klinisch bedeutsamen Depression – also nicht zum Beispiel bei Trauer – findet ein umfassender Vitalitätsverlust statt. Das hat zum einen eine generelle Abschwächung des Gefühlsempfindens zur Folge als auch häufig eine Neigung, die negativen Empfindungen beziehungsweise die negativen Aspekte von Umweltbedingungen zu erleben. Die Regulation von Emotionen geschieht aber in komplexen Netzwerken, in denen die Funktion des Hippokampus nur einen Teilbereich darstellt.

Wo spielt er denn eine größere Rolle?

Arolt: Bei der Gedächtnisbildung. Die ist bei Patienten mit einer schweren Depression insbesondere bei der Auffassung und Merkfähigkeit auch gestört. Allerdings gibt es bislang noch keine wissenschaftlich wirklich stringent belegten Aussagen darüber, in welcher Weise sich die strukturellen Veränderungen im Hippokampus Depressiver auf die Gedächtnisfunktionen auswirken.

Ursachen einer Depression

Bedeutet das, dass die Veränderung des Gehirns nicht die Ursache, sondern die Folge einer Depression ist?

Arolt: Von dieser Vorstellung ist man in den letzten 15 Jahren ausgegangen, aber sie scheint nicht zu stimmen. Die Ursachen einer Depressionserkrankung sind vielfältig, aber kindliche Traumatisierung durch emotionale Kälte, Bösartigkeit und sexuelle Ausbeutung stellen einen schon lange bekannten psychologischen Risikofaktor dar. Vergleichsweise neu ist die Einsicht, dass solche Erfahrungen neben tiefgreifenden psychologischen auch vielfältige biologische Spuren hinterlassen, wie z.B. die Verkleinerung der Hippokampusformation.

Behandlung der Patienten

Was bedeutet denn diese Erkenntnisse für den Umgang mit Ihren Patienten? Behandeln Sie die jetzt anders?

Arolt: Die Kombination von Psychotherapie und antidepressiv wirksamen Medikamenten spielt bei klinisch bedeutsamen Depressionen eine wichtige Rolle. Für besonders schwierige Situationen haben wir zusätzliche Therapiemöglichkeiten. Ich glaube, dass unser Bewusstsein für die tiefgreifenden Folgen kindlicher Traumatisierung eben nicht nur in psychischer, sondern auch in biologischen Hinsicht zunimmt.

Damit muss zum einen die Bedeutung der Psychotherapie sehr hoch eingeschätzt werden. Allerdings ist die psychotherapeutische Bearbeitung von schwerer Traumatisierung für die Betroffenen selbst oft schwierig und belastend und setzt bei den Therapeuten Verständnis und auch Ausbildung voraus.

Zum anderen?

Arolt: … wird uns immer bewusster, dass die Betroffenen eine biologische Verletzlichkeit mit sich herumtragen – sei es im Hinblick auf die Hirnstruktur und Funktion, im Hinblick auf die Funktion des Stresssystems, bestimmter Immunfunktionen, aber auch genetischer Veränderungen.

Vermeidung von Rückfällen

Was bedeutet das für Sie als Behandler?

Arolt: Wir müssen sehr stringent auf eine Rückfallprophylaxe achten. Auch hierfür ist Psychotherapie sehr wichtig und leider immer noch zu wenig an die Frau beziehungsweise den Mann gebracht. Aber oft ist auch (!) eine Prophylaxe mit antidepressiv wirksamen Medikamenten notwendig. Es ist ein leider verbreiteter Irrtum zu glauben, hierbei handele es sich um „Glücklichmacher“ auf der Grundlage der bösen „Chemie“ und ähnlichen Unsinn.

In Wirklichkeit handelt es sich um spezifisch wirksame Sub­stanzen, die in unterschiedlicher Weise die bei der Depression fehlregulierten biologischen Mechanismen günstig beeinflussen. Ohne sie ist gerade bei schweren Depressionen die Rückfallwahrscheinlichkeit deutlich erhöht.

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