Prozess nach tödlichem Unfall auf der B 54
Nur zwei Stunden Schlaf: Lkw-Fahrer war völlig übermüdet

Altenberge/Rheine -

Am 7. September 2016 rutschte ein Silo-Laster über die 90 Zentimeter hohe Mauer auf der B 54 zwischen Münster und Altenberge. Dabei starben drei Menschen. Ab heute steht der 24-jährige Lastwagenfahrer wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht in Rheine. Er soll seine Ruhezeiten nicht eingehalten haben.

Dienstag, 13.06.2017, 07:06 Uhr

Prozess nach tödlichem Unfall auf der B 54 : Nur zwei Stunden Schlaf: Lkw-Fahrer war völlig übermüdet
Lange Schlange vor dem Amtsgericht: Zahlreiche Angehörige der Opfer und interessierte Bürger verfolgten die Verhandlung gegen den 24-Jahre alten Lastwagenfahrer. Foto: dpa

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung in jeweils drei Fällen sowie Gefährdung des Straßenverkehrs vor. Der Beschuldigte soll übermüdet gewesen sein, womöglich hat er seine vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht eingehalten.

Spektakulärer Auftakt: Der Verteidiger des Angeklagten sagte zu Prozessbeginn: "Mein Mandant übernimmt die uneingeschränkte Verantwortung." Der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Fahrer des Silo-Zuges erklärte dann mit stockender Stimme: "Ich möchte nur sagen, dass es mir unendlich leid tut."

Der Vater einer der Getöteten, der zugleich Nebenkläger ist, ließ das nicht unkommentiert stehen. "Davon bekomme ich meine Tochter auch nicht zurück." Emotionen pur zum Prozessauftakt im Amtsgericht in Rheine.

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Sachverständige im Prozess um den tödlichen Unfall auf der B 54. Foto: Elmar Ries

Kontrolle über Fahrzeug verloren

Der 24-Jährige aus Billerbeck war am frühen Morgen des 7. September mit seinem Silozug auf der B 54 in Richtung Steinfurt unterwegs, als er die Kontrolle über seinen tonnenschweren Lastwagen verlor und kurz vor der Anschlussstelle Altenberge-West mit seinem Anhänger über die fahrbahntrennende Betonmauer gerutscht. Dabei geriet er in den Gegenverkehr. Bei dem Unfall starben eine Frau aus Gronau-Epe sowie ein Mann und eine Frau aus Rheine.

Auswertung von WhatsApp-Nachrichten

Der Staatsanwalt warf dem Billerbecker zu Beginn der Verhandlung vor, "in den vorangegangenen 35 Stunden lediglich zwei Stunden geschlafen zu haben". Nach den Aussagen von zwölf Zeugen stellt sich der Fall wie folgt dar: Der 24 Jährige war extrem übermüdet. Nach einer fast 15-stündigen Frühschicht am Vortag des Unfalls, die um Mitternacht begann und gegen 14.30 Uhr endete, hatte der Lkw-Fahrer am gleichen Abend einem befreundeten Landwirt in Billerbeck bis gegen 22 Uhr bei der Feldarbeit geholfen. Zudem hatte er die Ruhezeit unterschritten, weil er nach der Schicht noch ohne Fahrerkarte fast eine Stunde lang weitergefahren war - das hatte die digitale Spurensuche der Polizei ergeben.

In mehreren von ihm an verschiedene Bekannte geschickten WhatsApp-Nachrichten, die von der Polizei ausgewertet wurden, berichtete er davon, zwischen den Schichten lediglich zwei Stunden geschlafen zu haben. 

Aussagen von Unfallzeugen

Unfallzeugen hatten zuvor berichtet, der junge Mann sei schon Kilometer vor der Unfallstelle in Schlangenlinien gefahren. Diese Aussage von Zeugen wurde durch die Auswertung des digitalen Tachografen bestätigt.  "Der hat die ganze Fahrbreite gebraucht", sagte einer. „Ich wollte ihn überholen, aber ich habe Angst gehabt und habe es dann gelassen“, sagte ein Zeuge, der hinter dem Lastwagenfahrer unterwegs war.

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Bei dem Unfall am 7. September 2016 kamen drei Menschen ums Leben. Jetzt steht der Lkw-Fahrer vor Gericht. Foto: Jens Keblat

Rund ein Dutzend Zeugen wurden bislang bei dem Prozess vernommen. „Wir waren auf dem Weg zur Arbeit und plötzlich ist ein Lkw auf unser Auto draufgefallen“, erzählte eine immer noch fassungslose Zeugin, die eines der Autos steuerte, die dem plötzlich auf ihre Fahrbahn fliegenden Anhänger nicht mehr ausweichen konnten. Mit ihr im Auto waren drei Kolleginnen unterwegs - eine von ihnen verstarb. Mehrere Zeugen gaben an, immer noch in psychologischer Behandlung zu sein.

Was war der Grund für die Katastrophe?

Etwas mehr als sechs Stunden und 15 Zeugen später ergibt sich ein doch ziemlich klares Bild. Der Lkw war technisch in Ordnung, der 24-Jährige offenbar völlig übermüdet. Die Folgen beschrieben in zu Tränen rührenden Aussagen die Unfallbeteiligten, die überlebt hatten. Sie habe „etwas Schwarzes gesehen“, sagt eine junge Frau, in deren Auto eine Mitfahrerin starb. Der Angeklagte habe nach dem Unfall einen Eindruck gemacht, „als sei er nicht auf dieser Welt“, sagte ein Polizist.

Die Last der Beweise scheint erdrückend. Darum hatte der Verteidiger auch gleich zu Beginn erklärt, sein Mandant übernehme „die uneingeschränkte Verantwortung“. Eines war jedoch seltsam: Weder seine Freunde, weder die Bekannten, weder der Arbeitgeber noch der Landwirt, niemand der als Zeugen geladenen will den 24-Jährigen nach der Tat besucht und auf den Unfallhergang angesprochen haben. Das kam nicht nur dem Staatsanwalt seltsam vor.

Lastwagenfahrer hat sich vorher nicht geäußert

Der Lastwagenfahrer hat sich zu den Vorwürfen im Vorfeld nicht geäußert. Das Amtsgericht kann Strafen von bis zu vier Jahren Freiheitsentzug verhängen. Nach dem Unfall hatte zunächst die Staatsanwaltschaft in Münster die Ermittlungen übernommen. Da sich unter den Opfern aber auch Mitarbeiter der Justiz befanden, hatte sie die Ermittlungen an die Anklagevertretung in Bielefeld abgegeben. Damit wollte die Strafverfolgungsbehörde ausschließen, in dem Verfahren möglicherweise als befangen zu gelten.

Urteil soll am 20. Juni fallen

Die Verhandlung wird am Dienstagnachmittag fortgesetzt. Das Gericht hat für das Verfahren zwei Verhandlungstage angesetzt, das Urteil soll am kommenden Dienstag, 20. Juni, gesprochen werden.

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