Telemedizin
Die Live-Schaltung in die Arztpraxis

Münster/Bünde -

Besonders ältere Menschen können gesundheitsbedingt nicht immer eine Arztpraxis aufsuchen. In Bünde und Umgebung können Ärzte deshalb per Live-Schaltung Ferndiagnosen stellen. Dieses Modell soll nun ausgeweitet werden.

Donnerstag, 29.06.2017, 20:06 Uhr

Der Pfleger hält die Kamera, der Arzt sieht in seiner Praxis die Video-Aufnahme, stellt seine Diagnose und empfiehlt die passende Therapie.
Der Pfleger hält die Kamera, der Arzt sieht in seiner Praxis die Video-Aufnahme, stellt seine Diagnose und empfiehlt die passende Therapie.

In Bünde (Kreis Herford) weiß man die Televisite in Pflegeheimen bereits zu schätzen, in Münster wird das in Ostwestfalen erprobte Modell demnächst Einzug halten. Einen entsprechenden Vertrag haben die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und die AOK Nordwest unterzeichnet. Außer in Münster wird die Televisite künftig in Marl, Unna und Detmold eingesetzt.

In Bünde und Umgebung funktioniert das seit gut ei­nem Jahr erprobte Verfahren wie folgt: Der Arzt sieht den Patienten über eine Webcam auf dem Computerbildschirm. Der Kontakt kommt über eine Anfrage des Pflegers im Heim zustande, der auch Kamera und Tablet bedient. So können Medikationsanfragen geklärt, chronische Wunden oder Auffälligkeiten der Haut beurteilt, Therapievorschläge besprochen werden – ohne dass der Patient in die Arztpraxis kommen muss. Das spart beiden Seiten Zeit – und der Krankenkasse Kosten.

Ärzte werden entlastet

Nach Angaben der KVWL haben sich im Raum Bünde 13 Pflegeheime und 15 Ärzte an dem Modellprojekt zur elektronischen Visite, kurz elVi, beteiligt. „Es gab dabei mehr als 600 Televisiten“, erklärte KVWL-Vorstandsmitglied Thomas Müller. Die Televisite könne in Zeiten des Medizinermangels Ärzte entlasten. Deshalb habe man jetzt den Vertrag mit der AOK geschlossen, die die elVi zur Regelleistung macht. „Wir hoffen natürlich, dass sich andere Kassen anschließen.“ In den nächsten Monaten sollen weitere Arztnetze und Pflegeheime angesprochen werden, mittelfristig sollen sich auch ambulante Pflegedienste beteiligen, stellt AOK-Vorstandschef Tom Ackermann in Aussicht. Das Projekt habe großes Potenzial und werde „mit dazu beitragen, die medizinische Versorgungsqualität älterer Menschen zu verbessern“.

Mangelhaftes Ärztenetzwerk bekommt Ausgleich

Für den Raum Bünde ist laut KVWL eine Erprobung bereits vereinbart. Das dortige Ärztenetzwerk „Medizin und Mehr“ hatte westfalenweit als erstes die Televisite in dem von der KVWL finanzierten Modellprojekt erprobt. Federführend war der Bünder Arzt Hans-Jürgen Beckmann: „Eine 93 Jahre alte Patientin hat mir gesagt: Wenn ich mich auf diese Weise mit meinem Arzt austauschen kann, ist mir das doch viel lieber, als wenn ich eine ganze Woche auf einen kurzen Besuch warten muss.“ Ein funktionierendes Ärztenetzwerk vor Ort sei dafür aber Grundbedingung.

Gemeinsame Beratung per Video

Was in Pflegeheimen möglich ist, soll vor Kliniken und Praxen in NRW nicht haltmachen. Per Video-Konferenz sollen Mediziner aus unterschiedlichen Krankenhäusern und Praxen demnächst gemeinsam beraten können, welche Therapie für einen Patienten die beste ist. Das Bundesgesundheitsministerium fördert seit 2016 den Aufbau sogenannter Telemedizinischer Netzwerke in den Modell-Regionen Aachen und Münsterland mit 20 Millionen Euro.

Patienten sollen vom Expertenwissen besser profitieren

Das Uniklinikum Münster (UKM) leitet das Projekt in der Region, im Juli soll der Startschuss fallen. Dabei geht es zunächst einmal darum, die technischen Voraussetzungen für sichere Videoverbindungen und einen geschützten Da­tenaustausch zwischen den beteiligten Häusern zu schaffen. Auf dieser Weise sollen Patienten in den beteiligten Krankenhäusern vom Expertenwissen der Spezialisten profitieren können, hatte Prof. Björn Ellger, Leiter der operativen Intensivmedizin der Klinik für Anästhesiologie am UKM bei der Vorstellung gesagt.

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