Interview mit WLV-Präsident Röring
Fall Schulze Föcking: Kritik an „medial inszenierten Tribunalen der Tierretter“

Münster/Steinfurt -

Die bei Stalleinbrüchen auf dem Steinfurter Hof Schulze Föcking entstandenen Bilder haben die Debatte über die Masttierhaltung noch einmal befeuert. Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV), sieht die Betriebe aber insgesamt auf einem guten Weg. Unser Redaktionsmitglied Wolfgang Kleideiter sprach mit ihm über den aktuellen Fall, aber ebenso über die Initiative Tierwohl.

Freitag, 21.07.2017, 15:07 Uhr

Der westfälische Bauernpräsident Johannes Röring pocht darauf: Die Kontrolle von Recht und Gesetz ist Sache der staatlichen Organe und nicht „selbsternannter ,Tierretter‘“.
Der westfälische Bauernpräsident Johannes Röring pocht darauf: Die Kontrolle von Recht und Gesetz ist Sache der staatlichen Organe und nicht „selbsternannter ,Tierretter‘“. Foto: dpa

Hatten Sie oder der Verband nach Bekanntwerden der Vorwürfe schon Kontakt zur Familie Schulze Föcking beziehungsweise zur Ministerin?

Johannes Röring : Ja, die Ministerin habe ich zuletzt am Donnerstag in Düsseldorf bei einem Treffen des Aktionsbündnisses ländlicher Raum gesprochen. Der Hof erhält die Unterstützung des Verbandes wie jedes andere Mitglied auch.

Wie bewerten Sie den Vorgang?

Röring: Es handelt sich eindeutig um Hausfriedensbruch. Ich bin der Meinung, dass die Kontrolle von Recht und Gesetz Sache der staatlichen Organe ist und bleiben muss. Medial inszenierte Tribunale selbsternannter „Tierretter“ lehne ich strikt ab, auch wenn sie mit einem hohen moralischen Pathos daherkommen.

Widerrechtliche Aktion

Die Bilder sollen in den Monaten April und Juni entstanden sein. Deutet dies darauf hin, dass es über einen längeren Zeitraum Probleme in den Stallungen gab?

Röring: Nein, das sehe ich nicht so. Ich glaube, dass die sogenannten Aktivisten so lange zu den Höfen fahren und dort widerrechtlich eindringen, bis sie die passenden Bilder zum Beispiel auch aus Krankenbuchten haben. Solche Bilder sind immer nur Momentaufnahmen.

Der Hof verweist darauf, dass es in einem kurzen Zeitraum des ersten Halbjahrs 2017 innerhalb der Mast des Betriebs außergewöhnliche Krankheitsverläufe gegeben habe. Der Betrieb habe aber sofort eine veterinärmedizinische Behandlung der Tiere veranlasst. Halten Sie diese Darstellung für plausibel?

Röring: Ja, absolut, aber die Beurteilung, ob das ausreichend war, liegt natürlich in der Hand der Behörden.

Die Veröffentlichung erfolgte wenige Tage nachdem Christina Schulze Föcking ihr Amt als Ministerin angetreten hat. Was schließen Sie daraus?

Röring: Ich schließe daraus, dass diese Einbrüche gezielt erfolgt sind und die Veröffentlichungen der Aufnahmen exakt so geplant war, um maximalen Schaden anzurichten. Wir kennen dieses Muster aus der Vergangenheit. Die Bilder werden gehortet und erst dann, wenn es passt, entsprechend vermarktet. Wenn man es mit dem Tierschutz tatsächlich ernst meinen würde, müsste man, wenn man Verstöße festgestellt haben will, sofort die Behörden einschalten. Aber dies geschieht nicht.

Kritik an  Tierrechtsszene

Das klingt nach System. Wird der Verband gegen dieses zunehmend kriminelle Vorgehen von Tierschutzaktivisten stärker vorgehen?

Röring: Es stellt sich für uns die Frage, ob solche Rechtsbrecher und deren Organisationen, die behördliches Handeln durch privates ersetzen wollen, noch gemeinnützig sind. Die Tierrechtsszene verfolgt in weiten Teilen ökonomische Interessen, lebt von Spenden und ist – anders als Landwirte und viele Partner – gar nicht daran interessiert, die Nutztierhaltung zu verbessern. Diese Szene will Tierhaltung insgesamt abschaffen.

Es wird behauptet, die Zustände in den Mastbetrieben seien allgemein schlecht, die Schweine litten unter Stress und würden deshalb zum Beispiel beißen. Stimmt das so?

Röring: Nein, das Thema ist viel komplexer. Die Tierhaltung, wie wir sie heute haben, ist das Ergebnis zahlreicher, über Jahre von Wissenschaft und Forschung mit entwickelten Regelungen für eine ordnungsgemäße Tierhaltung. Seit Jahren suchen wir – gemeinsam mit vielen Forschungseinrichtungen und mit finanzieller Unterstützung des Düsseldorfer Agrarministeriums – nach Wegen, die Ursachen für das Schwanzbeißen zu bestimmen und zu beseitigen, sodass künftig auf das Kürzen der Schwänze verzichtet werden kann.

Hier warten wir aber immer noch auf den Durchbruch. Nach Einschätzung der Wissenschaft spielen viele Faktoren eine Rolle, so z.B. Futter, Genetik, Wasser, Stallklima, Licht etc. Wir sind als Bauern bereit, unsere Tierhaltung zu verändern, aber bitte auf der Grundlage gesicherter Erkenntnisse, nicht auf der Basis von Ferndiagnosen selbsternannter Tierretter.

Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverbands

Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverbands Foto: Gunnar A. Pier

Woher erhalten Sie Erkenntnisse, wenn Sie zum Beispiel das Tierwohl im Blick haben?

Röring: Wir haben als Bauernverband vor wenigen Wochen eine „Offensive Nachhaltigkeit“ gestartet, um unsere Produktionsweisen nachhaltiger zu machen. Aktuell bearbeiten wir sechs Handlungsfelder mit 36 Leitprojekten, die jetzt angegangen und bis zum Jahr 2030 mit Partnern umgesetzt werden sollen. Auch das Thema Schwanzbeißen gehört dazu.

Wichtige Grundlage: Tierwohl-Label

Das Bundeslandwirtschaftsministerium arbeitet intensiv an der Einführung des staatlichen Tierwohl-Labels. Erste Betriebe sollen 2018 zertifiziert werden. Wie schätzen Sie das Vorhaben ein?

Röring: Wir sind als Bauern nicht dagegen, aber haben noch viele Fragen was die konkrete Umsetzung des Labels in der Praxis anbelangt. Das Ergebnis eines solchen Prozesses darf nicht sein, dass wir die Tierhaltung in Deutschland verlieren und diese ins Ausland vergelagert wird. Das wäre fatal.

Steht das Tierwohl-Label in Konkurrenz zur Initiative Tierwohl, die gemeinsam von Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel getragen wird?

Röring: Die Initiative Tierwohl ist das mit Abstand erfolgreichste deutsche Tierwohlprojekt. Sie ist für mich die beste Grundlage, auf der ein staatliches Tierwohl-Label entwickelt werden könnte. Wir erfassen heute mit der Initiative Tierwohl 12,4 Millionen Schweine, ab 2018 zirka 22 Millionen. Damit decken wir dann etwa ein Drittel aller deutschen Tiere in der Schweine- und Geflügelzucht ab.

Von den 160 Millionen Euro, die der Handel zur Kostenerstattung der Landwirte einzahlt, kommen zudem 97 Prozent direkt dem Tierwohl zugute. Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel haben Bundesminister Schmidt vorgeschlagen, ein Tierwohl-Label auf Basis der Initiative Tierwohl zu entwickeln. Damit würden wir nicht zuletzt auch unseren Standort Westfalen deutlich stärken.

Wird das Ministerium sich dieser Vorstellung anschließen?

Röring: Das bleibt abzuwarten und hängt auch mit den parlamentarischen Abstimmungen zusammen. Ich bin aber sehr zuversichtlich. Wenn man auf der Initiative Tierwohl aufbauen würde, könnten bereits 2018 die ersten Betriebe mit einem staatlichen Tierwohl-Label zertifiziert werden.

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