Interview mit Titus Molkenbur
Verein "Jugend Rettet": Schiffs-Beschlagnahmung und Vorwürfe aus Italien

Münster -

Eine Gruppe junger Menschen gründete 2015 „Jugend Rettet“, weil sie Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer retten wollten. Jetzt ist der deutsche Verein unter schweren Verdacht geraten.

Mittwoch, 09.08.2017, 16:08 Uhr

Das Schiff „Iuventa“ bei einer Rettungsaktion im Mittelmeer. Das Schiff von „Jugend Rettet“ wurde in der vergangenen Woche beschlagnahmt.
Das Schiff „Iuventa“ bei einer Rettungsaktion im Mittelmeer. Das Schiff von „Jugend Rettet“ wurde in der vergangenen Woche beschlagnahmt. Foto: imago/Italy Photo Press

Die italienischen Behörden beschlagnahmten vergangene Woche ihr Schiff „Iuventa“ und ermitteln wegen des Vorwurfs der „Begünstigung der illegalen Einwanderung“. Sprecher Titus Molkenbur (26) sitzt inzwischen wieder im Büro in Berlin. Der gebürtige Münsteraner gibt sich im ­Gespräch mit unserem Re­daktionsmitglied Claudia Kramer-Santel kämpferisch: „Wir wollen weitermachen.“

Wie ist der Stand der Dinge bei der „Iuventa“?

Molkenbur: Die „Iuventa“ ist weiter unter der Obhut der italienischen Küsten­wache. Unsere Crew aus rund 15 Freiwilligen ist jetzt auf Malta. Es geht ihnen gut, sie haben viel geschlafen. Jetzt geht es für sie zurück nach Deutschland. Unser ­Anwalt hat Akteneinsicht beantragt bei den italienischen Behörden und wir hoffen, sie schnell zu erhalten um zu ­erfahren, was uns eigentlich genau vorgeworfen wird.

Wie waren die Reaktionen der letzten Tage?

Molkenbur: Geteilt. Wir haben eine riesengroße Welle der Sympathie und Unterstützung erhalten von anderen Organisationen. Sie sagen: Lasst euch nicht zum Sündenbock machen. Auf der anderen Seite werden wir auch konfrontiert mit einer ungekannten Hasswelle mit inzwischen fast 100 Todesdrohungen.

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Titus Molkenbur bei einer Rettungsaktion im Mittelmeer. Der 26-Jährige ist Sprecher von „Jugend Rettet“. Foto: Selene Ena

Ihnen wird ja unter anderem Kooperation mit Schleppern vorgeworfen.

Molkenbur: Wir haben uns immer an geltendes Recht gehalten, mit Behörden und Küstenwache kooperiert. Alle Rettungsaktionen sind mit der Küsten­wache in Rom abgestimmt worden. Wir sind keine Cowboys. Insofern finden wir es vollkommen unverständlich, dass wir nun kriminalisiert werden. Wir haben als Organisation nicht mit Schleppern zusammengearbeitet. Wir werden bei Rettungs­aktionen mit komplexen Situationen konfrontiert. So gibt es „Engine Fisher“, die bei Rettungsmissionen plötzlich auftauchen und Motoren der Schlepperboote klauen. Wir haben generell vereinbart, die Boote der Flüchtlinge zu zerstören, doch wir arbeiten unter zwei Prä­missen: Die Sicherheit unserer Crew geht vor. Und wir wollen so viele Menschen retten, wie es geht. Deshalb haben wir zu unseren Helfern gesagt: Haltet euch von den „Engine-Fishern“ fern. Es gab ja Fälle, dass sie uns ­attackiert haben. Wir können die Gefahr, die von ihnen ausgeht, schwer einschätzen.

Sie haben gerade ab­gelehnt, den neuen italienischen Verhaltenskodex für Rettungsorganisationen zu unterzeichnen. Muss es nicht feste Regeln geben?

Molkenbur: Wir haben drei Bedingungen für eine Unterschrift gestellt, die un­sere Unabhängigkeit sichern sollen. Alle drei Bedingungen wurden nicht erfüllt: Unsere Rettungskapazität sollte nicht gemindert werden, wir wollten nicht in Konflikt mit internationalem Recht geraten und unsere Prinzipien als humanitäre Akteure behalten. Ein aktuelles Gut­ achten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags gibt uns Rückendeckung. Außerdem gibt es ja schon jetzt einen Rahmen für unser Handeln: Das internationale Seerecht und das Völkerrecht. Doch wir sind auch ­offen für weitere Gespräche mit dem italienischen Innenministerium.

Warum lehnen Sie bewaffnete Polizisten an Bord ab?

Molkenbur: Wenn Polizei an Bord kommt, würde das die Situation verschärfen und Angst schüren. Die ­Menschen sind in einem er barmungswürdigem Zustand. Sie wurden in Libyen aus­genommen und wie Sklaven gehalten. Viele Frauen wurden vergewaltigt. Sie haben Verätzungen und Schusswunden. Wir brauchen keine Polizisten, sondern Ärzte, Psychologen – und Wasser.

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Italien will nun stärker mit der libyschen Küstenwache kooperieren. Wird das Problem so gelöst?

Molkenbur: Nein. Die libysche Küstenwache hat furchtbare Verbrechen begangen. Libyen ist ja ein ­gescheiterter Staat, es gibt keine klaren Kompetenzen. Menschen sollen nun innerhalb des libyschen Hoheitsgebiets eingefangen und zurückgeschickt werden. Doch die Zustände in den Lagern in Libyen sind entsetzlich, das ist aus humanitärer Per­spektive nicht tragbar. Der Grundsatz der Nichtzurückweisung (Non-refoulement) untersagt ja ganz klar die Rückführung von Personen in Staaten, in denen ihnen Folter oder Menschenrechtsverletzungen drohen.

Wollen Sie weitermachen?

Molkenbur: Ja. Wir wollen unser Schiff freibekommen und gegen die Beschlagnahme vorgehen. Wir kämpfen aber auch weiter dafür, dass die EU endlich ihre Verantwortung an den Außengrenzen übernimmt und die Menschenrechte nicht einfach über Bord wirft. Wir machen weiter, bis das passiert und wir überflüssig werden.

Vorwürfe gegen „Jugend Rettet“

Gegen die Hilfsorganisation „Jugend Rettet“ wird seit Oktober 2016 Längerem wegen des Verdachts der Begünstigung illegaler Migration ermittelt – wenige Monate nach der ersten Rettungsmission der jungen Hilfsorganisation. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Organisation mehrfach Migranten mit an Bord genommen hat, die nicht in Seenot waren und noch dazu in Begleitung von libyschen Schleppern. Im Juni 2017 sammelte laut der italienischen Zeitung „La Repubblica“ ein verdeckter Ermittler von Bord des Rettungsschiffs von einer anderen NGO, „Save the Children“, Beweise in Form von Fotos, die zeigen, wie einer der Retter ein Holzboot ins libysche Gewässer zieht – offenbar, damit es von Schleppern wieder benutzt werden kann.

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