Tierschutz-Kontroverse
Tierversuche an der Uni Münster sollen auf ein Minimum reduziert werden

Münster -

Tierversuche spalten wie kaum ein anderes Thema. Ein bisschen dafür oder dagegen sein geht nicht. Und weil das wissenschaftliche Experimentieren an Mäusen, Kaninchen oder Affen Emotionen weckt, werden die Debatten oft leidenschaftlich geführt. An der Uni Münster soll ein neues Leitbild den Umgang mit Tierversuchen regeln.

Freitag, 24.11.2017, 21:30 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 24.11.2017, 21:30 Uhr
Eine narkotisierte Maus liegt an der Uni Münster unter einem Ultraschallgerät.
Eine narkotisierte Maus liegt an der Uni Münster unter einem Ultraschallgerät. Foto: Wilfried Gerharz

Selbst innerhalb einer Hochschule können die Ansichten über Sinn, Zweck und Grenzen weit auseinanderliegen. Die münsterische Uni ist da ein gutes Beispiel.

Nach einem fast fünfjährigen Diskussionsprozess hat sie sich ein ethisches Leitbild für den Umgang mit Tieren in der Wissenschaft gegeben. Am Freitag stellte es die Uni vor. Vor einem halben Jahr wurde in der Medizinischen Fakultät ein illegales Tierlabor entdeckt. Das neue Leitbild stehe damit in keinem Zusammenhang, betonte Prorektorin Prof. Monika Stoll.

Richard Holtmeier untersucht eine Maus.

Richard Holtmeier untersucht eine Maus. Foto: Wilfried Gerharz

Erinnerung an die „persönliche Verantwortung“

Fünf Ziele sind in dem Positionspapier formuliert. „Zusätzlich zu den Vorgaben des Tierschutzgesetzes werden die Wissenschaftler an ihre „persönliche Verantwortung“ erinnert. Zudem sollen die Versuche auf ein notwendiges Minimum beschränkt werden. Neben der angemessenen Haltung der Tiere und einer Verantwortung ihnen gegenüber auch nach den Versuchen sollen die Experimente künftig weiter reduziert und wo möglich ersetzt werden. Darüber hinaus soll das ei­gene Tun auf diesem Feld transparent gemacht werden. 

Letzteres stellte die Uni am Freitag umgehend unter Beweis, indem sie einen Blick in die Räume des Europäischen Instituts für Molekulare Bildgebung (EIMI) und in die Zentrale Tierexperimentelle Einrichtung (ZTE) gewährte. Oft geschieht das nicht.

Tierversuche an der Uni Münster

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  • Die Uni Münster hat nach einem fast fünfjährigen Diskussionsprozess ein ethisches Leitbild für den Umgang mit Tieren in der Wissenschaft verabschiedet.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Zusätzlich zu den Vorgaben aus dem Tierschutzgesetz will die Uni damit Mitarbeiter und Forscher für das umstrittene Thema Tierversuche sensibilisieren.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Uni in Münster hält für Tierversuche unter anderem 40 Makaken-Affen,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...90 Marmosetten-Affen,...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...rund 35.000 Mäuse, knapp 1000 Ratten, 40.000 Fische und etwa 900 weitere Tiere.

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  • Die Uni Münster hat Haltungsgenehmigungen für deutlich mehr Tiere. Das neue Leitbild soll einen Orientierungsrahmen liefern – neben dem bereits sehr strengen Tierschutzgesetz.

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  • Sommer 2017 waren auf dem Gelände der Uni illegale Tierbestände gefunden worden. Die Ermittlungen der Behörden sind zu diesem Fall noch nicht abgeschlossen.

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  • Die Uni weist daraufhin, dass das jetzt veröffentlichte Leitbild nicht im Zusammenhang mit dem Vorfall steht. Der Diskussionsprozess sei bereits Ende 2012 begonnen worden.

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  • Die Uni will mit dem Leitbild Wissenschaftler an ihre persönliche Verantwortung für das Tier erinnern. Das Papier benennt das als „Nicht-Deligierbarkeit persönlicher Verantwortung“.

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  • Außerdem sollen Tierversuche auf ein Minimum beschränkt werden: „Leid der Tiere soweit wie möglich reduzieren“, heißt es in dem Leitbild.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Wissenschaft soll nach Wegen suchen, Tierversuche zu ersetzen, zu reduzieren oder zu verbessern.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Nach dem Versuch soll Tieren eine Lebensperspektive ermöglicht werden.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Zudem will die Uni die Öffentlichkeit offen und transparent über die eigenen Tierversuche informieren.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Auch sollen Uni-Mitarbeiter ermuntert werden, Missstände auch anonym als sogenannte Whistleblower zu melden.

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  • Roman Kolar, Leiter der Akademie für Tierschutz, des Deutschen Tierschutzbundes. lobt die Uni: „An manchen Stellen ist das Leitbild geradezu revolutionär. Dazu gehört der mehrfache Verweis auf den Eigenwert und die Empfindungsfähigkeit von Tieren oder auf die Verantwortung und Verpflichtung der Wissenschaft. Aber vor allem der Grundsatz, dass bei zu erwartendem schweren Tierleid auf einen Erkenntnisgewinn aus ethischen Gründen verzichtet werden muss, ist eine Aussage, die ich von deutschen Wissenschaftsorganisationen und -Einrichtungen so noch nie gehört habe.“

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  • Die Uni müsse jetzt aber beweisen, dass den Worten auch Taten folgen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • „Sie hat hohe Ansprüche formuliert, selbst wenn diese eigentlich nur dem gestiegenen Stellenwert des Tierschutzes in der Gesellschaft entsprechen, zum Beispiel seiner Aufnahme ins Grundgesetz vor 15 Jahren“, sagt der Biologe Roman Kolar vom Deutschen Tierschutzbund.

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  • Das Leitbild soll auch Forschern den Rücken stärken, die sich bewusst für einen Tierversuch entschieden haben.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • „Es gibt Prozesse, denen sich die Uni stellen muss. Sie muss das Bewusstsein für das Problem Tierversuche wecken. Dabei geht es auch um die Konfrontation zwischen dem Protest gegen Tierversuche und der Notwendigkeit der Forschung“, sagt Gilbert Schönfelder, Leiter des bundeseigenen Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) in Berlin.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das im Oktober einstimmig vom Senat der Uni Münster verabschiedete Papier wurde am Freitag von einer Koordinierungskommission vorgestellt. Zu dieser Gruppe zählen sowohl Naturwissenschaftler, Mediziner, Tierschutzbeauftragte, der Leiter des Zentrums für Bioethik und Studentenvertreter.

    Foto: Wilfried Gerharz

Mäuse künstlich mit Bakterien infiziert

Im EIMI läuft an diesem Tag ein Bakterienversuch. Künstlich infizierte Mäuse sind mit radioaktiven Markern versehen worden. Per Ultraschall und Spezialkamera werden die Infektionsherde auf dem Bildschirm sichtbar gemacht. „Wir wollen herausfinden, warum sich bei Menschen Bakterien oft an Implantaten wie künstlichen Hüften oder Knien sammeln“, erklärt In­stitutsdirektor Prof. Michael Schäfers. Darum wurden den Mäusen auch Kunststoff-Katheter eingesetzt. Ohne Tierversuche gäbe es hier keinen medizinischen Fortschritt, sagt Schäfers.

Zehn Tage dauert der Versuch, in dessen Verlauf die Tiere Symptome einer schweren Grippe zeigen. Danach werden sie getötet. „Um ihnen weiteres Leiden zu ersparen“, sagt Dr. Sonja Schelhaas. Vor allem aber, weil über die Analyse der Gewebeproben die zuvor am Bildschirm gewonnenen Ergebnisse überprüft werden.

Konträre Meinungen

Deutlich wird an diesem Beispiel: Tierversuche haben zwar einen Rahmen, aber nicht unbedingt starre Grenzen. Darum hat die ethische Verantwortung des Wissenschaftlers auch eine besondere Bedeutung. „Die Universität will mit dem vom Rektorat unterstützten und vom Senat verabschiedeten Leitbild deutlich machen, wo sie in dieser Frage steht“, hatte Stoll am Anfang gesagt. Das soll dem Papier die nötige Autorität verleihen. Sanktionsmöglichkeiten beinhaltet es nämlich nicht.

Tierversuche in Zahlen

An Tieren geforscht wird an der Uni Münster vor allem an der Medizinischen Fakultät. Verwendet werden dabei zumeist Mäuse. „97 Prozent der Versuche findet an und mit diesen Tieren statt“, sagt Prof. Jens Ehmcke, Leiter der Zentrale Tierexperimentelle Einrichtung (ZTE). In 90 Prozent aller Fälle sei ihr Erbgut verändert. Knapp 16 000 Mäuse hält das ZTE für Forschungszwecke vor. Hinzu kommen 243 Ratten, 150 Affen, 20 Schweine, 14 Kaninchen zwölf Schafe sowie 10 000 Zebrafische.

...

Die Initiative für das Leitbild ging vor einigen Jahren von Studierenden aus. Die Kommission, die sich dessen Erarbeitung zur Aufgabe gemacht hatte, war heterogen besetzt. Prof. Stefan Schlatt von der Medizinischen Fakultät befürwortet beispielsweise solche Versuche, Dr. Johann Ach vom Philosophischen Seminar hält die meisten „für ethisch unzulässig.“ Zwei Köpfe, zwei konträre Meinungen.

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