Einmal Würstchen mit Brot
Praktikum im Imbisswagen auf dem Weihnachtsmarkt

Münster -

Warten, bis die Pommes-Stäbchen exakt die goldbraune Farbe angenommen haben, mit der sie besonders gut schmecken – das dürfte gelingen. Was ist sonst noch zu beachten? Natürlich: Das Salzen nicht vergessen. Und die Würstchen, nun, die dürften keine Komplikationen bereiten. Sieht man doch, ob die gar sind. Ein paar Stunden Praktikanten-Aushilfsdienst im Imbiss­wagen auf dem Weihnachtsmarkt – das wird schon. Wird es auch. Allerdings ­anders als gedacht.

Montag, 04.12.2017, 07:31 Uhr aktualisiert: 04.12.2017, 14:10 Uhr
Bitte sehr: eine Bratwurst mit Brot. Die Praktikantin (vorn im Bild) macht langsam Fortschritte im Imbisswagen.
Bitte sehr: eine Bratwurst mit Brot. Die Praktikantin (vorn im Bild) macht langsam Fortschritte im Imbisswagen. Foto: Gunnar A. Pier

„Moin.“ Hans Büger hat gerade noch kritisch die Katzenköpfchen im Pflaster gemustert. Die kleinen Steine im münsterischen Rathaus-Innenhof haben neuerdings die ärgerliche Angewohnheit, aus ihrer Verankerung zu springen. „Muss man mit Teer dran“, erzählt der Marktleiter und wendet sich von Stefan Lux, dem Chef des Teams im Imbisswagen, an die anderen. Michael Tackenberg tauscht gerade seine wattierte Jacke gegen den Kittel, mit dem er gleich am Holzkohlegrill steht, und erwidert den Gruß. Auch Heiko Gödde kennt den Marktleiter seit Jahren. „Moin“, sagt er und füllt das Getränkefach auf. „Wir sind hier eine große Familie“, kommentiert der Marktleiter.

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Von oben nach unten arbeiten: Jeder Bräter hat sein eigenes System. Foto: Gunnar A. Pier

Den neuesten Familien­zuwachs begrüßt er auch. Der bleibt zwar nicht lange, soll sich in dieser Zeit aber auch wohlfühlen. „Dann mal viel Spaß“, wünscht der Markt­leiter der Redakteurin, die gerade mit Nachdruck den letzten Knopf ihres Kittels am Halsausschnitt befestigt. Eine Frau scheint darin professionellen Tatendrang zu er­kennen. „Gibt’s schon eine Wurst?“ Noch nicht, aber gleich, in fünf Minuten.

Es gibt Dinge, auf die man sich immer verlassen kann. Regen beim Herbstsend beispielsweise oder geringe Aussichten auf weiße Weihnachten. Oder, wie im Fall von Klaus-Peter Köhne, erste hungrige Kunden exakt in dem Moment, in dem die erste Klappe am Imbisswagen nach oben gefahren wird. Köhne hat nie etwas anderes erlebt. Und seinem Geschäftsführer Stefan Lux geht es nun genauso. Die Klappe öffnet sich und gibt den Blick nach draußen frei auf ein Ehepaar. „Geht’s schon los?“

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Foto: Gunnar A. Pier

Ja, es geht los. Elke Höwing instruiert ihre Tagespraktikantin genauso unaufgeregt, wie sie das Tage zuvor schon bei Daniel, Koraljka und Vera gemacht hat, den neuen Kollegen aus Kroatien. Ein Windzug treibt den hitzigen Dampf der sechs Fritteusen in die Gesichter der 52-Jährigen und ihrer Praktikantin, die sich – vom Ehrgeiz erfasst – alles akribisch notiert. Die Garzeit der Pommes-Stäbchen lässt sich nicht in exakte Minutenangaben fassen – wird sofort auf­geschrieben. Das sind Erfahrungswerte – das macht es ­natürlich schwieriger.

Genug geschrieben, die Kunden warten schon. „Machen Sie das mal“, sagt Elke Höwing und deutet auf ein ­älteres Paar, das der Praktikantin schon vor ein paar Sekunden aufgefallen ist, weil es sich so fürsorglich umeinander kümmert. „Ist dir kalt? Komm, nimm meinen Schal“, sagt er. „Lieb gemeint“, sagt sie. „Ich möchte aber nicht, dass du dich erkältest.“

Vielleicht hilft dagegen ja die Bratwurst. Ambitioniert legt die Praktikantin eine Wurst auf die Pappunterlage und will ihr Werk über den Tresen reichen. „Die Serviette“, erinnert sanft Elke Höwing. Ach so, die Serviette, natürlich. So, jetzt ist die Kreation perfekt. Die Kundin formt ihre Hände zu einer Schale, um die Bratwurst entgegenzunehmen, muss aber warten. „Und eine Scheibe Brot“, bremst die erfahrene Mitarbeiterin ihre Praktikantin, die beginnt, latente Anzeichen von Übereifer zu zeigen.

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Foto: Gunnar A. Pier

Vielleicht fühlt sich die Praktikantin in diesem Moment so, wie es Elke Höwing vor fast 20 Jahren ­erging, als sie ihren ersten Dienst in einem Imbiss antrat. Sie ist dabeigeblieben und das aus zwei Gründen, die ihre Kollegen mit ihr teilen: Ein zusätzlicher Verdienst kann nie schaden, und der Kontakt mit Menschen ist immer wieder anders und schon deshalb interessant. In der Saison nimmt sich die Verwaltungsangestellte ein paar Wochen für den Imbisswagen frei. Genauso wie Michael Tackenberg und Heiko Gödde.

Die Kunden warten mittlerweile dicht nebeneinander stehend in drei Reihen auf ihren Mittagsimbiss. Die Praktikantin bremst das Arbeitstempo des Teams – sie spürt es selbst. Umso unangenehmer, dass ausgerechnet jetzt die Mayonnaise-Vorräte zur Neige zu gehen scheinen. „Kommt nichts“, sagt sie und verstärkt die Kraft, mit der sie auf den Hebel drückt. „Die Pommes einfach ganz nah ansetzen“, empfiehlt Gödde. Oh, ach so, kommt ja doch was. . .

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Foto: Gunnar A. Pier

Ein Kunde – hungrig offenbar und zusätzlich in Eile – mustert die Aushilfe in einer Mischung aus Skepsis und Verwunderung. Zwei Minuten auf eine Currywurst zu warten – das ist offenbar eine neue Erfahrung für ihn. Wahrscheinlich hat er noch nie die Schneidemaschine bedient, denn dann wüsste er um ihre Tücken.

Die Praktikantin verordnet sich eine Pause und zieht es vor, mit den beiden Grillprofis zu plaudern. „Die Wurst ist dein Schutzschild“, sagt Michael Tackenberg. Schutzschild? „Gegen die Hitze des Grills.“ Der 57-Jährige wendet gerade zehn Würstchen gleichzeitig. Auf der anderen Seite des Wagens erzählt Torsten Stiller, dass er im Team oft mit „Würstchen Werner“ angesprochen wird. Einfach aus Spaß. „Für mich sind Sie“ – ein Kunde hebt seinen Holzpikser – „der Casselly der Bratwurst. Ein wahrer Artist am Grill.“ Stiller schaut auf, Kunde und Bratprofi wechseln amüsierte Blicke.

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Foto: Gunnar A. Pier

Die Praktikantin hat derweil das Gefühl, ihren Dienst beenden zu sollen. Das Team ist nun pausenlos beschäftigt. Jeder weiß, wo sein Platz ist, wie einer Hand, die zeitgleich nach derselben Wurst greift, auszuweichen ist.

Zehn Minuten später stellt sie sich in die Schlange der Wartenden und wendet sich an eine Frau zu ihrer Linken: „Die haben ganz schön was zu tun.“ Die Frau wirkt verwundert. Diesen Apsekt hat sie bislang offenbar nicht bedacht. „Da haben Sie recht“, sagt sie schließlich und hält mit angespannten Nasenflügeln inne: „Kommen Sie auch aus dem Imbiss-Gewerbe? Ich meine, wegen des Geruchs . . .“

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