Interview mit Sprecher der Architektenkammer NRW
Bauwerke können wichtig für das Gedächtnis der Gesellschaft sein

Münster -

Schandfleck oder Denkmal? Wer Gebäude aus den 70er Jahren unter Denkmalschutz stellt, muss mit harscher Kritik rechnen. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit Christof Rose, dem Sprecher der Architektenkammer NRW, über den Protest gesprochen.

Donnerstag, 28.12.2017, 14:12 Uhr

Christof Rose
Christof Rose Foto: T.Saltmann

Vielen Rathäusern aus den 70er Jahren schlägt eine bemerkenswerte Abneigung entgegen. Wieso?

Christof Rose : Die Bauten genießen im Ansehen der Öffentlichkeit oftmals tatsächlich keinen hohen Stellenwert. Es sind die ungeliebten Kinder der Nachkriegszeit. Es ist völlig unstrittig und auch normal, dass es nach 50 oder 60 Jahren technische Probleme mit den Gebäuden gibt und da etwas geschehen muss. Es wurde damals viel mit Beton gearbeitet, der gealtert ist; auch die technische Ausstattung muss häufig vollständig überarbeitet werden. Wir werben trotzdem sehr stark für mehr Wertschätzung der Bauten. Denn sie sind Zeugnisse ihrer Zeit und in ihrer Architektursprache häufig markant.

Manchmal hat man den Eindruck, dass ältere Gebäude länger halten als die aus den 70er Jahren.

Rose: Das würde ich so nicht sagen. Aber es stimmt: Die Flachdächer von damals sind anfälliger als zum Beispiel ein Satteldach. Zudem sind die Bauteile oft mit Schadstoffen belastet – wie mit Asbest oder PCB. Außerdem sind unsere Anforderungen an den Brandschutz stark gestiegen. Die Gebäude wurden oft zusätzlich schlecht gewartet. Mit jedem Auto fährt man alle zwei Jahre zum TÜV. Aber Häuser lässt man 20, 30 oder sogar 50 Jahre stehen, streicht höchstens mal die Wände und wundert sich, wenn es Probleme gibt.

Wird so ein Gebäude dann unter Denkmalschutz gestellt, gehen die Kritiker endgültig steil.

Rose: Was immer vergessen wird: Beim Denkmalschutz spielen keine Fragen von Schönheit, sondern von Relevanz eine Rolle. Die Frage ist: Ist ein Bauwerk wichtig für das Gedächtnis unserer Gesellschaft? Es ist richtig und wichtig, aus jeder Epoche Bauten zu erhalten. Wir raten zu großer Vorsicht. Kahlschläge waren noch nie die beste Idee. Menschen verbinden ihre Identität mit solchen Bauten, selbst wenn sie nicht als „schön“ im klassischen Sinne empfunden werden. Es reißt ja auch niemand Seiten aus seinem Fotoalbum, nur weil er sich in der Zeit nicht gefallen hat.

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