Der Sack Reis des Münsterlands
Doktorarbeit über kaputten Blumenkübel aus Neuenkirchen

Münster -

Der angeblich von „unbekannten Vandalen“ beschädigte Blumenkübel aus Neuenkirchen ist die münsterländische Antwort auf den Sack Reis, der in ­China umgefallen ist. Trotzdem stand er bei „Twitter“ auf der Liste der meist­gelesenen Meldungen auf Platz vier. Weltweit. Die ­Berlinerin Vivian Roese hat ihre Doktorarbeit über den Behälter geschrieben. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit ihr ge­sprochen.

Freitag, 05.01.2018, 17:01 Uhr

Dieser Kübel ist im Netz „durch die Decke gegangen“. Warum nur, hat sich eine Wissenschaftlerin aus Berlin gefragt.
Dieser Kübel ist im Netz „durch die Decke gegangen“. Warum nur, hat sich eine Wissenschaftlerin aus Berlin gefragt. Foto: dpa

Sie haben eine Doktorarbeit über einen Blumenkübel geschrieben. Warum?

Roese: Ich habe den Blumenkübel damals selbst ­mitverfolgt. Da dachte ich: „Wie kann das sein, dass der so viel Aufmerksamkeit bekommt, während klassische Meldungen zu kämpfen haben?“

Und wie kann das sein?

Roese: Das war eines der ersten viralen (sich im Internet schnell und ohne größere Einwirkung des Urhebers verbreitend, Anm. der Redaktion) Themen, die so groß ge­worden sind. Soziale Medien waren damals noch relativ neu. Zum „Viralgehen“ braucht es bestimmte Faktoren. Es gibt kein Pauschal­rezept und keine Garantie, aber der Blumenkübel hat halt die Kriterien erfüllt.

Dr. Vivien Roese

Dr. Vivien Roese Foto: privat

Welche sind das?

Roese: Er war nicht gesteuert von irgendwelchen Marketing-Leuten, sondern eine spontane Sache, die die Benutzer mitkreiert haben. Er war authentisch und hat Emotionen hervorgerufen – in diesem Fall hat es Spaß gemacht, an dieser Übertreibung mitzumachen. Letztlich ist es Klatsch und Tratsch.

Gibt es ähnliche Beispiele wie den Blumenkübel, die im Internet so durch die Decke gegangen sind?

Roese: Es gibt immer mal wieder virale Themen, die viel auf Facebook geteilt werden. Aber ob es noch eine so irrelevante Meldung gibt, die es bei Twitter bis auf Platz vier weltweit geschafft hat – da grüble ich heute noch drüber.

Als Zeitungsmensch könnte ich verletzt sein, dass eine unglückliche journalistische Darstellung so viel Häme erntet.

Roese: Bei Twitter spielt mehr Ironie und weniger Häme eine Rolle. Die Beteiligten waren eher geschmeichelt, dass diese Meldung so groß geworden ist. Der ursprüngliche Text stammt von einer Praktikantin, der aber nach journalistischen Standards ganz in Ordnung war. Der wurde später redigiert und aufgepeppt. Die stilistischen Mittel, die damals verwandt wurden, sind nach hinten losgegangen. Es war nicht die Praktikantin.

Der originale Artikel im Archiv
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Sind die unbekannten Vandalen je ermittelt worden?

Roese: Bis heute nicht. Es kann sein, dass jemand aus Versehen darangestoßen ist. Oder der Wind den Kübel umgeworfen hat. Es ist nicht klar, ob es überhaupt einen Täter gab.

Der Blumenkübel von Neuenkirchen

Über einen Blumenkübel vor dem Antoniusstift aus Neuenkirchen bei Rheine hat vor sieben Jahren die ganze Welt gelacht. Die „Münstersche Zeitung“ hat am 3. August 2010 unter der Überschrift „Großer Blumenkübel zerstört“ darüber berichtet, dass unbekannte Vandalen den Kübel vor dem Altenheim zerstört haben. Ein Redakteur postete die Nachricht bei Twitter. Dessen Meldungen konnten 2100 Nutzer lesen, unter ihnen viele, die wiederum von zum Teil Tausenden Internet-Usern verfolgt werden.

Bei Facebook erhielt der Blumenkübel eine eigene Fanseite, die in wenigen Tagen rund 10 000 Anhänger hatte. Ein Autovermieter, ein Versandhaus und ein Geldinstitut begannen mit dem Thema Werbung zu machen. Diese Kommerzialisierung nahmen viele Medien zum Anlass, um über den Kübel zu berichten. Und Sommerloch war auch...

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Vortrag

Am 9. Januar hält Dr. Vivian Roese in Münster einen öffentlichen Vortrag zu dem Blumenkübel-Hype, 14:15 Uhr im Raum ES 227, Johannisstraße 12-20, Münster.

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