Archäologie in Westfalen-Lippe
Knochenkamm in Ritterburg

Münsterland -

Archäologie in Westfalen-Lippe? Ist mehr als ab und zu mal ein Römerlager ausgraben. Ar­chä­ologie im ländlicheren Teil Nordrhein-Westfalens ist sogar bedeutsam. Das sagen nicht nur die, die sie betreiben.

Samstag, 03.03.2018, 10:03 Uhr

Restauratorin Ruth Tegethoff säubert Teile eines Schwertes aus der Bronzezeit. Die über 3000 Jahre alte Waffe wurde in Päpinghausen bei Minden gefunden.
Restauratorin Ruth Tegethoff säubert Teile eines Schwertes aus der Bronzezeit. Die über 3000 Jahre alte Waffe wurde in Päpinghausen bei Minden gefunden. Foto: Gunnar A. Pier

Angedockt ist die Altertumskunde beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), angesiedelt im Norden Münsters. Hier in der Speicherstadt sind die Büros, hier sind die Depots, hier sind die Restaurierungswerkstätten. Hier ist Prof. Michael Rind der Chef.

Die bedeutendsten Funde des vergangenen Jahres? Da muss der 59 Jahre alte Landesarchäologe nicht überlegen. „Ein liturgischer Knochenkamm, gefunden in der Holsterburg bei Warburg, ein Schwert aus der Bronzezeit, ausgegraben bei Minden und zwei ineinandergesteckte und mit den Jahrhunder ten zusammengebackene Röme rhelme, die in Haltern entdeckt wurden“, sagt er. Auch wenn Funde aus der Römerzeit in Haltern nicht unbedingt selten sind: „Helme wurde dort zuletzt vor 100 Jahren ausgegraben.“

Archäologie im Münsterland

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  • Diese zwei ineinandergesteckten und mit den Jahrhunderten zusammengebackenen Römerhelmen wurden in Haltern entdeckt.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Verschiedene Fundstücke aus den 200 Grabungen, die im vergangenen Jahr in Westfalen-Lippe stattfanden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Restaurierungswerkstätten in der Speicherstadt.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Fundstücke, die in den Werkstätten restauriert werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Prof. Dr. Michael M. Rind ist der Direktor der Restaurierungswerkstätten.

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  • Restauratorin Ruth Tegethoff säubert Teile eines Schwertes aus der Bronzezeit. Die über 3000 Jahre alte Waffe wurde in Päpinghausen bei Minden gefunden.

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  • Fundstücke, die in den Werkstätten restauriert werden.

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  • Ruth Regethoff restauriert ein Schwert aus der Bronzezeit.

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  • Restauratorin Dunja Ankner-Dörr restauriert einen Römerhelm. Funde aus der Römerzeit sind in Haltern nicht unbedingt selten.

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  • Es gibt eine Vielzahl an Arbeitswerkzeuge, mit denen in den Werkstätten die Fundstücke restauriert werden.

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  • Mit viel Sorgfalt kümmert sich Restauratorin Dunja Ankner-Dörr um einen Römerhelm.

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  • Fundstücke, die in den Werkstätten restauriert werden.

    Foto: Gunnar A. Pier

450 Grabungen fanden 2017 in NRW statt

Lektion eins an diesem Tag in der Speicherstadt: Ar­chä­ologie hat nicht viel mit Indiana Jones zu tun. Lektion zwei: Spannend ist sie trotzdem. Wie kommt ein verzierter Elfenbeinkamm in ei­ne profane Ritterburg? „Bisher kennen wir solche Funde nur aus Kirchen und Klöstern“, erklärt Rind. Manchmal liefert der Fund die Antwort. Beim Kamm aus der Holsterburg steht bisher am Ende ein Fragezeichen.

450 Grabungen fanden im vergangenen Jahr in NRW statt. 200 in Westfalen-Lippe, 250 im Rheinland. 50.000 Fundstätten sind landesweit verzeichnet, von denen zehn Prozent unter Schutz gestellt worden sind. Manche sind kaum der Rede wert, andere wiederum sind durchaus spektakulär, wie die Blätterhöhle bei Hagen in der Knochen von Steinzeitmenschen gefunden wurden oder die Ackerbauern-Nekropole bei Warburg. „Eigentlich haben wir jedes Jahr ein paar echte Klopper unter den Funden“, sagt Rind salopp und bringt das Beispiel der Steinzeitharpune aus Hamm.

Immer wieder finden Forscher neue Lager

Gefunden worden war die Spitze schon in den 1930er Jahren. Nur war sie damals falsch datiert worden. Die Wissenschaftler hatten Zweifel an den alten Angaben, knöpften sie sich erneut vor – und machten zwei Entdeckungen. So ist der Fischspeer nicht nur 13.000 Jahre alt und damit 4000 Jahre älter als bisher angenommen. Er war auch mit Bienenwachs und nicht wie damals üblich mit Birkenpech in den Schaft geklebt. Diese Technik kennt man aus der Zeit nur aus Afrika. „Dass es damals schon Honigbienen in Europa gab, hat niemand gedacht“, sagt Rind.

Überstrahlt wird die regionale Archäologie letztlich aber doch von den Römern. Immer wieder finden die Forscher neue Lager, „zuletzt in Olfen, im Lippetal, im Zentrum Bielefelds und jetzt vermutlich auch im ostwestfälischen Löhne-Gohfeld“, sagt der Landesarchäologe. Das Sommerlager des Varus war leider noch nicht dabei.

Große Archäologie-Ausstellung mit Funden aus Westfalen-Lippe

Klar, dass die Forscher den Römern auch in diesem Jahr auf der Spur bleiben. Ebenso Thema bleibt die Blätterhöhle. „Zudem werden wir die Ausgrabungen an der Holsterburg beenden“, sagt Rind. Und dann ist da noch eine große Archäologie-Ausstellung, die im September in Berlin stattfindet. Zu sehen sein werden dort und dann auch Funde aus Westfalen-Lippe: Römerhelme, Speerspitzen und sicherlich auch weitere „Klopper“.

Jahrestagung

Die LWL-Archäologie veranstaltet am Montag, 5. März, ihre Jahrestagung in Münster. Unter anderem auf der Tagesordnung: Vorträge über die Eisenproduktion in einer Siedlung bei Heek, ein Ofenexperiment zur Verhüttungstechnik im Siegerland, die Geschichte der spätpaläolithischen Harpunenspitze aus Hamm, die Entdeckung des Römerlagers im Zentrum Bielefelds, neue Nutzungsmöglichkeiten von Geodaten für die westfälische Archäologie, die Möglichkeiten der Luftbildarchäologie, die Entdeckung seltener Gliederfüßer in der Region Winterberg/Züschen, Prospektionsgrabungen im Kriegsgefangenenlager in Soest und drei spätmittelalterliche Münzschatzfunde.

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