Primatenforschung
Horstmarerin erforscht bedrohte Gorillas

Horstmar -

Der Weg zu Kamayas Vertrauen war lang. Wochenlang hatten sie im Dschungel nach Spuren gesucht. An durchschnittlich jedem dritten Tag hatten sie diese Fährten auch gefunden. Allerdings nur mit der Hilfe der Spurenleser, der einheimischen Pygmäen, die sie mit ihrem siebten Sinn für die Anwesenheit der Tiere faszinierten.

Sonntag, 25.03.2018, 12:03 Uhr

Jede Gorilla-Gruppe wird von einem Männchen angeführt. Mit seinem Verhalten entscheidet es darüber, ob die Wissenschaftler ihn und die weiteren Gorillas beobachten dürfen. Die höchste Form der Zustimmung ist, wenn der Silberrücken die Menschen ignorieren kann.
Jede Gorilla-Gruppe wird von einem Männchen angeführt. Mit seinem Verhalten entscheidet es darüber, ob die Wissenschaftler ihn und die weiteren Gorillas beobachten dürfen. Die höchste Form der Zustimmung ist, wenn der Silberrücken die Menschen ignorieren kann. Foto: Jana Bäumer

Viel häufiger ging es am Abend zurück ins Camp und sie hatten keine GPS-Daten gesichert, die sie dokumentieren konnten. Es brauchte viel Zeit und Geduld, bis die Biologen den Flachlandgorillas in den Wäldern Gabuns dauerhaft auf die Spur kamen – und noch einmal so viele Wochen, bis Kamaya – so hatten die Wissenschaftler den Silberrücken und Anführer der Gruppe genannt – sie in seiner Nähe akzeptierte und einfach ignorierte. Erst mit der Zeit ließ er es auch zu, dass die Verhaltensbiologen die Weibchen der Gruppe und sogar die Kinder entdecken und beobachten durften.

Ohne Wasser, Strom und Internet

Ein erhebendes Gefühl, das Jana Bäumer tief beeindruckt hat. So sehr wie das gesamte Jahr, das sie im westafrikanischen Gabun verbracht hat. Als Forschungsassistentin eines Projektes des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig verbrachte sie fast zwölf Monate in dem abgeschiedenen Nationalpark in einem Camp mit acht Mitarbeitern. „In Zelten, ohne Wasser, ohne Strom, ohne Internet. Das war Abenteuer pur“, sagt die 31-Jährige, die im münsterländischen Horstmar aufgewachsen ist. Wie sehr dieser Aufenthalt auch Berufung war, realisierte sie erst in dessen Verlauf.

Schon als Kind von Affen fasziniert

In die Freundschaftsbücher ihrer Schulfreundinnen schrieb sie schon als Kind, dass Affen ihre Lieblingstiere seien. Der Film „Gorillas im Nebel“ faszinierte sie. Und mit ihren Eltern verbrachte sie viel Zeit im münsterischen Zoo. Da überraschte Jana Bäumer niemanden damit, Biologie studieren zu wollen. Verhaltensbiologie wurde ihr Schwerpunkt – allerdings hatte sie da anfangs eher kleine Geschöpfe im Blick: In Finnland untersuchte sie für ihre Masterarbeit die Paarungspräferenzen von Rötelmäusen. Danach war es Zeit für einen Schwerpunkt: Sollte sie sich wirklich weiter den Mäusen widmen?

Jana Bäumer im Dickicht des Bwindi Impenetrable Park in Uganda: Täglich um sieben Uhr ging es in den Bergwald.

Jana Bäumer im Dickicht des Bwindi Impenetrable Park in Uganda: Täglich um sieben Uhr ging es in den Bergwald. Foto: Jana Bäumer

Bei Primatenforscherin Martha Robbins beworben

Jana Bäumer erinnerte sich an ihre Liebe zu den Affen. Sie wagte eine Bewerbung in Leipzig bei der Arbeitsgruppe von Primatenforscherin Martha Robbins, die als Dian Fossey der Gegenwart gilt. Und genau diese Martha Robbins wollte sie haben – als Forschungsassistentin in ihrem Gabun-Projekt bei den Flachlandgorillas. Ein sogenanntes Habituationsprojekt, bei dem die Wissenschaftler seit 2005 die Population in der Region untersuchen und behutsam die Anwesenheit von Menschen anbahnen, um das natürliche Verhalten der Tiere beobachten zu können.

Ich fand es toll, mit so wenig auszukommen.

Jana Bäumer

Nur wenige Wochen nach Robbins‘ Zusage ging es für die junge Frau Richtung Westafrika und mitten hinein in ein intensives Jahr mit vielen Entbehrungen. „Man macht das der Erfahrung wegen“, sagt Jana Bäumer rückblickend. „Unwirklich“ erscheint ihr der Gegensatz zwischen der gabunesischen Waldwelt und der zivilisierten Umwelt, die sie bis dahin gewohnt war. „Ich fand es toll, mit so wenig auszukommen.“

Eine Erfahrung, die lange nachwirkte: Zurück in Deutschland war sie in einem Drogeriemarkt vom Angebot an Shampoos so überfordert, dass sie den Laden fluchtartig mit leeren Händen verließ. Beim Großeinkauf für das Camp in Afrika, der alle paar Wochen anstand, gab es im kleinen Laden ein Shampoo im Angebot. „Der Wechsel zurück in die richtige Zivilisation ist mir schwerer gefallen, als mich im Dschungel zurechtzufinden.“

Ein zweites Mal zurück nach Afrika

Auch wenn es zum wissenschaftlichen Ehrenkodex gehört, dass Forscher Gorillas nicht näher als sieben Meter kommen dürfen: Die Tiere, die den Menschen in ihrem Wesen so ähnlich sind, hatten Jana Bäumer vereinnahmt. Ihr war klar: Sie muss zurück nach Afrika. Und eine weitere E-Mail aus Leipzig nach Monaten des Wartens und Jobbens schürte ihr Forscherglück. Im Auftrag des Instituts sollte sie anhand von Videos, die die Berggorillas beim Fressen zeigten, beantworten, ob die Tiere spezielle Techniken haben, mit denen sie beispielsweise stachelige Pflanzenteile fressen.

Der Jackpot für eine Primatenforscherin

Monate verbrachte sie in Leipzig vor den Bildschirmen, erstellte Dokumentationen und wertete ihre Beobachtungen aus. Der Lohn: ein Ja von Institutsdirektor Christophe Boesch, einem ehemaligen Fossey-Schüler. Im Bwindi Impenetrable National Park im Südwesten Ugandas durfte sie für ihre Promotion ein Jahr lang Daten sammeln, die ihre Erkenntnisse aus den Videobeobachtungen vertiefen sollten. Der Jackpot für eine Primatenforscherin.

Der Bwindi Nationalpark ist eine von zwei Regionen auf der Welt, in der überhaupt noch Berggorillas leben. Rund 400 Exemplare verzeichnen Wissenschaftler aktuell dort, rund 440 weitere in einer Region in Ruanda, die etwa eine Stunde entfernt liegt. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen im Flachland bewegen sich Berggorillas in einem wesentlich kleineren Radius. Auch sie leben in kleinen Gruppen, die von einem Silberrücken angeführt werden.

Ihr Anblick machte sie oft nachdenklich

Die beiden Populationen sind aufgrund ihrer Größe und ihres kleinen Genpools extrem bedroht, da sie beispielsweise für Krankheiten anfällig sind. Ein Ausbruch einer Ebola-Epidemie etwa könnte für sie eine Katastrophe sein. Auch deshalb nähern sich Forscher den Gruppen nur sehr behutsam, dürfen keinen körperlichen Kontakt zulassen und tragen Mundschutz.

Bei aller Routine, die Jana Bäumer in Bwindi erwartete, indem es morgens um sieben in den Dschungel oder ins Büro für die Auswertung ging: Der Anblick der mächtigen Tiere, die so gefährdet sind, machte sie oft nachdenklich. „Warum sind wir Menschen so stark und diese auf den ersten Blick starken Tiere so bedroht?“, fragte sie sich und erlebte immer wieder dieses Gefühl von Mitverantwortung. „Wir müssen die Zeit nutzen, die wir noch mit den Gorillas haben“, nennt die Wissenschaftlerin ihr Credo. Und sie engagierte sich nicht nur im Forschungsprojekt, sondern auch im benachbarten Dorf Ruhija.

Sie haben Charakterzüge, sind eigene Persönlichkeiten. Wenn man Gorillakinder beim Spielen sieht, könnten sie auch Menschenkinder sein.

Jana Bäumer

Die Tiere prägen das Leben der Menschen

Das Örtchen haben die Gorillas, die seit mehreren Jahrzehnten im Fokus der Forschung stehen, geprägt: Manche Bewohner arbeiten als Ranger und führen Wissenschaftler und Touristen, andere produzieren und verkaufen Souvenirs. Inzwischen, erklärt Jana Bäumer, empfinden die Menschen Stolz für die Tiere und empfinden es als Privileg, ihre Nachbarn zu sein. Gleichzeitig grenzen Teeplantagen direkt an den Nationalpark. Uganda gehört zu den afrikanischen Ländern mit dem stärksten Bevölkerungswachstum. Konflikte sind daher programmiert – und Wissenschaftler wie Jana Bäumer engagieren sich daher auch in Bildungs- und Naturschutzprojekten, um zu vermitteln, dass ein Nebeneinander von Menschen und Tieren möglich sein muss.

Mit ihrem Aussehen und ihren Charakterzügen faszinieren die vom Aussterben bedrohten Berggorillas Wissenschaftler und Touristen gleichermaßen.

Mit ihrem Aussehen und ihren Charakterzügen faszinieren die vom Aussterben bedrohten Berggorillas Wissenschaftler und Touristen gleichermaßen. Foto: Jana Bäumer

Plötzlicher Tod

Die Gorillas sind ihre Herzensangelegenheit. Denn auch wenn Wissenschaftler die früher oft distanzlose Arbeit von Dian Fossey mit den Gorillas kritisieren: Auch sie sind eingenommen von den berührenden Ähnlichkeiten. „Sie haben Charakterzüge, sind eigene Persönlichkeiten. Wenn man Gorillakinder beim Spielen sieht, könnten sie auch Menschenkinder sein“, erklärt Jana Bäumer.

Und so hätten sich bei aller Distanz auch Beziehungen ergeben. Wie zu dem Silberrücken einer Gorilla-Gruppe, die sie für ihre Promotion beobachtete. Umso größer war der Schock, als er am Morgen nach einem Gewitter tot im Bergwald gefunden wurde – an einen Baum gelehnt, in den ein Blitz eingeschlagen war. „Ich hatte stets Respekt vor ihm. Er hat manchmal mächtig gebrüllt, wenn ich kam“, erinnert sich Jana Bäumer. „Sein plötzlicher Tod hat mich aber getroffen wie der eines nahestehenden Menschen.“

Berggorillas

Auch wenn die Population leicht gewachsen ist: Die Berggorillas in Uganda und Ruanda sind vom Aussterben bedroht. Nicht einmal 900 Tiere, die in zwei afrikanischen Regionen auf Höhen über 2200 Metern leben, sind den Wissenschaftlern bekannt. Optisch und in ihrem Verhalten sind sie den Menschen sehr ähnlich – und faszinieren daher nicht nur Wissenschaftler, sondern inzwischen immer mehr Touristen. Berggorillas ernähren sich fast ausschließlich vegetarisch und leben in Gruppen mit einem Anführer, dem Silberrücken, sowie mehreren Weibchen und dem gemeinsamen Nachwuchs. Auch Blackbacks, junge Männchen, bei denen sich das Fell noch nicht silber gefärbt hat, können Teil der Gruppe sein. Schon seit den 50er Jahren ist bekannt, dass ihre Population so klein ist, dass die Art aussterben könnte. Ihr Schutz ist allein in ihrem natürlichen Lebensumfeld, nicht aber in Zoos möglich. Daher stehen Kritiker dem Gorilla-Tourismus skeptisch gegenüber: Krankheiten – insbesondere Atemwegsinfektionen – sind eine Gefahr für die Tiere. Andererseits bringen die hohen Gebühren, die die Tagesbesucher zahlen, wichtige Einnahmen für den Schutz der Gorillas und ihres Lebensraumes.

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