Arbeitswelt im Wandel
Straußentaktik hilft nicht

Im Münsterland scheidet bis zum Jahr 2030 ein Fünftel der Erwerbstätigen altersbedingt aus dem Berufsleben aus – und der Nachwuchs wird knapp. Kluge Personalplanung wird überlebenswichtig.

Freitag, 30.03.2018, 13:03 Uhr

Arbeitswelt im Wandel: Straußentaktik hilft nicht
Foto: wn

"Gute Zeiten bleiben nicht automatisch gut." - Joachim Fahnemann , Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster, rät auf dem konjunkturellen Zenit zur Vorsicht. Denn der Arbeitsmarkt wird die Unternehmen noch vor große Herausforderungen stellen. Gut ausgebildete Fachkräfte werden nach und nach in unterschiedlichsten Bereichen so knapp sein, dass Firmen die Nachfrage ihrer Kunden nicht mehr erfüllen können.

Im Münsterland, so Fahnemann, scheidet altersbedingt in den kommenden zwölf Jahren ein Fünftel der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten aus dem Erwerbsleben aus. In Zahlen: Über 120.000 Männer und Frauen arbeiten 2030 in der Region nicht mehr mit, unter ihnen über 65.000 Fachkräfte. Und ausreichend Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Langfristige Personalplanung

Die Lücke beim Fachkräftebedarf wird wachsen, denn die Arbeitskräftenachfrage ist nach dem im vergangenen Jahr höchsten Stellenzugang seit 2011 auch aktuell ungebrochen. Im vergangenen Jahr meldeten die Unternehmen im Münsterland 40 691 offene Stellen – mit steigender Tendenz. Die neue Bundesregierung hat nicht ohne Grund die Vollbeschäftigung als ein Ziel in den Koalitionsvertrag aufnehmen können.

Weil das Angebot an neuen Mitarbeitern sinkt, sind Unternehmen zu einer langfristigen Personalplanung gezwungen, und sie bemühen sich bereits, Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden. Ein Beispiel: Vor rund zehn Jahren lag der Anteil der befristeten Stellen im Bestand der Arbeitsagenturen im Münsterland bei deutlich über 20 Prozent. Heute beträgt die Quote noch 9,6 Prozent.

Kräftemangel nicht aufzuhalten

Die anhaltend gute Wirtschaftslage sollten die Firmen in der Region unbedingt nutzen, um sich auf die Herausforderungen von morgen einzustellen, unterstreicht Joachim Fahnemann in einem Gespräch mit dieser Zeitung. „Die Unternehmen haben jetzt noch die Chance und die Luft.“

Wer sich sprichwörtlich wie Vogel Strauß verhalte, verfolge eindeutig eine falsche Taktik. Denn aufzuhalten ist der Kräftemangel nicht, so der Leiter der Agentur für Arbeit. An zwei Entwicklungen kann die Behörde schon heute ablesen, dass sich im Münsterland die Lage deutlich verändert.

Die Kräfte bündeln

Um in der guten Konjunktursituation nicht den Anschluss zu verlieren, stellen die Firmen vermehrt wieder Langzeitarbeitslose und ebenso Menschen mit Handicap ein. Fahnemann: „Der Druck wächst. Hier kommt langsam Bewegung rein. Wir sehen, dass die Chancen für diese Personengruppen steigen.“ Die Unternehmen können dabei übrigens auch auf die Unterstützung aus der Agentur für die Arbeit setzen. Der dortige Arbeitgeberservice kann den Prozess der Qualifizierung und Einstellung aktiv unterstützen und bietet auch finanzielle Fördermöglichkeiten an.

Joachim Fahneman

Joachim Fahnemann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster Foto: Dierk Hartleb

Laut Joachim Fahnemann reicht schon der Blick auf die künftigen Schülerzahlen aus, um zu sehen, welche Probleme in den kommenden Jahren vermehrt auf die Firmen zukommen. Sie werden es auch schwerer haben, beruflichen Nachwuchs für ihr Unternehmen zu finden. Nach 2017 zeichnet sich für das laufende Jahr erneut ein Überangebot an Ausbildungsstellen im Münsterland ab.

Zahl der Bewerber geht zurück

Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass die Betriebe in der Region sich auf dem Gebiet der Ausbildung überdurchschnittlich stark engagieren und auf eine Ausbildungsbetriebsquote von guten 27,5 Prozent kommen (Deutschland 19,8 Prozent). Sie merken, dass die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber zurückgeht. Und die vor allem für Industrie, Handel und Handwerk wichtige duale Berufsausbildung verliert zunehmend an Attraktivität – bei Frauen übrigens noch stärker als bei Männern. Eine Konsequenz der Bildungserfolge. Mehr als neun von zehn Bewerberinnen und Bewerbern im Jahr 2016/2017 besaßen einen Schulabschluss und rund 20 Prozent sogar die Hochschulreife.

Bei der Beschäftigtenzahl glänzt das Münsterland. Im Jahresvergleich 2016 zu 2017 (jeweils Stand Juni) stieg die Zahl um 15 384 beziehungsweise 2,55 Prozent auf 619 029 an (NRW + 2,27 Prozent). Das verarbeitende Gewerbe liegt mit 139 104 Beschäftigen vorn, gefolgt vom Handel (93 435), von Heimen und Sozialwesen (52 515) und dem Gesundheitswesen (50 988).

Arbeitswelt 4.0

Joachim Fahnemann ging im Gespräch ebenso auf die Arbeitswelt 4.0 ein. „Der Anteil der Arbeitsplätze, der durch die Digitalisierung beeinflusst wird, liegt im Münsterland etwa auf Landesniveau. Es gibt aber regional starke Unterschiede.“

Experten sprechen von Substituierbarkeitspotenzialen und messen damit die gegenwärtige und potenzielle Ersetzbarkeit von Berufen durch den Einsatz von Computern oder computergesteuerten Maschinen. Es geht hierbei rein um die technische Machbarkeit.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hat auch für das Münsterland dieses Potenzial ermittelt. Es liegt für die Region etwa beim NRW-Wert von 15,6 Prozent. Für Münster wurden 9,8 Prozent ermittelt – auch deshalb, weil in der Stadt viele analytische und interaktive Nicht-Routine-Aufgaben wie beispielsweise Beratungsleistungen erfüllt werden.

Fahnemann: „Vereinfacht dargestellt führt ein hoher Tertiarisierungsgrad zu geringeren Substituierbarkeitspotenzialen.“ Die Werte für die Kreise liegen höher als in Münster. Im Kreis Warendorf sind über 19 Prozent der Arbeitsplätze laut dieser Untersuchung von der Digitalisierung beeinflusst. Mit einem Jobverlust in dieser Größenordnung ist dies aber nicht gleichzusetzen. Digitalisierung wird in der Arbeitswelt längst als Chance gesehen.

Integration in die Arbeitswelt

Mit Spannung wird in den Unternehmen darauf geschaut, ob eventuell geflüchtete Menschen dazu beitragen können, dass Firmen auch morgen noch genug Mitarbeiter finden. Fahnemann warnt vor Euphorie: „Die Hoffnung hat sich kurzfristig jedenfalls nicht bewahrheitet.“ Bei der Erstintegration stehe man noch am Anfang. Ein Teil der Menschen nehme jetzt eine Beschäftigung auf, viele absolvierten aber weiterhin Sprachkurse und Qualifikationsmaßnahmen, „Wir müssen einen langen Atem haben, dann können wir von der Situation profitieren“, so der Leiter der Arbeitsagentur. Die neuen Mitarbeiter trügen dann noch Jahrzehnte zur Wertschöpfung bei.

„Angesichts all dieser Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt sollten wir im Münsterland unsere Kräfte weiter bündeln und uns gut organisieren“, so Joachim Fahnemann.

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