Autismus
„Ich habe ein anderes Betriebssystem im Kopf“

Münster -

Hilde Junke schreibt ans Ende ihres Blogs: „Kennst Du einen, kennst du einen.“ Kennst Du einen Autisten, weißt du noch lange nicht, wie die anderen ticken, sagt sie damit. Vor dem Welt-Autismus-Tag am 2. April hat sie sich aus ihrer mühevoll gehüteten Deckung gewagt und sich von unserem Redakteur Stefan Werding interviewen lassen. Ein Porträt.

Montag, 02.04.2018, 16:04 Uhr

Fotografiert zu werden, mag Hilde Junker überhaupt nicht gerne. Aber weil sie auf die Probleme der Autisten aufmerksam machen möchte, lässt sie das mit sich geschehen.
Fotografiert zu werden, mag Hilde Junker überhaupt nicht gerne. Aber weil sie auf die Probleme der Autisten aufmerksam machen möchte, lässt sie das mit sich geschehen. Foto: Wilfried Gerharz

Wenn Hilde Junker schlecht schläft – und das passiert ihr oft – dann merkt sie: „Ich habe das Frankfurter Autobahnkreuz in meinem Kopf.“ Nie denkt sie an eine Sache allein, immer zermartert sie sich den Kopf über mehrere Fragen gleichzeitig. Letztens hat sie ausgerechnet, wie viel ihrer Zeit sie für soziale Kontakte verwendet: sieben Prozent – und da sind Einkaufen und Besuch beim Therapeuten schon drin. „Die anderen 93 ziehe ich mich zurück.“

Hilde Junker ist Autistin. Sie gibt nicht gerne die Hand, schaut nicht mal ihrem Mann in die Augen, missversteht die Stimmungen, die bei Gesprächen zwischen dem Gesagten hin- und herschwingen. Smalltalk ist ihr zuwider. Dass er dazu dient, eine Beziehung aufzubauen, weiß sie. Begreifen tut sie‘s trotzdem nicht. „Ich habe ein anderes Betriebssystem im Kopf.“

„Ich verstehe die Sprache nicht, die da draußen gesprochen wird“

„Ich verstehe die Sprache nicht, die da draußen gesprochen wird“, sagt die 53-Jährige. Jede Bemerkung findet einen Weg in ihren Kopf. Um zu verstehen, warum Menschen so ticken, wie sie ticken, setzt sie sich mit ihrem Mann in ein Café, um zu üben, was Menschen meinen, wenn sie miteinander kommunizieren. All das merkt sie sich, legt in ihrem Kopf Aktenordner über menschliche Kommunikation an, merkt sich: „Der regiert so, das bedeutet das“ oder „Wenn ich das sage, kann dies passieren‘“und „Wenn sich etwas so anfühlt, kann es das bedeuten.“

Der Bundesverband „Autismus Deutschland“ definiert das so: „Menschen mit Autismus können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen und haben ebenso Schwierigkeiten, diese auszusenden. Die Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen oder Verhaltensanpassungen an soziale Situationen sind selten angemessen.“ Das bedeutet: Nicht nur Nicht-Autisten irritieren Autisten, sondern auch Autisten irritieren Nicht-Autisten. Eine breite Basis für Missverständnisse also. Und die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß: Von 1000 Menschen leben sechs bis sieben mit Autismus.

Diagnose nach 48 Jahren

Bei Hilde Junker hat es 48 Jahre gedauert, bis jemand bei ihr den Autismus diagnostizierte. Bis dahin hat sie einen großen Teil ihrer Energie damit verbracht, nicht am Rande zu stehen, sondern dazuzugehören. Sie glaubt, dass viele Autisten genau das tun: nicht dazugehören. Darum zwingen sie sich zu Dingen, die sie eigentlich für komplett unsinnig halten. Smalltalken zum Beispiel.

Inzwischen hat Hilde Junker damit aufgehört. Sie sieht zu, dass sie nicht mehr als zwei Termine pro Woche hat. Das sei mehr als ausreichend. Und:„Ich sage immer eiskalt, was ich denke“, sagt sie. Auch wenn sie andere damit vor den Kopf stößt oder Freundschaften dadurch kaputt gehen. Die Zahl der Kontakte ist damit sehr überschaubar geworden. „Ich habe real nur zwei bis drei Freundinnen. Die Kontakte finden zu 99 Prozent virtuell statt.“ Das ist in ihren Augen so auch komplett ausreichend.

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