Raiffeisen-Markt in Milte
Plaudereien gibt es gratis

Milte -

"Sag mal, habt ihr Algenkalk?“ Natürlich hat der Raiffeisen-Markt Algenkalk. „Algenkalk für Buchsbäume?“ Gewiss, gern auch für Buchsbäume. Der Kalk, plaudert der Kunde, solle ja wahre Wunder wirken, gerade bei Buchsbäumen. „Gegen den Zünsler hilft der aber nicht“, schränkt Florian Versmold ein, holt den Kalk, kassiert und erfährt nebenbei, wie es der Familie geht und dass die Arbeit im Garten mit den Jahren doch immer mühsamer wird. Die Gelenke sind eben nicht mehr das, was sie mal waren. Na ja, muss ja.

Sonntag, 15.04.2018, 12:04 Uhr

Das richtige Verbindungsstück für den Gartenschlauch: Natürlich führt Florian Versmold (rechts) auch das.
Das richtige Verbindungsstück für den Gartenschlauch: Natürlich führt Florian Versmold (rechts) auch das. Foto: Wilfried Gerharz

Fremden gegenüber stellt sich Versmold als Leiter der Raiffeisen-Niederlassung in Milte vor. Tatsächlich ist er aber viel mehr: Fachberater, Zuhörer, Tröster, Nachbar . . . Der Raiffeisen-Markt und Milte – das ist eine Einheit, das ist fast so, wie der vor 200 Jahren geborene Friedrich Wilhelm Raiffeisen seinen Genossenschaftsgedanken verstanden wissen wollte – nun ja, aber auch wirklich nur fast so . . .

„Den Genossenschaftsgedanken, den gibt es doch gar nicht mehr.“ Ludger Plessner reibt die Hände, die noch den Geruch des Futters tragen, das er gerade gemischt hat. Plessner ist auf ein Wort mit seinem Chef in das Geschäft gekommen und muss warten, weil Versmold gerade einen Kunden berät. Von Mehlwürmern ist die Rede und natürlich davon, wie man den lästigen Parasiten wieder loswird.

Standort Milte hat Potenzial

Plessner arbeitet seit 34 Jahren für den Raiffeisen-Stützpunkt im Warendorfer Ortsteil Milte. Er ist ein Mann, der von enthusiastischen Schwärmereien nichts hält. „Alle für einen, einer für alle, das gibt es doch schon lange nicht mehr. Jeder muss heute rechnen.“ Und wenn die privatwirtschaftliche Konkurrenz das Futter und den Dünger günstiger anbietet – dann ordert der Bauer dort, ob er nun Mitglied und damit Miteigentümer der Raiffeisen-Genossenschaft ist oder nicht. Der 59-Jährige schürzt die Lippen und lächelt, weil er sich an Zeiten erinnert, in denen ein Genossenschaftsmitglied sich wie ein Hochverräter fühlte, wenn es irgendwo anders einkaufte. Nun, die Dinge haben sich grundlegend geändert.

Raiffeisen-Markt in Milte

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  • Düngemittel: Im Frühjahr ein begehrtes Gut.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Von der Schutzkleidung zum Dinkelmehl: Magarete Kleibolte kümmert sich um das Sortiment des Marktes.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Buchhalterin Angelika Kleine Wächter gehört zum Fünf-Personen-Team in der Raiffeisen-Niederlassung in Milte.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Gartenprodukte sind eine der Säulen des Raiffeisen-Marktes.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Reichlich Vorrat: Raiffeisen-Märkte haben sich besonders auf Gartenprodukte spezialisiert.

    Foto: Wilfried Gerharz

Dabei steht die Raiffeisen-Niederlassung keineswegs schlecht da. Vor drei Jahren musste sie zwar ihre Selbstständigkeit aufgeben. „Früher oder später“, meint Buchhalterin Angelika Kleine Wächter, „wäre das sowieso passiert.“ Der Geschäfts-Wind weht rau und ruppig. Für kleine selbstständige Märkte ist kaum noch Platz. Der Standort Milte hat dennoch gutes Potenzial. „Wenn man etwas braucht, dann geht man hierhin“, sagt ein Kunde. Und wenn man nichts braucht, kommt man trotzdem. Die Chancen stehen immer gut, im Markt Leute aus dem Dorf zu treffen.

Lebensmittel im Raiffeisen

Milte teilt das Schicksal vieler kleiner Orte. Der letzte Lebensmittelmarkt hat vor Jahren geschlossen. Die Bäckerei versorgt ihre Kunden über Brot hinaus mit einigen Grundnahrungsmitteln. Für eine abwechslungsreiche Küche reicht das aber nicht.

Alle für einen, einer für alle, das gibt es doch schon lange nicht mehr.

Ludger Plessner, Mitarbeiter

„Kannst du nicht mehr Lebensmittel verkaufen?“ Versmold weiß nicht, wie oft er das schon gefragt worden ist. Auf schnell verderbliche Ware lässt er sich bei aller Verbundenheit trotzdem nicht ein. Die Erfahrung hat ihn schließlich eines gelehrt: „Letztendlich fahren die Leute doch zum Discounter.“ Dinkelprodukte gibt es, Fertigsuppen, Mehl. Waschpulver führt der Markt und seit einer Weile auch Toilettenpapier. „Bei uns“ – Versmold stellt es nüchtern fest – „wird man satt und sauber.“

Eine Vielzahl an Gartenprodukten

Theresia Kettler will heute nichts dergleichen. Hundefutter hat sie noch, und die 44 Hühner sind ausreichend versorgt. Ihre Tomatenpflänzchen allerdings sehen kümmerlich aus. „Alle kaputtgegangen“, erzählt sie dem Chef. „Hast du noch Tomatensamen?“

Was für eine Frage: Gartenprodukte sind eine der Säulen des Raiffeisen-Marktes. Wenige Sekunden später steht die 72-Jährige vor dem Regal und erkennt, dass die Auswahl an Pflanzensamen beträchtlich und das Sortiment der Tomatenzüchtungen kaum überblickbar ist. „Florian“, sagt die Kundin schließlich. „Hast du auch Samen für die großen Tomaten?“

Geschäftliches und Privates

Die Milterin ist eine typische Kundin. Sie erscheint regelmäßig und plaudert mit dem Team nicht nur über Geschäftliches. Wenn man sich seit vielen Jahren kennt, erzählt man einander, was privat gerade besonders bewegt. Krankheiten, Familienfeste und Handwerksarbeiten – alles, was gerade von Belang ist. Wie viele seiner Kunden er duzt? Versmold überlegt und schätzt, dass es sich um 95 Prozent handelt – eine Quote, die zumindest für diesen Tag untertrieben ist.

Die Kunden kommen und gehen. Raimund Drop parkt seinen Trecker vor der Lagerhalle. 1,5 Tonnen Schwefeldünger hat er bestellt, die nächste Charge holt er mittags. „Dünger, Spritzmittel, Kartoffelsäcke – die kaufe ich hier“, erzählt der Landwirt aus dem Nachbardorf Einen. Er ist ein treuer Kunde, aber keiner, für den es nur diese Bezugsquelle gibt. „Wenn ein anderer billiger bei gleicher Qualität ist“ – dann bekommt der den Zuschlag.

Astrid Borgmann liebäugelt derweil mit den Gummistiefeln. „Die pinkfarbenen sehen klasse aus.“ Andererseits – sie hat ja noch die grünen. Für die 39-Jährige ist der Markt in Milte einer dieser Orte, an denen es fast alles gibt. Tierfutter, Tiefkühl­eis, Spielzeugtrecker, Satteldecken, Tütensuppen, Regenjacken. Und Plaudereien natürlich. Die gibt es gratis dazu.

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Raiffeisen:

Vor 200 Jahren kam Friedrich Wilhelm Raiffeisen als siebtes von neun Kindern einer Landwirtsfamilie im Westerwald zur Welt, der es oft am Nötigsten fehlte. In seiner Kindheit erfuhr der spätere Gründer des Genossenschaftswesens, was Not war. Der tiefgläubige Christ organisierte später mit wohlhabenden Bürgern – zu diesem Zeitpunkt war er zum Bürgermeister in Weyerbusch befördert worden – Hilfsaktionen für hungernde Menschen nach einer Missernte.

Diese Soforthilfe, die sich bald darauf auch auf andere Lebensbereiche ausdehnte, war zwar noch weit von den genossenschaftlichen Prinzipien Raiffeisens entfernt. Doch sie erwies sich als Wegweiser für den tiefgläubigen Mann. In den nächsten Jahren feilte er sein Konzept aus. Menschen, die sich zu Genossenschaften zusammenschließen und für einander da sind: Dies war das Gerüst seiner Visionen. Seine Genossenschaftsidee steht seit 2017 auf der Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes.

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