Stephan Borgmann aus Ostbevern
Einer der erfolgreichsten Pferdezüchter der Welt

Ostbevern -

"Hidden Champions" – so nennt man im Fachjargon Indus­trie-Unternehmen, die eigentlich niemand so ganz auf dem Schirm hat, die aber dennoch still und heimlich auf dem Weltmarkt den Ton angeben. Der Pferdezuchtbetrieb von Stephan Borgmann in Ostbevern ist ein solcher – denn hier, tief im Münsterland, starten weltweit erfolgreiche Sportpferde ihren Werdegang. 

Samstag, 02.06.2018, 09:52 Uhr

Ein maßgeschneidertes Erfolgskonzept:Stephan Borgmann vertraut in der Zucht auf seinen Instinkt und hat großen Erfolg damit.
Ein maßgeschneidertes Erfolgskonzept:Stephan Borgmann vertraut in der Zucht auf seinen Instinkt und hat großen Erfolg damit. Foto: Sven Rapreger

Borgmanns Stutenstamm wurde von einem Fachmagazin bereits zum „erfolgreichsten der Welt“ gekürt. Doch wer hier einen hoch industrialisierten Betrieb erwartet, irrt. Die Realität: bäuerlicher Charme statt Prunk und Pomp. Und mittendrin Borgmann selbst, der über sich selbst sagt: „Ich bin ein Bauer“ – und seinen Hof von der Dorf- zur Weltmarke gebracht hat, obwohl er alles irgendwie „nebenbei“ macht.

Auf Borgmanns Hof bleibt kein Besucher unbemerkt: Sofort recken die Pferde neugierig ihre Köpfe aus den Stallfenstern. Alte Backsteinmauern und die traditionelle Tenne rücken ins Blickfeld. Es herrscht Trubel: Der Tierarzt ist da, zwei Frauen satteln ein Pferd. Mit dem Handy am Ohr saust Stephan Borgmann vorbei. „Bin sofort da!“, ruft der 42-Jährige – und ist schon wieder weg. Kein Tag ist hier wie der andere, wird er später erzählen. Immer was zu tun.

Ein Bauernhof als Wiege der Sportpferde

Borgmanns Mutter Brigitte führt derweil schon mal durch die Stallgebäude. In der alten Tenne sind Zuchtstuten untergebracht. Ein wenig wirkt das etwas düstere Bauwerk wie ein Relikt vergangener Jahrhunderte. Der Geruch von Heu steigt in die Nase, die Geräusche der malmenden Pferde dringen aus den Boxen. Hun derte von Championats-Plaketten, die die Gemäuer zieren, erzählen von großen Erfolgen. „Irgendwann haben wir aufgehört, die aufzuhängen“, sagt Brigitte Borgmann. „Es waren einfach zu viele.“

Pferdezuchtbetrieb: Bäuerlicher Charme statt Prunk und Pomp

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  • Aufmerksam: Wenn Fremde den Hof betreten, werden sie – auf ihre Weise – von den Pferden begrüßt. Rund 30 Stuten befinden sich auf dem Hof.

    Foto: Sven Rapreger
  • Mit Mundschutz ist alles möglich: Stephan Borgmann hat eine Allergie gegen Pferdehaare.

    Foto: Sven Rapreger
  • Ein maßgeschneidertes Erfolgskonzept: Stephan Borgmann vertraut in der Zucht auf seinen Instinkt und hat großen Erfolg damit.

    Foto: Sven Rapreger
  • Stephan Borgmann sagt von sich: „Ich bin ein Bauer“. Quasi so nebenbei hält er auf seinem Hof in Ostbevern um die 100 Pferde.

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  • Kein Wunder, dass sich Interessenten aus aller Welt in Ostbevern einfinden, um Ausschau nach gutem vierbeinigen Nachwuchs zu halten.

    Foto: Sven Rapreger
  • Dass der 42-Jährige sich nicht scheut, „sein eigenes Ding“ zu machen, zeigt auch die Art, wie er seine Pferde verkauft.

    Foto: Sven Rapreger

Dann trifft auch der Chef selbst ein. Ein wenig gehetzt wirkt er, aber sein Lächeln kommt ihm nicht abhanden. Um seinen Hals baumelt ein Mundschutz – ohne den geht gar nichts: Schon seit vielen Jahren hat er eine Allergie gegen Staub und Pferdehaare. „Ich bin das ja gewöhnt, das macht nichts“, sagt Borgmann und lacht. Keine Frage, dieser Mann ist ein Mensch der Gegensätze.

Früher hatten wir hier einen Schweinemast-­­betrieb. Dann waren die ersten Stuten da. Irgendwann waren es fünf, dann 15, jetzt sind es 30.

Stephan Borgmann

Der Eindruck der Widersprüche zieht sich beim Rundgang über den Hof fort. Da wäre die Tatsache, dass hier, im Dorf, Pferde gezüchtet werden, die später rund um den Globus Erfolge sammeln. Oder dass Borgmann mit großer Selbstverständlichkeit die Ahnentafel jedes Pferdes bis in die siebte Generation auswendig herunterrattert – sich aber keine Vornamen merken kann. Oder dass er auf dem Weltmarkt der Dressurpferde bei den ganz Großen mitspielt, aber dennoch alles anders macht als andere in der Branche: Wo andernorts Luxusställe zu finden sind, ist hier ein Bauernhof die Wiege der Sportpferde. Wo sonst prominente Reiter im Sattel sitzen, tut dies hier der Züchter selbst. Wo üblicherweise Trends die Zucht bestimmen, wird hier auf Beständigkeit gesetzt.

Borgmann gibt seine Vierbeiner nicht aus der Hand

Acht Mitarbeiter – nicht alle in Vollzeit – tragen zum Gelingen bei. Borgmann selbst allerdings arbeitet gefühlt rund um die Uhr. Irgendetwas ist immer zu tun auf dem Hof, auf dem er „nur so nebenbei“ rund 100 Pferde hält – denn Borgmann ist eigentlich gelernter Landwirt. Großvater Heinrich und Vater Norbert legten einst den Grundstein für die Pferdezucht. „Früher hatten wir hier einen Schweinemastbetrieb. Dann waren die ersten Stuten da. Irgendwann waren es fünf, dann 15, jetzt sind es 30“, sagt er.

Die Stuten Fathme und Florabelle begründeten mit ihren Töchtern eigene Linien. Mittlerweile werden auf dem Hof jährlich rund 25 Fohlen geboren. Trotzdem: Die ursprünglichen Strukturen sind geblieben. Borgmann ist eine „One Man Show“: Seine Vierbeiner gibt er nicht aus der Hand. Zwar helfen ihm einige Reiterinnen bei der Ausbildung der Pferde. Doch noch immer sitzt er oft selbst im Sattel, zieht die Tiere auf, vermarktet sie. Auch damit ist Borgmann gewissermaßen ein Unikum: Wo anderswo drei, vier Stationen zur Vita eines Pferdes zählen, durchlaufen die Borgmann’schen Pferde nur eine einzige: den Bauernhof in Ostbevern.

Irgendwann haben wir aufgehört, die aufzuhängen. Es waren einfach zu viele.

Brigitte Borgmann über Championats-Plaketten

Dass der Alltag da schon mal stressig werden kann, ist nicht verwunderlich. Kaufinteressenten, Fohlen, Reitpferde, die Biogasanlage nebenan, 90 Hektar Mais – es gilt, den Überblick zu behalten. Ob da nicht irgendwann ein Burn-Out droht? „Ach Quatsch“, wiegelt der Pferde-Fachmann ab. „Dafür hab ich doch gar keine Zeit.“

Eigene Hofauktion

Ein Charakterkopf ist er, kein Zweifel. Das zeigt auch seine Angewohnheit, selten mit dem Strom zu schwimmen. Statt die aktuell gefragtesten Zuchthengste für die Anpaarung auszuwählen, fällt Borgmanns Wahl oft auf seine ganz persönlichen Favoriten – eine Geradlinigkeit, die ihm mitunter Kritik einbringt. „Aber ich kenne meine Stuten genau. Ich kenne ihre Großmütter, Urgroßmütter, Ururgroßmütter. Ich weiß, wann es passt“, sagt er. Und der Erfolg beweist, dass er richtig liegt: Olympiapferd Floriano, Jungpferde-Weltmeister Caballero, Weltcup-Springer Pontifex, der österreichische Meister Eichendorff, Siegerhengst Estobar NRW: Sie alle kamen bei Borgmann in Ostbevern zur Welt.

Dass der 42-Jährige sich nicht scheut, „sein eigenes Ding“ zu machen, zeigt auch die Art, wie er seine Pferde verkauft. Statt sie, wie andere Züchter, über die offiziellen Verbände vermarkten zu lassen, nimmt er das Ganze selbst in die Hand und richtet seit 2012 regelmäßig eigene Hofauktionen aus.

Die nächste große Auktion ist am 16. Juni geplant – 27 Jungtiere kommen unter den Hammer. Und schon jetzt steht das Telefon nicht mehr still, Reiter aus aller Welt kündigen sich an, Profis und Hobbyreiter. Bald werden sie sich aus Australien, Asien, Amerika auf den Weg ins beschauliche Münsterland machen – um ein Pferd des „Bauern“ zu kaufen.

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