Eichenprozessionsspinner im Münsterland
Jagd auf die reizende Raupe

Nordkirchen -

Vom Nebenaspekt zum Dauerthema: Der Eichenprozessionsspinner hält Menschen, Kommunen und vor allem Baumpfleger in Atem. Wir haben einen 34-jährigen Dülmener bei seiner Arbeit begleitet. Er weiß, wie heikel es ist, die Gespinste der haarigen Spinner zu entfernen.

Samstag, 16.06.2018, 10:40 Uhr aktualisiert: 16.06.2018, 10:49 Uhr
Höhenangst darf man da nicht haben: Baumpfleger Manuel Schuster ist in eine alte Eiche geklettert, um die Nester des Eichenprozessionsspinners zu entfernen.
Höhenangst darf man da nicht haben: Baumpfleger Manuel Schuster ist in eine alte Eiche geklettert, um die Nester des Eichenprozessionsspinners zu entfernen. Foto: Wilfried Gerharz

Hoch oben in einer knorrig-alten Eiche hängt Manuel Schuster gut verhüllt an fingerdicken Seilen und jagt kleine Spinner. Der 34 Jahre alte Dülmener ist Baumpfleger und macht seit Tagen nicht anderes als das, was seine Kollegen auch tun: Eichenprozessionsspinner-Gespinste entfernen. Die Raupen haben es in der Hitparade der schlechten Nachrichten ganz weit nach oben geschafft. Weil sie sich explosionsartig vermehrt haben und ihre Brennhärchen allergische Reaktionen auslösen können.

Freitagmorgen, halb zehn, Hof Rotert in Nordkirchen. Schuster und sein Kollege Tino Tobien machen eine Kaf feepause. Schutzmasken run­ter, raus aus den Schutzanzügen, schnell den Schweiß von der Stirn gewischt, Zeit für einen Plausch. Sechs Ei­chen stehen auf der Hofstelle Spalier, an jeder hängen mehrere, gottlob nicht allzu große Nester.

Panikmache oder berechtigte Sorge?

Der eine saugt sie weg, der andere flammt sie ab: Manuel Schuster hat seine eigene Methode, die Gespinste zu entfernen. Behände hangelt er sich von Ast zu Ast, sprüht sie mit Kleber ein, „damit die Härchen gebunden sind“, pflückt sie dann vom Baum und stopft sie in eine Hundekot-Tüte. Zuknoten, fertig. „Entsorgt wird all das am Ende in der Müllverbrennung“, sagt er.

Eher Hype oder doch berechtigte Sorge: Ein bisschen übertrieben sei der Raupen-Rummel ja schon, meint der 34-Jährige. Klar, befinden sich die Nester unten am Stamm und stehen die Bäume auf Spielplätzen oder Schulhöfen, „dann muss man schon handeln.“ Was er eigentlich sagen will, ist das, was er dann doch nicht sagt.

Was man über den Eichenprozessionsspinner wissen sollte

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  • Im Münsterland breitet sich der Eichenprozessionsspinner in diesem Jahr besonders aus. Der Körper der bis zu fünf Zentimeter langen Raupe ist mit gefährlichen Brennhaaren übersät. Die Raupe ist an einem schwarz-braunen Streifen auf dem Rücken zu erkennen.

    Foto: Patrick Pleul (dpa)
  • Hauptsächlich an Eichen, manchmal aber auch an Hainbuchen spinnen die Raupen ihre Nester.

    Foto: Michael Schwakenberg
  • Aus Gelegen von 100 bis 200 Eiern schlüpfen Anfang Mai kleine Larven, die bis zur Verpuppung fünf bis sechs Stadien durchlaufen. Nach der Verpuppung ist das Tier ein brauner, unscheinbarer Nachtfalter.

    Foto: Bodo Marks (dpa)
  • Im „Gänsemarsch“ gehen die Raupen auf die Suche nach Nahrung – bevorzugt Eichenblätter. Durch diese „Prozession“ sind die Tiere zu ihrem Namen gekommen.

    Foto: Peter Roggenthin (dpa)
  • Ab dem dritten Stadium entwickeln sich bei den Larven Brennhaare mit Widerhaken, die ein Nesselgift (Thaumetopoein) enthalten. Bei unmittelbarem Kontakt kann das zu Hautentzündungen führen, bei empfindlichen Menschen auch zu allergischen Reaktionen. Typische Symptome sind Juckreiz, Hautrötung und Bläschen. Die Beschwerden klingen meist nach wenigen Tagen ab.

    Foto: Bernd Schäfer
  • Wer ein Nest entdeckt, sollte es deshalb nicht anfassen, sondern eine Fachfirma mit der Entfernung beauftragen, raten Behörden.

    Foto: hbm
  • So sieht ein entferntes Nest aus. Hohe Temperaturen und wenig Regen im Mai und Juni begünstigen die Verbreitung der Raupen.

    Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Ähnlich sieht das Schusters Berufskollege Johannes Gewers aus Ahaus. Niemand müsse wegen der Tiere gleich in Panik verfallen, meint er. „Wenn sich ein Nest in 20 Metern Höhe befindet, passiert erst mal gar nix.“

Dennoch reißen die Alarmmeldungen nicht ab. Schulen, Freibäder, Kindergärten, Spielplätze werden wegen der reizenden Raupen geschlossen. Schuster, Gewers und ihre Kollegen sind im Dauereinsatz.

Prozessionsspinnerkunde im Schnelldurchgang

Vor allem im Münsterland tritt das Tierchen derzeit so massenhaft auf, dass die natürlichen Fressfeinde machtlos sind, sagt Norbert Geist hoff, Waldschutzberater beim Landesbetrieb Wald und Holz. „Weil es sehr früh warm war und es hier sehr viele Eichen gibt.“ Paradiesische Bedingungen für die kleine Raupe Nimmersatt. Betroffen seien aber auch das Ruhrgebiet und der Niederrhein. Weite Teile Ostwestfalens, das Sauer- sowie das Siegerland hätten hingegen noch Ruhe. „Das bleibt auch noch ein paar Jahre so.“

Einem gesunden Baum macht der Befall nichts aus. Selbst wenn ihn Heerscharen von Raupen förmlich kahlfressen. Mutter Natur denkt auch an ihre Eichen. Und beschert ihnen einen zweiten Blattaustrieb, der in der Regel erst wächst, nachdem sich die Raupen in Falter verwandelt haben.

Nach Nordkirchen kommt Lüdinghausen: Schuster hat an diesem Freitag noch etliche Einsätze. Der Raupen- Rummel wird noch ein paar Wochen anhalten. Mitte Juli, so schätzt der Baumpfleger, ist der Spuk vorbei, wort wörtlich davongeflogen. „Der akute Druck ist dann weg“, sagt er. Danach wird er nur noch die leeren Gespinste mit den Verpuppungsresten entsorgen müssen. Sie einfach im Baum hängen lassen geht nicht. Weil sich darin auch Brennhaare befinden, die noch jahrelang aktiv sein können.

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