Hilfsangebot in Nottuln
Das Alexianer Martinistift ist eine neue Chance für Jugendliche

Nottuln -

Irgendwann hatte Carsten seine Mutter so weit, dass sie ihm sein Essen auf Zehenspitzen ins Zimmer stellte, um ihn bloß nicht beim Computerspielen zu stören. Was machen mit Jugendlichen wie ihm, die keine Grenzen mehr kennen – gegenüber niemandem: den Eltern nicht, den Lehrern nicht, den Mitschülern? Die kriminell sind, die ständig abhauen, die mit einem Messer zustechen? Eine Möglichkeit ist ein Jugendknast. Eine andere ist das Alexianer Martinistift.

Freitag, 20.07.2018, 07:00 Uhr

Selbst beim Karnevalsumzug haben sich einige Jungs aus dem Alexianer Martinistift beteiligt. Andreas Schmitz (l) und Sven Homann gehören zum Team, das sich um die Jugendlichen kümmert.
Selbst beim Karnevalsumzug haben sich einige Jungs aus dem Alexianer Martinistift beteiligt. Andreas Schmitz (l) und Sven Homann gehören zum Team, das sich um die Jugendlichen kümmert. Foto: Iris Bergmann

Zweieinhalb Kilometer in die eine Richtung liegt Nottuln-Appelhülsen, zweieinhalb Kilometer in die andere Dülmen-Buldern. Wenn irgendwo ab vom Schuss ist, dann hier. Wer die Voraussetzungen erfüllt, dort aufgenommen zu werden, der hat nicht das, was man gemeinhin eine „schöne Kindheit“ nennt. Der hatte eher nie eine Chance, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen, der hat Verwahrlosung und Gewalt am eigenen Leib erlebt.

Sven Homann sagt es so: „Die Jungen sind nicht schwer erziehbar. Es gab nur niemanden, der sie richtig erzogen hat und auf sie eingegangen ist.“ Als Carsten nach Nottuln kam, hatte er so viel vor seinem Rechner gehockt, dass er 20 Kilo schwerer geworden ist. Da war klar, dass er seinem Leben eine andere Richtung geben musste.

Niemand kommt gegen den eigenen Willen

„Unter Zwang nehmen wir niemanden auf“, sagt Sven Homann. Zur Strafe geht niemand ins Alexianer Martinistift. Sollte ein Jugendamt auf die Idee kommen, einen Jugendlichen gegen seinen Willen zu bringen, dann schicken wir den wieder weg, auch wenn er aus München kommt“, sagt der Diplom-Sozialarbeiter und „Therapeut für opfergerechte Täterarbeit“ des Alexianer Martinistifts. „Wir nehmen keinen Jugendlichen auf, der mit Kabelbinder oder Handschellen gebracht wird und der von vornherein klar­gemacht hat: ,Ihr könnt ­machen, was ihr wollt, ich komme nicht.‘“ Schließlich sei das Stift eine Einrichtung der Jugendhilfe und nicht der verlängerte Arm der Justiz.

1. Spatenstich im Alexianer Martinistift Appelhülsen

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  • Foto: Ulla Wolanewitz
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Eine Chance auf ein Leben im Martinistift bekommt nur, wer ein Mindestmaß an Bereitschaft zeigt, sich einzulassen. Dann ist auch eine Körperverletzung kein Grund, ihn abzulehnen, sagt Andreas Schmitz, kaufmännischer Leiter.

Bewohner haben einen geregelten Tagesablauf

Klare Regeln und Grenzen bestimmen das Leben in Nottuln. Dinge, die für viele Bewohner eine komplett neue Erfahrung sind: Wecken um halb sieben, gemeinsame Mahlzeiten, Schulunterricht ab 7.30 Uhr, Lehrer, die aufs Gelände kommen, Zimmer- und Gruppenputz, aber auch Kletterkurse, therapeutisches Reiten, Sport – all das mit dem Ziel, den Jugend­lichen zu vermitteln: „Du kannst doch was.“

In Homanns Augen sind die Jugendlichen nicht in erster Linie Verbrecher: „Die können massiv kriminell sein und parallel trotzdem Abi machen und an einem Musikworkshop teilnehmen“, sagt er. Wichtig sei, den Jugendlichen nicht auf seine Tat zu reduzieren, sondern den Jugendlichen mit seinen Talenten zu sehen. Bei Carsten sind sie schon ein großes Stück weiter. Der geht jetzt zur Schule, singt mit großer Begeisterung in einem Musikworkshop. Er ist ein Beispiel für eine gelungene Jugendhilfe.

Besondere Chance für betroffene Jugendliche

Homann und Schmitz geben auch zu: „Es gibt auch die anderen.“ Die, die sie oder die anderen Jugendlichen bedrohen. Die das kleinste Stückchen Freiheit nutzen, um abzuhauen und bei ihren alten Kumpels nach dem Rechten zu sehen oder weil sie ihre Freundin nicht erreichen. Wenn dadurch klar wird, dass sie sich nicht einlassen, dann müssen sie das Alexianer Martinistift unter Umständen wieder verlassen.

Wohin? In eine vergleichbare Einrichtung, die noch weiter weg ist vom Schuss oder von Zuhause. Oder in die U-Haft. Aber sie hatten zumindest ein Chance.

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