Stutthof-Prozess
Coesfelderin forscht seit Jahren in dem Konzentrationslager

Coesfeld -

Auschwitz kennt jeder. Aber Stutthof? Das Konzentrationslager vor den Toren Danzigs war klein, viel kleiner als Auschwitz, vielleicht auch weniger dämonisch. Ein Ort des Schreckens, der Qual, des Todes war es allemal. Kerstin Zimmermann, studierte Historikerin, Angestellte der Stadt Coesfeld und dort für die kommunalen Museen zuständig, beschäftigt sich in ihrer Freizeit schon lange mit dem Lager, das kaum ­jemand kennt.

Dienstag, 14.08.2018, 09:08 Uhr

Der Eingang zum Lager bei Nacht. Bis zu 85 000 Menschen sind in dem NS-Konzentrationslager umgekommen.
Der Eingang zum Lager bei Nacht. Bis zu 85 000 Menschen sind in dem NS-Konzentrationslager umgekommen. Foto: Kerstin Zimmermann

Als sie im vergangenen Jahr von der Anklage gegen zwei frühere SS-Wachmänner aus dem Kreis Borken und der Stadt Wuppertal erfuhr, war sie mehr als überrascht. „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Die beiden heute über 90 Jahre alten Männer, waren während des Krieges für längere Zeit in Sutthof stationiert. Der Vorwurf, den Oberstaatsanwalt Andreas Brendel von der Dortmunder Schwerpunktstaatsanwaltschaft für die Verfolgung von NS-Verbrechen ihnen macht: Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen.

Bedeutung hat nicht immer etwas mit Größe zu tun. Und Stutthof, so Zimmermann, wurde ab 1943 bedeutend. Nach Stalingrad wurde aus dem deutschen Vormarsch ein Rückzug, der auch dazu führte, dass die Ghettos und Konzentrationslager im Osten peu à peu aufgegeben werden mussten. „Das Konzentrations­lager Stutthof war ab 1943 der Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung der Menschen“, sagt Zimmermann. Tausende kamen täglich dort an. Aus dem Ghetto Riga, aus dem KZ Kaiserwald, auch aus Auschwitz.

"Wo sind die Menschen geblieben?"

Wie kommt jemand dazu, sich regelrecht in so ein Thema zu verbeißen und dabei so weit zu gehen, sogar im Urlaub in Stutthof zu forschen? Zimmermann lacht. Weil sie weiß, dass das alles auch ein bisschen verrückt ist. „Den Anfang haben die Coesfelder Juden gemacht“, erzählt sie. Im Stadtarchiv gibt es noch alte Personenstandskarten. Wo sind die Menschen geblieben? Aus der Frage wurde Leidenschaft.

Vergessenes Lager mit großer Bedeutung

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  • Auschwitz kennt jeder. Aber Stutthof? Das Konzentrationslager vor den Toren Danzig war klein, viel kleiner als Auschwitz, vielleicht auch weniger dämonisch. Ein Ort des Schreckens, der Qual, des Todes war es allemal.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Kerstin Zimmermann, studierte Historikerin, Angestellte der Stadt Coesfeld und dort für die kommunalen Museen zuständig, beschäftigt sich in ihrer Freizeit schon seit Jahren mit dem Lager Sutthof.

    Foto: Elmar Ries
  • Sutthof wurde ab 1943 bedeutend. Nach Stalingrad wurde aus dem deutschen Vormarsch ein Rückzug, der auch dazu führte, dass die Ghettos und Konzentrationslager im Osten peu à peu aufgegeben werden mussten. „Das Konzentrationslager Stutthof war ab 1943 der Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung der Menschen“, sagt Zimmermann. Tausende kamen täglich dort an. Aus dem Ghetto Riga, aus dem KZ Kaiserwald, auch aus Auschwitz.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Als Kerstin Zimmermann im vergangenen Jahr von der Anklage gegen zwei frühere SS-Wachmänner aus dem Kreis Borken und der Stadt Wuppertal erfuhr, war sie mehr als überrascht. „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Die beiden, heute über 90 Jahre alten Männer, waren während des Krieges für längere Zeit in Sutthof stationiert. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Häftlings-Unterlagen mit regionalem Bezug. Die Gefangene, zu der diese Karte gehört, stammte aus Burgsteinfurt.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Bis zu 85 000 Menschen sind in Stutthof gestorben. Sie wurden erschlagen, erhängt, erschossen, vergiftet und vergast. Viele starben auch infolge elender Zustände: Im Lager herrschten miserable hygienische Zustände, es gab zu wenig zu essen, die Unterbringung war mies, die Arbeit hart.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Wie kommt jemand dazu, sich so sehr für dieses Thema zu interessieren? „Den Anfang haben die Coesfelder Juden gemacht“, erzählt sie. Im Stadtarchiv gibt es noch alte Personenstandskarten. Wo sind die Menschen geblieben? Aus der Frage wurde Leidenschaft. Die heute 65-Jährige machte sich auf die Suche – und wurde von dem Thema förmlich gepackt. Aktenstudium hier und da, Quellenkunde im Holocaust-Archiv des Internationalen Roten Kreuz in Bad Arolsen, Spurensuche in Stutthof. Was lokal begann, wurde immer größer, umfassender, komplexer. „Ich habe irgendwann begonnen, über den Tellerrand zu schauen“, sagt sie.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Es wird davon ausgegangen, dass die Zustände auf Betreiben der Lagerleitung und SS-Führung absichtlich sehr schlecht waren, damit Menschen starben. Nachgewiesen ist auch, dass im Winter 1943/44 eine unbekannte Anzahl von Gefangenen getötet wurden, indem man sie erfrieren ließ.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Der Eingang zum Lager bei Nacht. Dass jemand wie der beschuldigte Ex-SS-Mann aus dem Kreis Borken, der nachweislich von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof als Wachmann eingesetzt war, von dem tagtäglichen Grauen und den systematischen Verbrechen nichts mitbekommen haben will, ist ihr unbegreiflich. „Der Mann war da, als die großen Transporte kamen“, sagt Zimmermann. Er war aber nicht mehr vor Ort, als aus dem Konzentrationslager Sutthof ein Vernichtungslager wurde.

    Foto: Kerstin Zimmermann

Die heute 65-Jährige machte sich auf die Suche – und wurde von dem Thema förmlich gepackt. Aktenstudien hier und da, Quellenkunde im Holocaust-Archiv des Internationalen Roten Kreuzes in Bad Arolsen, Spurensuche in Stutthof. Was lokal begann, wurde immer größer, umfassender, komplexer. „Ich habe irgendwann begonnen, über den Tellerrand zu schauen“, sagt sie. Zimmermann ist längst Fachfrau.

85 000 Tote

Das jemand wie der beschuldigte Ex-SS-Mann aus dem Kreis Borken, der nachweislich von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof als Wachmann eingesetzt war, von dem tagtäglichen Grauen und den systematischen Verbrechen nichts mitbekommen haben will, ist ihr unbegreiflich. „Der Mann war da, als die großen Transporte kamen“, sagt Zimmermann. Er war aber nicht mehr vor Ort, als aus dem Konzentrationslager Sutthof ein Vernichtungs­lager wurde.

Der Mann war da, als die großen Transporte ankamen.

Kerstin Zimmermann

Schlechte Zustände waren beabsichtigt

Die Anklage geht davon aus, dass die Zustände auf Betreiben der Lagerleitung und SS-Führung absichtlich so schlecht waren, damit die Menschen starben. Nach­gewiesen ist auch, dass im Winter 1943/44 eine un­bekannte Anzahl von Gefangenen getötet wurde, indem man sie erfrieren ließ. Die Beschuldigten sagen, von all dem nichts gewusst zu haben. Nachhilfe geben könnten ihnen vermutlich ehemalige Insassen, die als Nebenkläger auftreten wollen. Das Simon Wiesenthal Center in Jerusalem hat einige von ihnen aufgespürt.

Das Stutthoff-Verfahren

Die Ermittlungen gegen die beiden Stutthof-Wachmänner waren nach dem Urteil des Münchner Landgerichts gegen den Sobibor-Wachmann John Demjanjuk im Jahr 2011ins Rollen gekommen. Die Münchner Richter hatten –  anders als der Bundesgerichtshof 1969 – die Rechtsauffassung vertreten, dass Beihilfe zum Mord in NS-Konzentrationslagern auch ohne einen individuellen Schuldbeweis bestraft werden kann; allein die Anwesenheit als Wachmann sei ausreichend für eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord. Diese Rechtsauffassung ist im Nachgang zu einem Auschwitz-Verfahren 2016 vom Bundesgerichtshof bestätigt worden. Für die bundesweit zuständige Zentralstelle in Ludwigsburg war das ein Demjanjuk-Urteil ein Signal, alte, längst zu den Akten gelegte Fälle nochmals unter die Lupe zu nehmen. Dabei tauchten auch die Stutthof-Fälle auf.

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