Brandstifter-Prozess beginnt mit Überraschung
Ein Angeklagter ist verschwunden

Westerkappeln/Münster -

Der Prozess um die Brandstiftung im Orientladen am Kreuzplatz in Westerkappeln hat am Montag mit einer Überraschung begonnen. Weil einer der fünf Angeklagten nicht zur Verhandlung vor der 2. Großen Strafkammer am Landgericht Münster erschienen ist, kam es nicht einmal zum Verlesen der Anklage. Das Gericht hat Haftbefehl gegen den 30-jährigen Mann erlassen.

Montag, 20.08.2018, 15:27 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 20.08.2018, 15:06 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Montag, 20.08.2018, 15:27 Uhr
Zum Prozessauftakt saßen am Montag nur vier der fünf Beschuldigten auf der Anklagebank. Der Inhaber des Orientladens, der sich hier hinter einem Dokumentenordner vor den Fotografen versteckt (vorne rechts) und sein ein Jahr jüngerer Bruder stehen besonders im Fokus. Sie bestreiten eine Tatbeteiligung.
Zum Prozessauftakt saßen am Montag nur vier der fünf Beschuldigten auf der Anklagebank. Der Inhaber des Orientladens, der sich hier hinter einem Dokumentenordner vor den Fotografen versteckt (vorne rechts) und sein ein Jahr jüngerer Bruder stehen besonders im Fokus. Sie bestreiten eine Tatbeteiligung. Foto: Oliver Werner

Sollte die Polizei bis zum zweiten Verhandlungstag am Mittwoch seiner nicht habhaft werden, wird das Verfahren gegen ihn möglicherweise abgetrennt. Das hat zumindest die Staatsanwaltschaft beantragt.

Wo sich der aus dem Irak stammende Osnabrücker aufhält, ist unklar. Er ist gemeldet in einer Sammelunterkunft für Asylbewerber in der Osnabrücker Innenstadt. Dort wurde er jedoch schon seit Anfang Juli nicht mehr gesehen, wie der Hausmeister der Einrichtung der Polizei mitteilte. Möglicherweise hat der 30-Jährige sich ins Ausland abgesetzt. Davon gehen auch seine beiden Pflichtverteidiger aus, die nach eigenen Angaben ebenfalls seit Wochen keinen Kontakt mehr zu ihrem Mandanten haben. Bis Mittwoch soll bei den zuständigen Ausländerbehörden recherchiert werden, ob der Iraker womöglich noch Sozialleistungen bezieht und vielleicht unter einer anderen Adresse gemeldet ist.

Volle Anklagebank

Auch ohne ihn sind die Anklagestühle im Saal 23 des Landgerichtes mit den vier anderen Beschuldigten nebst Rechtsanwälten und Dolmetschern fast voll besetzt. Im Mittelpunkt des Schwurgerichtsverfahrens stehen zwei 26 und 27 Jahre alte Brüder aus Westerkappeln. Der ältere der beiden war Inhaber des Lebensmittelgeschäfts am Hasenbrunnen. Die Geschwister sollen zwei, ebenfalls aus dem Irak stammende Osnabrücker – 22 und 23 Jahre alt – beauftragt haben, den Laden in Brand zu stecken, um eine im Oktober 2017 erhöhte Inventar- und Ausfallversicherungssumme in Höhe von 120.000 Euro zu kassieren. Die ausführenden Täter sollten dafür einen Schuldenerlass und eine Geldzahlung in einer Gesamthöhe von 5000 Euro bekommen, wie aus der Anklageschrift hervorgeht.

Aus der Untersuchungshaft entlassen

Den Kontakt zwischen dem Brüderpaar und den Brandstiftern soll der flüchtige Iraker hergestellt haben. Weil die Staatsanwaltschaft zu dem Zeitpunkt keinen dringenden Tatverdacht mehr annahm, wurde der 30-Jährige einige Wochen nach seiner Festnahme aus der Untersuchungshaft entlassen. Zwei andere junge Männer, die die mutmaßlichen Brandstifter mit dem Auto nach Westerkappeln gefahren hatten, wurden seinerzeit ebenfalls auf freien Fuß gesetzt, weil sie wohl keine Ahnung von den Plänen hatten.

Heftige Explosion

Der 22- und der 23-Jährige sollen in der Nacht zum 7. Februar durch eine Schaufensterscheibe in den Laden eingebrochen sein und dort mehrere Liter Benzin verschüttet haben. Beim Entzünden kam es zu einer heftigen Explosion, die sogar Nachbargebäude in Mitleidenschaft zog. Das Geschäft brannte völlig aus.

Die Mieter in den Wohnungen über dem Laden mussten aus dem Gebäude flüchten. Wie durch ein Wunder blieb es bei zwei Verletzten, die Rauchvergiftungen erlitten hatten. Die Brandstifter und das Westerkappelner Brüderpaar hätten aber Verletzungen oder gar den Tod von Unbeteiligten in Kauf genommen, meint die Staatsanwaltschaft.

Brüder bestreiten Beteiligung

Die Brüder bestreiten eine Beteiligung und wollen sich vorerst nicht zu den Geschehnissen einlassen, wie sie am Montag über ihre Verteidiger verlauten ließen. Der 22- und der 23-Jährige haben dagegen gestanden.

Der Prozess ist auf 14 Verhandlungstage angesetzt. Über 40 Zeugen und fünf Sachverständige sind geladen. Im Falle einer Verurteilungen drohen den Angeklagten langjährige Haftstrafen.

Brüder wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Die beiden Brüder aus Westerkappeln sind keine unbeschriebenen Blätter. Das Schöffengericht Ibbenbüren hat die beiden Ende April wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung und fahrlässiger Tötung verurteilt. In dem Prozess ging es um den Tod eines 73-jährigen Mannes am 11. März 2017 auf dem Waschplatz einer Tankstelle in Ibbenbüren. Dort griffen der 26- und der 27-Jährige einen jungen Mann aus Recke an. Bei der wüsten Schlägerei droschen die Brüder so heftig auf ihr Opfer ein, dass dieser sich in panischer Angst in sein Auto flüchtete und Gas gab. Der Rentner, der mehrfach versucht hatte, die Gemüter zu beruhigen, geriet dabei unter das Fahrzeug und kam ums Leben. Die Körperverletzung und die Nötigung des Fahrers aus Recke seien „kausal und vorhersehbar“ für den Tod des Streitschlichters gewesen, befand das Gericht. Während der 27-Jährige mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zwei Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt worden ist, davon kam, wurde sein jüngerer Bruder für zwei Jahre und zwei Monate Gefängnis verurteilt. Er sei der „aggressive Haupttäter“ gewesen, befand das Gericht. Gegen das Urteil haben die Angeklagten Berufung eingelegt.

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