Sonderveröffentlichung

Cannabis als Medizin
Von Rausch keine Spur

Münster -

Daniel Bunk lebt mit Multipler Sklerose. Eine Folge: Spastiken. Um die in den Griff zu bekommen, setzt er auf Cannabis. Die Wirkung ist umstritten. So sagt Professor Heinz Wiendl: „Cannabinoide bleiben letztendlich eine Gratwanderung zwischen Lifestyle-Medikament und echter medizinischer Indikation.“

Dienstag, 04.09.2018, 11:40 Uhr
 Die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose ist aufwendig und schwierig.
 Die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose ist aufwendig und schwierig. Foto: Wilfried Gerharz

Ständig benebelt und nicht zurechnungsfähig – so stellen sich viele Menschen jemanden vor, der Cannabis konsumiert. Was aber, wenn ein Cannabis-Präparat als Medizin Symptome wie eine Spastik lindern soll? So ist es bei Daniel Bunk . Der 42-Jährige nimmt mehrmals pro Woche Cannabis zu sich. Als Therapie für die Symptome einer Multiplen Sklerose.

Viele Patienten erhoffen sich große Erfolge durch Cannabis.

Professor Heinz Wiendl

Wenn man Bunk begegnet, lässt auf den ersten Blick nichts auf seine Erkrankung schließen. Und erst recht nicht auf seinen Cannabis-Konsum. Von Rausch keine Spur. Im Gegenteil: „Solange die Ärzte keine Einschränkung meiner Fahrtauglichkeit erkennen, darf ich sogar Auto fahren“, berichtet Bunk. Denn die medizinische Wirkung von Cannabinoiden geht über die dem Laien bekannten hinaus.

Ich hatte Angst, mein bisheriges Leben nicht mehr fortführen zu können.

Daniel Bunk

Vor zehn Jahren macht sich Bunk erstmals wegen diffuser Sehstörungen auf den Weg zum Arzt. Es werden keinerlei organische Auffälligkeiten festgestellt. Bunk kommen Selbstzweifel. „Ich habe mich gefragt, ob ich mir das alles einbilde.“ Drei Jahre lang nehmen die Sehstörungen kein Ende. 2011 sieht Bunk doppelt. „Ich konnte meinen Alltag nicht mehr meistern und war permanent erschöpft.“ Dann enthüllt ein MRT: Daniel Bunk leidet unter Multipler Sklerose, einer bislang unheilbaren Nervenerkrankung.

Ein harter Kampf beginnt

„Ich hatte Angst, mein bisheriges Leben nicht mehr fortführen zu können“, erzählt Bunk, für den ein harter Kampf beginnt. Die Ärzte versuchen, das Fortschreiten der Symptome aufzuhalten. Ohne Erfolg. Daraufhin wendet er sich an die Experten im Uniklinikum Münster (UKM), die die Medikation intensivieren. Allerdings verstärkt sich die Müdigkeit im Alltag weiterhin. Bunks Lebensqualität ist stark einschränkt. Bis ihm der entscheidende Einfall kommt: Cannabis. Von anderen Betroffenen hat er davon gehört.

Oberärztin Dr. Catharina Korsukewitz und Professor Heinz Wiendl begleiten den Multiple Sklerose-Patienten Daniel Bunk (Mitte).

Oberärztin Dr. Catharina Korsukewitz und Professor Heinz Wiendl begleiten den Multiple Sklerose-Patienten Daniel Bunk (Mitte). Foto: Wilfried Gerharz

Bunk ist sich der Risiken von Cannabis bewusst. „Ich nehme das Medikament nur bei akutem Bedarf und nur abends. Die nächtlichen Spastiken werden dadurch weniger.“ Trotzdem ist Bunks Kampf längst nicht zu Ende. Und zwar nicht nur der Kampf gegen die Multiple Sklerose, für den er sich auch ehrenamtlich bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) einsetzt, sondern auch der Kampf gegen die gesetzlichen Krankenkassen. „Cannabis als reines Naturprodukt ist für mich noch deutlich angenehmer als das chemisch aufbereitete Präparat ,Sativex’.“

Cannabis als Medizin

Seit 2011 ist „Sativex“ in Deutschland zur Behandlung von Spastiken bei Multipler Sklerose zugelassen. Es handelt sich um ein Mundspray, dessen Wirkstoff aus Hanfpflanzen gewonnen wird. Professor Dr. Heinz Wiendl, Leiter der Klinik für Neurologie im UKM, erklärt: „Cannabinoide entspannen die Muskeln. Die Auswirkungen von ,Sativex’ wurden genau untersucht, sodass eine kontrollierte Anwendung von Cannabinoiden ermöglicht wird.“ Funktionsoberärztin Dr. Catharina Korsukewitz ergänzt: „Die Wirkung ist bei jedem Patienten etwas anders, sodass auch hier die passende Dosis gefunden werden muss. Unter anderem können psychische Nebenwirkungen sowie Schwindel auftreten. Bei genauer Indikationsstellung ist das Risiko einer Abhängigkeit aber gering.“

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Dr. Catharina Korsukewitz aus der Klinik für Neurologie der Uniklinik Münster bestätigt: „Der schlechte Geschmack von ,Sativex’ ist eine erhebliche Belastung.“ Bunk verspürt zudem eine bessere Wirkung, wenn er Cannabis als Naturprodukt inhaliert. Das Problem: Die Krankenkassen zahlen das erst einmal nicht. „Wer die pure Pflanze konsumieren möchte, muss sich umfassend informieren. Es gibt kein Standardrezept für Cannabis. Der Patient muss bei der Krankenkasse einen Antrag mit einer umfangreichen Begründung einreichen“, erläutert Korsukewitz. Bei Daniel Bunk wurde dieser Antrag abgelehnt. Er muss deswegen vorerst bei „Sativex“ bleiben.

Schon gewusst?

200.000 Menschen in Deutschland leben laut Bundesversicherungsamt mit Multipler Sklerose (MS). Jährlich werden rund 2500 Menschen neu mit MS diagnostiziert.

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„Der Einsatz von Cannabinoiden zu medizinischen Zwecken bleibt letztendlich eine Gratwanderung zwischen Lifestyle-Medikament und echter medizinischer Indikation“, resümiert Professor  Heinz Wiendl , Direktor der Klinik für Neurologie. „Viele Patienten erhoffen sich große Erfolge durch Cannabis. Besonders für den Einsatz von Cannabis in seiner natürlichen Form fehlen allerdings wissenschaftliche Belege.“ Für Daniel Bunk ist dennoch klar: „Ich werde weiterkämpfen, auch in der Hoffnung, dass die Rechtsprechung in Zukunft den Gebrauch von Cannabis zu medizinischen Zwecken einfacher ermöglicht.“

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