Besuch beim Ferkelerzeuger
Ungewissheit lähmt Sauenhalter

Lienen -

Wenn Carsten Spieker von einer „unproduktiven Sau“ spricht, ist die nicht gleich beleidigt. Denn die „Sau“ ist wirklich ein Schwein, und „unproduktiv“ ist sie, wenn sie nicht genügend Ferkel gibt, was man ihr ja nicht vorwerfen kann. Carsten Spieker hat 700 Sauen auf seinem Hof nahe Lienen: ein typischer münsterländischer Ferkelerzeuger.

Freitag, 07.09.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 07.09.2018, 09:24 Uhr
Etwa sieben Wochen verbringen die Ferkel im Aufzuchtstall von Landwirt Carsten Spieker in Lienen. Der Unternehmer hat 700 Sauen, die pro Jahr etwa 20 000 Ferkel geben. Doch die unklare Rechtslage macht ihm und seinen Berufskollegen das Leben derzeit schwer.
Etwa sieben Wochen verbringen die Ferkel im Aufzuchtstall von Landwirt Carsten Spieker in Lienen. Der Unternehmer hat 700 Sauen, die pro Jahr etwa 20 000 Ferkel geben. Doch die unklare Rechtslage macht ihm und seinen Berufskollegen das Leben derzeit schwer. Foto: Gunnar A. Pier

Landwirten sagt man häufig nach, dass sie gerne klagen: zu warm, zu kalt, zu feucht, zu trocken – irgendwas ist ja immer. Carsten Spieker ist nicht so einer. Dass ihm in diesem Jahr rund 50 Prozent seiner Maisernte vertrocknet sind, nimmt er als unternehmerisches Risiko hin: „Das ist bitter, aber ich denke nicht, dass wir Geld aus dem Hilfsfonds beantragen.“

Unübersichtliche Rechtslage bremst Elan

Es sind ganz andere Dinge, die den Landwirt beschäftigen. „Im Moment plane ich mit einer Lustlosigkeit, die ich so noch nie erlebt habe.“ Er müsste umbauen und erweitern, er müsste investieren, mindestens eine Million Euro. Doch die Rechtslage ist unübersichtlich: Was ist künftig erlaubt, was ist verboten? Die Schweine sollen mehr Platz bekommen, aber niemand sagt, wie viel genau. Zum Jahreswechsel sollen die Regeln verändert werden – doch wie?

Die Hälfte will aufhören

Diese Ungewissheit lähmt derzeit die gesamte Branche. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter (ISN) hat ermittelt, dass 52 Prozent der befragten Landwirte in den kommenden Jahren aufgeben werde. 73,5 Prozent nannten die vielen Auflagen als Hauptgrund, 50,3 Prozent „fehlende Perspektive“, 47,9 Prozent „gesellschaftliche Stimmung“. Nur 22,3 Prozent verwiesen auf wirtschaftliche Gründe.

20.000 Ferkel pro Jahr

Carsten Spieker hat 2001 den elterlichen Hof übernommen. Längst ist aus dem Mischbetrieb mit Kühen, Schweinen, Bullen und Hühnern ein spezialisierter Betrieb mit 700 Sauen geworden, die pro Jahr etwa 20.000 Ferkel geben. „Man muss große Stückzahlen liefern“, erklärt der Landwirt. Mastbetriebe, die aus den Ferkeln Mastschweine machen, kaufen gerne nur bei einem Ferkelzuchtbetrieb ein. Denn wenn alle Tiere aus einem Stall stammen, ist die Gefahr von Krankheiten geringer. Tiere aus unterschiedlichen Keim-Milieus stecken sich schnell gegenseitig an – wie Kinder im Kindergarten.

Ferkel im Stall

Ferkel im Stall Foto: Gunnar A. Pier

Kastration gegen den Eber-Geruch

Dabei ist das Leben der Muttertiere nicht lang. Etwa 100 Kilogramm wiegen sie, wenn sie nach Lienen kommen – per luftgefiltertem Transport aus der Nähe von Frankfurt/Oder. Etwa ein halbes Jahr sind sie dann alt. Die Sauen werden künstlich befruchtet. Ist eine Sau tragend, bleibt sie 75 Tage in einer Gruppenhaltung, dann geht‘s ins „Abferkelabteil“. Nach der Geburt bleiben Sau und Ferkel vier Wochen lang zusammen in einer zwei mal zwei Meter großen Box, dem „Kastenstand“. Schon nach wenigen Tagen werden die männlichen Ferkel kas­triert, damit das Fleisch später nicht den unbeliebten Eber-Geruch annimmt, und die Schwänze werden gestutzt.

Nach den vier gemeinsamen Wochen werden die Ferkel mit sieben bis acht Kilogramm von ihrer Mutter getrennt. Die Ferkel kommen in einen Aufzuchtstall, wo bis zu 45 Tiere in einer Bucht leben. Sieben Wochen später wiegen sie etwa 30 Kilogramm und werden an einen Schweinemäster verkauft.

2,4 mal pro Jahr Nachwuchs

Die Sauen bekommen im Schnitt 2,4 mal pro Jahr Nachwuchs, zusammen etwa 30 Ferkel. Nach drei Jahren endet auch ihr Leben beim Schlachter. Der Unternehmer sagt: „Sie gehen aus dem Bestand“ - bevor sie zur unproduktiven Sau werden.

Kastration, Kupieren, Kastenhaltung

Kastration: „Ich weiß wirklich nicht, wie groß die Schmerzen sind“, gesteht Sauenhalter Carsten Spieker. Die männlichen Ferkel werden nach drei bis fünf Tagen ohne Betäubung kastriert, sie bekommen Schmerzmittel. „Der Eingriff dauert drei bis fünf Sekunden“, sagt der Landwirt. Ab 1. Januar 2019 soll das verboten werden. Unklar sei aber noch, ob ab dann eine ­lokale Betäubung genügt oder Vollnarkose Pflicht wird. Spieker jedenfalls hält nichts von der ebenfalls diskutierten CO₂-Betäubung: „Dadurch empfinden die Tiere Atemnot – das werde ich doch meinen Ferkeln nicht antun!“

Kupieren: Zeitgleich mit der Kastration werden die Ferkel kupiert: Der Schwanz wird gestutzt. Denn die Gefahr ist groß, dass sich die Schweine sonst gegenseitig die Schwänze abbeißen. Das Kupieren ist verboten – es sei denn, man kann aufzeigen, dass alles getan ist, um das Schwänzebeißen zu verhindern. Da aber nach Spiekers Darstellung noch keine Alternative zum Kupieren gefunden ist, wird es bislang geduldet.

Kastenstand: Derzeit verbringen die Sauen etwa vier Wochen mit ihren Ferkeln in einem Stall. Hier ist ihre Bewegungsfreiheit durch eine Gitterbox, den sogenannten Ferkelschutzkorb, eingeschränkt, sodass sie ihre Ferkel nicht erdrücken. Diese bislang rechtmäßige Praxis steht in der Kritik und soll rechtlich neu geregelt werden. „Wir wissen aber nicht, wie die Abferkelbucht stattdessen aussehen soll“, sagt Spieker. Umbauen kann er also nicht – zu groß ist die Ungewissheit. 

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