Stutthof-Prozess
Ex-SS-Mann gibt Erklärung ab: „Ich war kein Nazi“

Münster -

Sich an das erinnern, was nicht gefährlich werden kann. Nichts von dem wissen, was ihm womöglich strafrechtlich vor die Füße fallen könnte: Das war die Strategie hinter der persönlichen Erklärung, die der 94 Jahre alte Johann R. am Dienstag vor dem Landgericht Münster von seinem Verteidiger Andreas Tinkl verlesen ließ. Wirklich überraschend kam das nicht.

Dienstag, 13.11.2018, 13:13 Uhr aktualisiert: 13.11.2018, 19:36 Uhr
Stutthof-Prozess: Ex-SS-Mann gibt Erklärung ab: „Ich war kein Nazi“
Johann R., dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen. Foto: Gunnar A. Pier

Der 94-Jährige wird beschuldigt, als ehemaliger SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig für die Ermordung von Häftlingen mitverantwortlich zu sein. Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen lautet die Anklage. R. bestreitet nicht, in dem KZ eingesetzt gewesen zu sein – das ist ­unzweideutig erwiesen. Von den menschenverachtenden Verbrechen, den Gräuel­taten, den Morden will er jedoch weder etwas mit­bekommen haben noch daran beteiligt gewesen sein.

18 Seiten umfasst die Einlassung. Weil R. sie alters­bedingt selbst nicht mehr vortragen kann, verliest sie sein Anwalt. Im großen Saal des Landgerichts gibt es an diesem Dienstag keinen freien Platz mehr.

Tinkl eröffnet mit einem „Vorwort“, das wie ein Plädoyer klingt. Tenor: Das NS-System war verbrecherisch, keine Frage. Dennoch gelte im deutschen Rechtsstaat der Grundsatz, dass „eine ­individuelle Schuld die Voraussetzung jeder Strafe ist“. Auch hier ist die Taktik offensichtlich: Dem Angeklagten mehr als 70 Jahre nach Kriegsende eine individuelle Schuld für seine Wachtätigkeit in einem KZ nachzu­weisen, dürfte ein schwieriges Unterfangen werden.

Tag 3 im Prozess gegen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof

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  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Prozess findet im Landgericht Münster statt.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen. Das Gesicht des Angeklagen muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

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  • Die Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel.

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  • Schon am Morgen bildeten sich lange Schlangen vor dem Landgericht. Das Interesse an dem Prozess ist groß.

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  • Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Staatsanwälte Carsten Dombert (links) und Andreas Brendel.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Im Rollstuhl wird der Angeklagte in den Gerichtssaal geschoben.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

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  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

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  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Am 13. November 2018 beginnt vor dem Landgericht Münster der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken. Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden.

    Foto: Gunnar A. Pier

„Ich bin kein Nazi, ich war nie einer und werde nie einer sein“

Was folgt, ist ein Konzen­trat der Jahre 1942 bis 1944, also jener Zeit kurz vor und während R.s Einsatz in Stutthof. Unfreiwillig sei der in Rumänien geborene „Volksdeutsche“ in die SS einge­zogen worden, lässt er ausrichten, unter Druck und Zwang. Im KZ sei es ein ­großer Schock gewesen, zu erleben, wie die Deutschen mit den Häftlingen umgesprungen seien. „Ich war sehr verängstigt.“

Leichen habe er gesehen, gibt er zu, auch, wie sie ins Krematorium gebracht wurden. Von den Verbrechen, die in Sutthof begangen wurden, den Morden, der Gaskammer, der Genickschuss-Anlage, von all jenem, was dem Mord-Beihilfe-Vorwurf Vorschub leisten kann, weiß er nach ­eigenem Bekunden jedoch nichts.

„Ich bin kein Nazi, ich war nie einer und werde auch in der wenigen Zeit, die mir vielleicht noch zu leben bleibt, nie einer sein“, lässt der 94-Jährige seinen Anwalt sagen. Während Tinkl die Erklärung verliest, greift der alte Mann mehrfach zum Taschentuch und wischt über seine tränen­nassen Augen. Er habe damals zu viel Angst gehabt, um sich aufzulehnen. „Ich schäme mich dafür, das alles so hingenommen zu haben.“

Vergessenes Lager mit großer Bedeutung

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  • Auschwitz kennt jeder. Aber Stutthof? Das Konzentrationslager vor den Toren Danzig war klein, viel kleiner als Auschwitz, vielleicht auch weniger dämonisch. Ein Ort des Schreckens, der Qual, des Todes war es allemal.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Kerstin Zimmermann, studierte Historikerin, Angestellte der Stadt Coesfeld und dort für die kommunalen Museen zuständig, beschäftigt sich in ihrer Freizeit schon seit Jahren mit dem Lager Sutthof.

    Foto: Elmar Ries
  • Stutthof wurde ab 1943 bedeutend. Nach Stalingrad wurde aus dem deutschen Vormarsch ein Rückzug, der auch dazu führte, dass die Ghettos und Konzentrationslager im Osten peu à peu aufgegeben werden mussten. „Das Konzentrationslager Stutthof war ab 1943 der Dreh- und Angelpunkt für die Verteilung der Menschen“, sagt Zimmermann. Tausende kamen täglich dort an. Aus dem Ghetto Riga, aus dem KZ Kaiserwald, auch aus Auschwitz.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Als Kerstin Zimmermann im vergangenen Jahr von der Anklage gegen zwei frühere SS-Wachmänner aus dem Kreis Borken und der Stadt Wuppertal erfuhr, war sie mehr als überrascht. „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“ Die beiden, heute über 90 Jahre alten Männer, waren während des Krieges für längere Zeit in Sutthof stationiert. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Häftlings-Unterlagen mit regionalem Bezug. Die Gefangene, zu der diese Karte gehört, stammte aus Burgsteinfurt.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Bis zu 85 000 Menschen sind in Stutthof gestorben. Sie wurden erschlagen, erhängt, erschossen, vergiftet und vergast. Viele starben auch infolge elender Zustände: Im Lager herrschten miserable hygienische Zustände, es gab zu wenig zu essen, die Unterbringung war mies, die Arbeit hart.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Wie kommt jemand dazu, sich so sehr für dieses Thema zu interessieren? „Den Anfang haben die Coesfelder Juden gemacht“, erzählt sie. Im Stadtarchiv gibt es noch alte Personenstandskarten. Wo sind die Menschen geblieben? Aus der Frage wurde Leidenschaft. Die heute 65-Jährige machte sich auf die Suche – und wurde von dem Thema förmlich gepackt. Aktenstudium hier und da, Quellenkunde im Holocaust-Archiv des Internationalen Roten Kreuz in Bad Arolsen, Spurensuche in Stutthof. Was lokal begann, wurde immer größer, umfassender, komplexer. „Ich habe irgendwann begonnen, über den Tellerrand zu schauen“, sagt sie.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Es wird davon ausgegangen, dass die Zustände auf Betreiben der Lagerleitung und SS-Führung absichtlich sehr schlecht waren, damit Menschen starben. Nachgewiesen ist auch, dass im Winter 1943/44 eine unbekannte Anzahl von Gefangenen getötet wurden, indem man sie erfrieren ließ.

    Foto: Kerstin Zimmermann
  • Der Eingang zum Lager bei Nacht. Dass jemand wie der beschuldigte Ex-SS-Mann aus dem Kreis Borken, der nachweislich von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof als Wachmann eingesetzt war, von dem tagtäglichen Grauen und den systematischen Verbrechen nichts mitbekommen haben will, ist ihr unbegreiflich. „Der Mann war da, als die großen Transporte kamen“, sagt Zimmermann. Er war aber nicht mehr vor Ort, als aus dem Konzentrationslager Sutthof ein Vernichtungslager wurde.

    Foto: Kerstin Zimmermann

Mit 18 Jahren in die SS eingetreten

R. war 18 Jahre alt, als er SS-Mann wurde. Ein junger Kerl, fast noch ein Pimpf. Einer, den seine Kameraden „Bubi“ nannten. Als Wachmann war er Täter, vielleicht war er auf eine eigene Art aber auch Opfer. Das Maß seiner Schuld wird das Gericht herausfinden müssen.

1944 wurde R. dank der Fürsprache seines Kompaniechefs an die Westfront versetzt. Obwohl er in seiner Musterung als frontuntauglich ein­gestuft worden war. Angst habe er gehabt, sagt er. Vor dem Töten, vor dem Getötetwerden. „Dennoch habe ich damals geglaubt, dass alles besser ist, als weiter in Stutthof Dienst tun zu müssen.“

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