Stutthof-Prozess
Gutachter: „Der Angeklagte wurde freiwillig SS-Mitglied“

Münster/Kreis Borken -

Eine Stunde brauchte der Gutachter am Donnerstag vor dem Landgericht Münster, um im Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann einen ersten, tiefen Riss in die von der Verteidigung aufgebaute Argumentationsmauer zu schlagen. Seit Anfang Oktober muss sich der 95-Jährige aus dem Kreis Borken wegen hundertfacher Beihilfe zum Mord verantworten.

Donnerstag, 22.11.2018, 13:06 Uhr aktualisiert: 22.11.2018, 17:03 Uhr
Stutthof-Prozess : Gutachter: „Der Angeklagte wurde freiwillig SS-Mitglied“
Nach etwa 1,5 Stunden Verhandlungsdauer konnte der 95-jährige Angeklagte aus gesundheitlichen Gründen dem Geschehen nicht mehr folgen. Foto: Gunnar A. Pier

Johann R.  war zwischen 1942 und 1944 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig als SS-Wachmann eingesetzt. Eine zentrale Argumentation seiner Verteidigung lautet: Als 18-Jähriger sei R., der in Rumänien geboren wurde, später aber in Ungarn aufwuchs, in die SS gezwungen worden. Das, so erklärte der Historiker Dr. Stefan Hördler , könne 1942 so nicht gewesen sein.

Zwischen Februar 1942 und Mai 1942 habe der Deutsche Volksbund in Ungarn massenhaft junge Männer für die SS rekrutiert. In dieser Zeit sei der Eintritt ausnahmslos freiwillig erfolgt. R. wurde im April 1942 Angehöriger der Waffen-SS . „Dem Deutschen Reich war nicht an diplomatischen Verwicklungen mit der ungarischen Regierung gelegen“, erklärte der Historiker, der die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen. Erst 1944, als die Wehrmacht Ungarn besetzte, sei es auch zu erzwungenen Eintritten gekommen.

Unwissenheit des Angeklagten wird stark angezweifelt

Hördler war vom Gericht gebeten worden, die Rekrutierung der Waffen-SS im Allgemeinen und die Bedeutung des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig im Besonderen mithilfe eines sogenannten rechtshistorischen Gutachtens zu beleuchten. Am 6. Verhandlungstag war sein erster Auftritt, nachdem das Gericht einen Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen den Gutachter abgelehnt hatte.

Einen zweiten, offenbar zentralen Vorwurf aus dem Gutachten riss der Vorsitzende Richter Rainer Brackhane nur kurz an. Danach ist es aus Sicht Hördlers offenkundig unmöglich gewesen, dass ein Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof nichts von den Morden im Lager mitbekommen habe - auch wenn diese verschleiert wurden.

Der 6. Verhandlungstag musste im Verlauf der Ausführungen des Gutachters vorzeitig abgebrochen werden, da der Angeklagte gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, dem Vortrag zu folgen. Ein im Gerichtssaal anwesender Arzt hatte sich einen Eindruck des Zustandes von Johann R. verschafft. In Absprache mit dem Vorsitzenden Richter wurde daraufhin die Verhandlung unterbrochen - diese wird am kommenden Dienstag (27. November) fortgesetzt.

Tag 4 im Prozess gegen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof

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  • Am Donnerstag ist der Prozess gegen den 94-jährigen Johann R. aus dem Kreis Borken fortgesetzt worden.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dem ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Stutthof wird Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vorgeworfen.

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  • Am Donnerstag fand der vierte Prozesstag statt.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Staatsanwalt Andreas Brendel.

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  • Johann R. kam mit seinen Verteidigern Jürgen Föcking (l.) und Andreas Tinkl in den Verhandlungssaal.

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  • Der Prozess findet im Landgericht Münster statt.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Gesicht des Angeklagten muss auf Anweisung des Gerichts gepixelt werden. 

    Foto: Gunnar A. Pier
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