Sexueller Missbrauch im Bistum Münster
System des Vertuschens ermöglichte „widerwärtiges Verbrechen“

Münster/Rhede -

Wie konnte es so weit kommen? Der Fall des Priesters Heinz Pottbäcker, der zwischen 1971 und 1973 als Kaplan in Rhede (Kreis Borken) nachweislich mehrere Kinder sexuell missbraucht hat, erschüttert das Bistum und wirft Fragen auf. Denn der Mann war zuvor wegen „Unzucht mit einem abhängigen Kind” verurteilt worden. Die Bistumsleitung wusste Bescheid.

Mittwoch, 28.11.2018, 12:46 Uhr aktualisiert: 28.11.2018, 20:19 Uhr
Sexueller Missbrauch im Bistum Münster: System des Vertuschens ermöglichte „widerwärtiges Verbrechen“
Ein alter Missbrauchsfall erschüttert das Bistum Münster: Ein Priester, der sich sexuell an jungen Gemeindemitgliedern verging, wurde immer wieder versetzt. Foto: dpa

„Der sexuelle Missbrauch durch Kaplan Pottbäcker zu Beginn der 1970er Jahre in Rhede und an anderen Orten des Bistums war ein widerwärtiges Verbrechen“, erklärte Bischof Felix Genn in einem Schreiben. „Die Taten waren nur möglich durch ein System der Vertuschung und des Nichthinsehens“, betonte Genn weiter.

Damit bezieht sich die Bistumsleitung auf den Umgang der damaligen Personalverantwortlichen im Bistum Münster mit Tätern und Opfern in dieser Zeit. Trotz einer rechtskräftigen Verurteilung im Jahr 1968 durch das Landgericht Bochum wegen sexuellen Missbrauchs versetzte der damalige Generalvikar und spätere Bischof von Münster Reinhard Lettmann den betreffenden Kaplan nach Rhede - unter Auflagen.

lettmann dpa archiv

Der spätere Bischof des Bistums Münster, Reinhard Lettmann, ist 2013 gestorben. Foto: dpa-Archiv

Kindern und Jugendlichen durfte er sich nicht nähern. Doch daran hielt sich Pottbäcker nicht. Schnell soll er bei der Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinde neue Opfer sexuell missbraucht haben.

Zahl der Opfer noch unklar

„Es gab Entscheidungen, vor denen man aus heutiger Sicht einfach fassungslos steht“, sagte Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums, bei einer Versammlung in der betroffenen Gemeinde St. Gudula in Rhede. „Wie konnte man einen Priester, der sich des Verbrechens des Missbrauchs schuldig gemacht hat, an eine Schule versetzen? Warum kam niemand auf die Idee, ihn aus dem Dienst zu nehmen?“

Wie konnte man einen Priester, der sich des Verbrechens des Missbrauchs schuldig gemacht hat, an eine Schule versetzen?

Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster
dpa_5F9AF6009F50BD8C

Jochen Reidegeld (l), stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, unterhält sich mit Michael Sandkamp, Moderator der Informationsveranstaltung zum sexuellen Missbrauch in der Pfarrei "Zur Heiligen Familie" im Pfarrheim. Foto: dpa

In Rhede haben sich bisher vier Opfer Pottbäckers gemeldet. Das Bischöfliche Generalvikariat schließt nicht aus, dass es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs handeln könnte. Die Missbrauchsfälle sind bislang juristisch nicht aufgearbeitet worden, daher gibt es keine gesicherte Opferzahl. „Die Beweislage aber ist erdrückend“, sagte Hermann Kahler , ehemaliges Mitglied der Missbrauchskommission des Bistums bei der Versammlung.

In der Zeit von April bis Juli 1967 war Pottbäcker auch in Senden-Bösensell als Kaplan tätig.

Auch nach zweiter Verurteilung weiter im Kirchendienst

Ob und wo der Kaplan weitere Kinder missbraucht hat, ist bisher nicht klar. Fest steht, dass er nach seiner Zeit in Rhede zur Aushilfe nach Marl versetzt wurde, später als Religionslehrer an einer Berufsschule in Recklinghausen tätig war. Auch dort hatte er tagsüber mit Jugendlichen zu tun. Aktenkundig ist, dass er sich 1982 erneut an drei Jugendlichen verging und dafür erneut verurteilt wurde.

Pottbäckers Stationen

Zu den Stationen nach seiner Priesterweihe zählten Aldekerk, Waltrop, Bösensell, Dinslaken-Lohberg, Bockum-Hövel, Rhede, Marl und ab 1974 Berufsschulen in Marl und Recklinghausen, an denen er als Religionslehrer engagiert war. Im September 1983 musste der Mann laut Bistumsangaben eine Geldstrafe wegen sexueller Handlungen mit Jungen über 12.500 D-Mark zahlen. 1981 wurde er Pfarrer in Recklinghausen, zwei Jahre später verzichtete er auf diesen Posten und arbeitete bis zu seinem Ruhestand 1995 zunächst als Hausgeistlicher in einer Ordenseinrichtung in Münster und dann als Krankenhausseelsorger, erst in Rheinberg, schließlich in Neuenkirchen (Oldenburg).

...

Dennoch blieb er im Kirchendienst, war Hausgeistlicher in einer Ordenseinrichtung in Münster und anderen Stationen. Immer unter der Auflage, keine Kinder und Jugendliche zu empfangen. Daran hielt sich der 2007 verstorbene Pottbäcker aber nicht. „Es gab offensichtlich keine konsequente Kontrolle, keine Disziplinarmaßnahmen, anscheinend keinen Mut zum offenen Konflikt“, erklärte Hermann Kahler, ehemaliges Mitglied der Missbrauchskommission des Bistums.

Staatsanwaltschaft prüft Hinweise

Die katholische Kirche hatte im September 2018 eine Studie zu sexuellem Missbrauch vorgestellt. Demnach sollen zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben. Im Bistum Münster fanden sich bei 138 Klerikern Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger .

Bistum Münster stellt Studie zu sexuellem Missbrauch vor

1/11
  • Dr. Stephan Kronenburg (Sprecher Generalvikariat), Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster), Dr. Norbert Köster (Generalvikar des Bistums Münster) und Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster) am 25. September 2018 im Generalvikariat Münster bei der Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse war groß.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster)

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster)

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dr. Stephan Kronenburg (Sprecher Generalvikariat), Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster), Dr. Norbert Köster (Generalvikar des Bistums Münster) und Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster) am 25. September 2018 im Generalvikariat Münster bei der Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dr. Stephan Kronenburg (Sprecher Generalvikariat), Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster), Dr. Norbert Köster (Generalvikar des Bistums Münster) und Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster) am 25. September 2018 im Generalvikariat Münster bei der Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier

Die Staatsanwaltschaft Münster prüft derzeit in Zusammenarbeit mit dem Bistum Hinweise, ob Verfahren eingeleitet werden können.

Münsters Bischof Genn versprach: „Soweit das überhaupt noch möglich ist, werden wir, schon weil wir das jedem einzelnen Opfer schuldig sind, für eine Aufarbeitung dieser Vergangenheit sorgen.“ Seine Form der Entschuldigung sei vor allem eine Zusage: „Ich werde alles tun, was mir möglich ist, um sexuellen Missbrauch in unserer Kirche heute und in Zukunft zu verhindern. Daran will ich mich messen lassen.“

Ich werde alles tun, was mir möglich ist, um sexuellen Missbrauch in unserer Kirche heute und in Zukunft zu verhindern.

Felix Genn, Bischof des Bistums Münster
XK3A0334

Münsters Bischof Felix Genn Foto: Oliver Werner (Archiv)

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6220315?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F
Münsters älteste Organistin
Katharina Overbeck freut sich auf das wöchentliche Orgelspiel im Seniorenzentrum Maria Trost, das für sie Abwechslung bedeutet.
Nachrichten-Ticker