Fassungslosigkeit über Untaten eines Kaplans in Rhede
Die Opfer treten aus dem Schatten

Rhede -

Das Bistum Münster hat im Fall Kaplan Heinz Pottbäcker große Fehler eingestanden. Es hat den verurteilten Kindervergewaltiger sein gesamtes Priesterleben lang nicht bestraft, sondern vielmehr gedeckt. Bei der Informationsveranstaltung im Pfarrheim „Zur Heiligen Familie“ in Rhede berichtete Kirchenjurist Dr. Hermann Kahler von seinen – vorläufigen – Untersuchungsergebnissen. Die Personalakten seien schlecht geführt, unvollständig. Die Ermittlungen sollen weitergehen.

Mittwoch, 28.11.2018, 18:18 Uhr aktualisiert: 28.11.2018, 20:36 Uhr
In der Gemeinde St. Gudula in Rhede herrscht Fassungslosigkeit über die Verfehlungen eines Kaplans in den 1970er-Jahren.
In der Gemeinde St. Gudula in Rhede herrscht Fassungslosigkeit über die Verfehlungen eines Kaplans in den 1970er-Jahren. Foto: dpa / Sven Betz

Doch das, was sich bis jetzt rekonstruieren ließ, erschütterte die Zuhörer. Pottbäcker, Jahrgang 1937, wurde 1964 zum Priester geweiht und 1966 Kaplan in Aldekerk. Bereits im Februar 1967 wurde er nach Waltrop versetzt, wo er ei­nen neunjährigen Jungen missbrauchte.

Es kam zur Anzeige. Während der Ermittlungen wurde der Priester als Aushilfe eingesetzt. Nach der Verurteilung zu neun Monaten auf Bewährung wegen „Unzucht mit einem abhängigen Kind“ im Mai 1968 wohnte er ab Juni 1968 in Pfarrhaus in Hamm-Bockum-Hövel.

Es war laut Personalakte Generalvikar Reinhard Lettmann, der Pottbäcker seine bevorstehende Versetzung als Kaplan nach Rhede mitteilte. Im August 1971 trat der vorbestrafte Pottbäcker seinen Dienst in der Gemeinde „Zur Heiligen Familie“ an. Er wohnte mit Pfarrer Alwin Rüve im Pfarrhaus.

Beliebt in der Jugendarbeit 

„Es gab viele Menschen, die von ihm angetan waren“, berichtete Kahler . Er habe sich als Jugend- und Sozialarbeiter geriert, der Gitarre spielt, und die Gruppe Jerusalem mitgegründet, deren musikalischer Leiter er war. 2012 habe sich ein Rheder Opfer beim Bistum gemeldet. Der Priester habe sich ihm als Kind genähert und ihn später missbraucht (siehe Bericht unten).

Pottbäcker wurde abrupt Ende 1973 als Aushilfe nach Marl versetzt. Warum? Kahlers Recherchen zufolge hatte ein Vater den Missbrauch seines Sohnes „dem Pfarrer“ (Kahler nannte keine Namen) gemeldet, Pottbäcker verschwand innerhalb von 14 Tagen aus Rhede.

Bistum zeigte keine Reaktion

Doch trotz neuerlicher Missbrauchsvorwürfe zog das Bistum keine Konsequenzen. Im Gegenteil, Pottbäcker wurde im März 1974 Religionslehrer in Marl und Recklinghausen, für Berufsschüler. 1981 bekam Pottbäcker eine Stelle als Pfarrer in Recklinghausen. „Hier verging er sich an ei­nem Acht-, einem Neun- und einen Elfjährigen.

Bistum Münster stellt Studie zu sexuellem Missbrauch vor

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  • Dr. Stephan Kronenburg (Sprecher Generalvikariat), Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster), Dr. Norbert Köster (Generalvikar des Bistums Münster) und Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster) am 25. September 2018 im Generalvikariat Münster bei der Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Medieninteresse war groß.

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  • Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster)

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  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

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  • Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster)

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  • Dr. Stephan Kronenburg (Sprecher Generalvikariat), Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster), Dr. Norbert Köster (Generalvikar des Bistums Münster) und Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster) am 25. September 2018 im Generalvikariat Münster bei der Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Dr. Stephan Kronenburg (Sprecher Generalvikariat), Bernadette Böcker-Kock (Ansprechperson für Verfahren bei Fällen sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster), Dr. Norbert Köster (Generalvikar des Bistums Münster) und Beate Meintrup (Präventionsbeauftragte des Bistums Münster) am 25. September 2018 im Generalvikariat Münster bei der Pressekonferenz zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

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  • Generalvikar Dr. Norbert Köster

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In den Akten finden sich dazu keine Informationen.“ Aber was das Bistum nicht archiviert habe, sei im Archiv der Recklinghäuser Zeitung zu finden: Der „beliebte Priester“, schrieb die Zeitung im Mai 1983, habe sich wegen der Missbrauchsvorwürfe als Pfarrer entpflichten lassen. Es folgten Leserbriefe mit Unterschriftenlisten von Gemeindemitgliedern, die sich solidarisch mit dem Beschuldigten erklärten.

Weiteres Wirken selbst nach Geldstrafe 

Wegen sexueller Handlungen an Jun­gen in einem „minderschweren Fall“ bekam Pottbäcker 1983 einen Strafbefehl mit einer Geldstrafe von 12.500 D-Mark. Es folgten Stationen in einem Or­denshaus in Münster, als Krankenhauspfarrer in Rheinberg und Neuenkirchen (Oldenburg) und schließlich zog er nach Münster und hielt auch Gottesdienste im Klarissenkloster in Senden. Pottbäcker starb 2007.

Pottbäckers berufliche Stationen

►  1964: Priesterweihe

►  1966: Kaplan in Aldekerk

►  1967: Versetzung nach Waltrop

►  April 1967: Versetzung nach Senden-Bösensell

►  Juni 1967: Versetzung nach Dinslaken-Lohberg

►  November 1967: Unterbringung im Kapuzinerkloster Krefeld

►  Mai 1968: Verurteilung wegen Unzucht mit einem Minderjährigen

►  Juni 1968: Unterbringung im Pfarrhaus Hamm-Bockum- Hövel

►  August 1971: Versetzung als Kaplan nach Rhede

►  Ende 1973: Versetzung nach Marl

►  März 1974: Religionslehrer in Marl und Recklinghausen

►  1981: Pfarrer in Recklinghausen-Röllinghausen

►  1983: Strafbefehl wegen sexueller Handlungen an Jungen

►  1983: Hausgeistlicher im St.-Josef-Haus in Münster

►  1988: Krankenhauspfarrer in Rheinberg

►  1992: Seelsorger in der Fachklinik Dammer Berg in Neuenkirchen (Oldenburg)

►  1995: Versetzung in den Ruhestand, er bleibt bis 1998 in Neuenkirchen

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