Das Dorf lebt
Ein Besuch in Schmedehausen

Greven-Schmedehausen -

Schmedehausen liegt zwischen Greven und Ladbergen am Kanal. 159 Einwohner, ein kleines Dorf, die Hauptstraße heißt Domhof. Der letzte Laden hat 2013 geschlossen, als „Tante Töni“ zu alt war. Wer 18 wird, zieht hier schnell weg –  sollte man meinen. Aber weit gefehlt: Schmedehausen lebt. Ein Dorfporträt.

Freitag, 21.12.2018, 10:16 Uhr aktualisiert: 21.12.2018, 17:58 Uhr
Schmedehausen ist vielfältig: Viele Gruppierungen gibt es rund um die Kirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“, darunter den Kirchenchor unter der Leitung von Klaus Spruch. Zu den neuen Gesichtern im Ort zwischen Greven und Ladbergen gehört Silke Flotho-Westrup mit ihrem Café „Giersch & Co“.
Schmedehausen ist vielfältig: Viele Gruppierungen gibt es rund um die Kirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“, darunter den Kirchenchor unter der Leitung von Klaus Spruch. Zu den neuen Gesichtern im Ort zwischen Greven und Ladbergen gehört Silke Flotho-Westrup mit ihrem Café „Giersch & Co“. Foto: Gunnar A. Pier

Es ist dunkel hinter der Kirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“, dort, wo das Pfarrheim St. Michael steht. Deshalb knipst fast jeder, der an diesem Montagabend durch die Tür kommt, gerade seine Taschenlampe aus. Bernhard Brockötter hat vergessen, Wasser zu besorgen, weil er dachte, dass heute in der Kirche geprobt wird, aber in der Küche steht noch etwas Likör, der muss eh weg, also nippen alle am Pinnchen, bevor der erste Ton erklingt. 

Bald ist Konzert, der Kirchenchor übt ein letztes Mal. „Wir sind nicht nur ein Chor, sondern auch ein Freundeskreis“, erklärt Brockötter, der Vorsitzende und zugleich amtierende Schützenkönig. Und das ist symptomatisch für Schmedehausen – das so wohl beispielhaft steht für viele lebendige Dörfer im Münsterland.

Einst war Schmedehausen ein blühendes Dorf. Mit Kirche, Kneipen, Geschäft, Kindergarten und Schule entlang der Straße, die vom Anleger am Dortmund-Ems-Kanal bis zur alten Schmiede Kordel führt.

Zu Besuch in Schmedehausen

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  • Zentraler Bau von Schmedehausen ist die Kirche "Zu den Heiligen Schutzengeln", in deren schatten am 9. Dezember 2018 der kleine Weihnachtsmarkt stattfand.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der Kirche schauten Nikolaus und Knecht Ruprecht vorbei.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Silke Flotho-Westrup betreibt neben der Kirche das Café "Giersch & Co."

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Bernhard Brockötter ist Vorsitzender des Kirchenchors und amtierender Schützenkönig.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der Kirche können Pilger auf dem Jakobsweg einen Stempel abholen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Johannes Hennigfeld vertritt Schmedehausen im Grevener Stadtrat.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Zum Vereinsleben gehört auch die Frauengemeinschaft, die beispielsweise das Adventskaffeetrinken im Pfarrheim organisiert hat.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Klaus Spruch leitet den Kirchenchor seit 53 Jahren.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der Kirche "Zu den Heiligen Schutzengeln".

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der Kirche "Zu den Heiligen Schutzengeln".

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Kirche "Zu den Heiligen Schutzengeln"

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Klaus Spruch leitet den Kirchenchor seit 53 Jahren.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Kirchenchor probt immer montags.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Zum Vereinsleben gehört auch die Frauengemeinschaft, die beispielsweise das Adventskaffeetrinken im Pfarrheim organisiert hat.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Besuch von Nikolaus und Knecht Ruprecht.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Zentraler Bau von Schmedehausen ist die Kirche "Zu den Heiligen Schutzengeln", in deren schatten am 9. Dezember 2018 der kleine Weihnachtsmarkt stattfand.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Zentraler Bau von Schmedehausen ist die Kirche "Zu den Heiligen Schutzengeln", in deren schatten am 9. Dezember 2018 der kleine Weihnachtsmarkt stattfand.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In der Kirche können Pilger auf dem Jakobsweg einen Stempel abholen.

    Foto: Gunnar A. Pier

Neues Leben statt Leerstand

Es ist keine Überraschung, dass sich das Bild gewandelt hat. Im alten Schulgebäude renoviert Logistiker Fiege gerade Büros, der Laden ist dicht, und wo Otti seine Kneipe hatte, fast am Ende des Domhofs gegenüber vom ehemaligen Feuerwehrgerätehaus, stehen jetzt zwei Einfamilienhäuser. Auch das ist symptomatisch: Die Kneipe geht, es kommt kein Leerstand, sondern neues Leben.

Silke Flotho-Westrup ist so eine Neue. „Eigentlich haben wir nur nach einem Haus mit großem Garten gesucht“, erzählt die promovierte Biologin. Sie stammt aus Münster, wohnte aber zusammen mit ihrem Mann Björn Westrup schon zwölf Jahre in Greven. Ein Wort gab das andere, sie hörten von der einstigen Domschänke, in der zuletzt Tante Töni ihren Tante-Emma-Laden hatte. Weil die Grevener versprachen, an dem Gebäude nichts grundlegend zu ändern, bekamen sie den Zuschlag.

Die Älteren wissen zu schätzen, dass Jüngere kommen.

Silke Flotho-Westrup, Betreiberin des Cafés in Schmedehausen

„Ein Café zu eröffnen hatte ich immer schon im Kopf“, sagt die 42-Jährige. Also zog das Paar an den Domhof, renovierte das Haus neben der Kirche anderthalb Jahre lang und eröffnete im Mai das Café „Giersch & Co.“

Dr. Silke Flotho-Westrup in ihrem Café "Giersch & Co." in Greven-Schmedehausen.

Dr. Silke Flotho-Westrup in ihrem Café "Giersch & Co." in Greven-Schmedehausen. Foto: Gunnar A. Pier

Ein Café in einem Ort, der laut offizieller Einwohnerstatistik derzeit 159 Einwohner hat? „Das ist viel besser angelaufen, als ich gedacht hatte.“ Silke Flotho-Westrup musste schnell ihren Job an den Nagel hängen, weil ihr uriger Laden brummt. Den Sommer über kamen vornehmlich Radfahrer, die bei ihren Pättkestouren vormals vergeblich auf der Suche nach Kaffee, Kuchen oder einem Pils durch Schmedehausen geirrt waren. Und für ein Stück selbstgebackene Torte fährt auch im Winter so mancher Sonntagsausflügler aus umliegenden Städten ins Dörfchen am Kanal.

Das Vereinsleben brummt

Einmal zugezogen, immer zugezogen? Dem Westfalen wird nachgesagt, dass er Neue erstmal argwöhnisch beäugt. Wes­trups haben eine ganz andere Erfahrung gemacht: „Hier sind alle total offen und neugierig!“ Die Café-Chefin ist sicher: „Die Älteren wissen zu schätzen, dass Jüngere kommen.“

Es ist freilich ratsam, sich ein wenig ins Dorfleben zu integrieren. Dazu gibt es bemerkenswert viele Möglichkeiten. Kirchenchor etwa, Frauengemeinschaft, Seniorengemeinschaft, Heimatverein, die freiwillige Feuerwehr , die Schützenbruderschaft St. Reinhildis. Viele Schmedehausener sind in mehreren Vereinen aktiv. Wenn an Fronleichnam das Schützenfest der Bruderschaft beginnt, singt auch der Chor.

Montags probt der Kirchenchor Schmedehausen mit Chorleiter Klaus Spruch im Pfarrheim Zu den Heiligen Schutzengeln.

Montags probt der Kirchenchor Schmedehausen mit Chorleiter Klaus Spruch im Pfarrheim Zu den Heiligen Schutzengeln. Foto: Gunnar A. Pier

26 Mitglieder hat der Kirchenchor – allesamt Leute aus Schmedehausen, der benachbarten Bauerschaft Hüttrup und Weggezogene, die es immer montags zur Probe ins Pfarrheim zieht. Vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Nachwuchssorgen? „Ach wissen Sie“, sagt Bernhard Brockötter, Vorsitzender und mit 53 Jahren das zweitjüngste Mitglied, „wir machen nicht mehr groß Werbung.“ Er macht keinen Hehl daraus, dass sich bei dem ein oder anderen eine gewisse Müdigkeit zeigt und vermutet: Wenn Klaus Spruch (87), der den Chor seit 53 Jahren leitet, irgendwann aufhört, bleiben auch die Sänger am Montagabend zu Hause.

Eigener Nikolausmarkt

Viele sind ja eh auch in der Frauengemeinschaft aktiv, deren Mitgliederzahl sehr konstant ist, oder im Heimatverein, dem nahezu alle Schmedehausener angehören. Der stellt den Maibaum auf, organisiert die Feierstunde am Volkstrauertag und hat in diesem Jahr zum ersten Mal einen Nikolausmarkt auf die Beine gestellt. Groß rumerzählt haben die Schmedehausener das aber nicht. „Wir wollen das erstmal nur für uns machen“, sagten sie und verrieten den Termin nur hinter vorgehaltener Hand.

Der Vereinsbaum am Ortseingang verrät, wie viele Gruppierungen es rund um die Kirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“ gibt.

Der Vereinsbaum am Ortseingang verrät, wie viele Gruppierungen es rund um die Kirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“ gibt. Foto: Gunnar A. Pier

Und so feierten sie am 9. Dezember hauptsächlich unter sich. Rund um die Kirche, mit Ständen der Vereine, Flohmarkt im Pfarrheim, Glühwein im Zelt. Natürlich hatte „Giersch & Co.“ geöffnet. Zur Einstimmung sang der Chor, nachmittags besuchten der Nikolaus und Knecht Ruprecht die Pfarrkirche „Zu den Heiligen Schutzengeln“.

Typische Dorf-Probleme

Sie ist bis heute das prägende Gebäude von Schmedehausen. Die namensgebende „Schutzengelgruppe“ wurde vor Jahrzehnten aus der Kirche geholt und in einer Scheune aufbewahrt. „Wegen des Zweiten vatikanischen Konzils“, erklärt Johannes Hennigfeld, Schmedehausens Ratsherr im Grevener Stadtrat und eifriger Forscher zur 1065-jährigen Dorf-Historie. Heute steht sie wieder direkt an der Kirche, die zugleich Station des Jakobswegs ist. Ab Januar gibt es hier allerdings nur noch eine Messe im Monat.

Domhof mit Kirche Zu den Heiligen Schutzengeln in Greven-Schmedehausen.

Domhof mit Kirche Zu den Heiligen Schutzengeln in Greven-Schmedehausen. Foto: Gunnar A. Pier

Das, so scheint es, ist aber nicht das größte Problem der Schmedehausener. Schnelles Internet wäre schön. Und dass der Schnellbus S50 auf seinem Weg vom nahen Flughafen Münster/Osnabrück nach Münster neuerdings über die Autobahn fährt und nicht mehr durch Schmedehausen, um drei Minuten Zeit zu sparen, ärgere die 159 Einwohner, sagt Ratsherr Hennigfeld. Denn manchmal möchten sie doch mal weg aus ihrem lebendigen Dorf.

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