Ab 1. Januar 2019 verboten
Brandzeichen sind ein heißes Eisen

Münster -

Sie sind eine uralte Tradition: Brandzeichen, mit denen Pferde auf dem Schenkel markiert werden. Doch inzwischen gelten sie als vermeidbarer Schmerz für die Tiere - ab 1. Januar 2019 sind sie verboten. Viele Züchter trauern ihnen schon jetzt nach.

Freitag, 21.12.2018, 21:00 Uhr
Eins der letzten Brandzeichen setzte Mark-André Ridder vom Westfälischen Pferdestammbuch am Freitagnachmittag in Coesfeld dem Fohlen von „einem von I‘m Special de Muze“.
Eins der letzten Brandzeichen setzte Mark-André Ridder vom Westfälischen Pferdestammbuch am Freitagnachmittag in Coesfeld dem Fohlen von „einem von I‘m Special de Muze“. Foto: Gunnar A. Pier

Das Fohlen hat noch keinen Namen, deshalb reden sie auf dem Hof Rawert bei Coesfeld nur von „einem von I‘m Special de Muze“ – so heißt der Vater. Wie auch immer, als am Freitagnachmittag Mark-André Ridder auf den Hof kam, wurde die junge Pferde-Dame nervös. Irgendwas war anders als sonst. Sie zerrte am Strick, stieg gar auf die Hinterbeine. Doch als Ridder wirklich zur Tat schritt, für einen Moment das glühende Eisen auf den Schenkel drückte und Flammen hochschlugen, blieb das Fohlen „von I‘m Special de Muze“ ganz ruhig.

Hochsaison war für Mark-André Ridder bislang immer von Sommer bis in den Herbst hinein. Er ist beim Westfälischen Pferdestammbuch in Münster für die Registrierung von Fohlen zuständig, und de­nen wurde in dieser Zeit traditionell als Kennzeichen ihrer Abstammung das westfälische „W“ auf den Schenkel gebrannt.

In diesem Jahr muss Ridder sogar zwischen den Jahren noch einmal ran, um Fohlen quasi in letzter Minute den Westfalenbrand aufzudrücken. Ab 1. Januar ist der Schenkelbrand verboten. Sehr zum Verdruss der meisten Züchter.

Die letzten Brandzeichen für Fohlen

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  • Ein heißes Eisen - im doppelten Sinne: Mit glühenden Eisen werden Fohlen noch bis Jahresende 2018 Brandzeichen gesetzt werden. Doch die Tradition ist umstritten - und ab 2019 verboten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auch wenn manchmal kurz Flammen hochschlagen, glauben die Züchter, dass die Prozedur kaum schmerzt.

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  • Vor dem Brennen werden die Stellen geschoren.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Zum Brandzeichen gehört ein "W" für Westfalen und eine Nummer.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Oft wird auf Stutenschauen gebrannt, Mark-André Ridder vom Westfälischen Pferdestammbuch kommt aber auch raus - wie hier am Freitag auf den Hof Rawert bei Coesfeld.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Zum Brandzeichen gehört ein "W" für Westfalen und eine Nummer.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Abgelöst werden die Brandzeichen durch "Chippen". Dabei setzt Mark-André Ridder vom Westfälischen Pferdestammbuch den Pferden ein en Mikrochip ein.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
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  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier

Zuchtleiter: „Das finde ich schade.“

Wilken Treu, Geschäftsführer und Zuchtleiter beim Stammbuch, ist kein Ideologe und kann die Debatte um das heiße Eisen Brandzeichen tatsächlich rein sachlich führen. Für ihn geht mit dem Verbot vor allem eine Jahrhunderte alte Tradition verloren. „Und das finde ich schade.“ Treu möchte ebenso am Schenkelbrand festhalten wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung in Warendorf.

Seit 2010 muss jedes Fohlen in Deutschland mit ei­nem in den Hals gepflanzten Mikrochip registriert werden. Notwendig ist die alte Kennzeichnung mittels Brandzeichen und Nummer seitdem nicht mehr. „Aber nach wie vor eindeutig“, betont Treu, weil sich das Brandzeichen im Gegensatz zum Transponder nicht manipulieren ließe. Zudem, so glaubt der Zuchtleiter, sei das Chippen für das Tier schmerzhafter als das Setzen des Brandzeichens.

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Grundloser Schmerz?

Dennoch: Weil der Chip als Herkunftsnachweis funktioniert, wurde aus dem Brennstempel plötzlich ein altes Eisen. Denn dessen Einsatz fügt dem jungen Pferd die Schmerzen nun grundlos zu. „Nach der Implantation des Microchip gibt es keinen vernünftigen Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes für einen wei­­teren schmerzhaften Ein griff zur Kennzeichnung“, betont der Präsident der Bun destierärztekammer, Dr. Uwe Tiedemann.

Das Brandzeichen besteht aus einem "W" für Wesfalen und einer Nummer.

Das Brandzeichen besteht aus einem "W" für Wesfalen und einer Nummer. Foto: Gunnar A. Pier

Ähnlich sieht es Wilhelm Benning, der zusammen mit seiner Frau in Dülmen Pferde züchtet. Schon vor elf Jahren hörten sie auf, ihre Pferde brennen zu lassen. „Natürlich tut den Tieren das weh“, ist Benning sicher. „Und es dauert ein paar Tage, bis das verheilt.“ Deshalb gab es für seine drei Fohlen am Freitag nur Mikrochips.

"Ein Wahrzeichen"

Das Gros der Züchter hält jedoch bis zuletzt am Brandzeichen fest. Knapp 95 Prozent der westfälischen Fohlen trügen das eingebrannte „W“, sagt Treu. „Das ist doch immer schon ein Wahrzeichen gewesen“, meint Gisela Rawert, Besitzerin des Fohlens von „I‘m Special de Muze“, und gibt unumwunden zu, dass sie dem Brandzeichen und dem Ritual drum herum ein wenig nachtrauern werde.

Unlautere Debatte?

Für Wilken Treu wurde die Debatte ums Verbot unlauter geführt. Die Tierärztekammer, habe aus eigenem Interesse vehement für das Aus gestritten, „weil sie unser Geschäft übernehmen wollten“. Die Kennzeichnung mittels Brenneisen machte das Stammbuch, chippen dürfen auch Veterinäre

Einen Funken Hoffnung haben die Verfechter des Heißbrandes noch. Eingesetzt werden dürfte das Brenneisen laut Gesetz nämlich künftig auch dann, wenn den Tieren ein lokales Anästhetikum verabreicht würde. Ein zugelassenes Präparat gibt es allerdings noch nicht.

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