Sabrina D. hat ein Lipödem
„Fettabsaugung ist keine Schönheits-OP“

Greven -

Sabrina D. aus Greven hat dicke Arme und dicke Beine: Sie leidet unter dem Lipödem. Eine Fettabsaugung könnte ihr helfen, doch die zahlt die Krankenkasse derzeit nicht. Dabei bestimmt die Krankheit längst ihr ganzes Leben.

Samstag, 26.01.2019, 11:00 Uhr
Fettabsaugen als Lösung: Die sogenannte „Liposuktion“ soll gegen ein Lipödem helfen. Doch noch zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Operation nicht - zum Leidwesen von Betroffenen wie Sabrina D.
Fettabsaugen als Lösung: Die sogenannte „Liposuktion“ soll gegen ein Lipödem helfen. Doch noch zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Operation nicht - zum Leidwesen von Betroffenen wie Sabrina D. Foto: dpa, Gunnar A. Pier

Wenn Sabrina D. in ein Café gehen möchte, überlegt sie sich das gut. Haben die Stühle Armlehnen, zwischen denen sie stecken bleiben könnte? Und will sie dort wirklich auf eine Toilette gehen, in der es zu eng ist, um die Kompressionsstrumpfhose über die dicken Beine zu tüdeln? Und dann die Blicke der anderen! Sa­brina ist dick. Doch nicht etwa durch Pommes und Cola: Die Grevenerin ist krank. Eine Fettabsaugung würde ihr helfen. Deshalb verfolgt sie mit Spannung die aktuelle Debatte über die Frage, ob Krankenkassen diesen Eingriff künftig bezahlen sollen.

„Auseinandergegangen bin ich in der Pubertät“, erinnert sich die 32-Jährige. Da gerät ja gerne einiges im Körper durcheinander. Besonders die Arme und Beine wurden dick und dicker. Hinzu kam eine extreme Schmerzempfindlichkeit: „Wenn mich jemand an Armen oder Beinen berührt hat, bin ich fast an die Decke gegangen.“ Typisch Hormon-Umstellung? „Ich wusste ja gar nicht, dass das nicht normal ist.“

Auch Ärzte kamen dem Phänomen nicht auf die Schliche. „Die haben gesagt: Du bist zu dick, nimm ab!“ Und so war es eine Mitpatientin in einer Klinik, die den entscheidenden Hinweis gab. Die sagte: „Kann es sein, dass du ein Lip­ödem hast?“ Sie hatte recht: Genau das ist die Krankheit, unter der Sabrina D. schon ihr halbes Leben leidet.

Hinter dem Begriff verbirgt sich eine Fettverteilungsstörung. Der Körper lagert Fett an, vornehmlich in Beinen und Armen, statt es vernünftig zu verarbeiten und wieder auszuscheiden. Am Ende verhält es sich fast wie ein Krebsgeschwür: Es ist da, aber gehört nicht richtig zum Körper. „Abnehmen ist fast unmöglich“, sagt die Grevenerin. Mit Joggen und Diät ist da nichts zu machen.

Die Diagnose, die ihr Leben veränderte

Lipödem: Die Diagnose, die ihr Leben veränderte, bekam sie vor einem Jahr. Bei ihrer Arbeit als Beraterin in einem Call-Center ist sie seitdem nicht wieder gewesen: krankgeschrieben. Sie trägt eine Kompressions-Strumpfhose und bekommt einmal in der Woche eine Lymphdrainage. Doch das bringt kaum Linderung: Wenn Sabrina D. die Treppe zu ihrer Wohnung in der vierten Etage hochgeht, muss sie zweimal länger Pause machen. Arbeiten kann sie nicht, weil sie nicht lange sitzen und nicht lange stehen kann. Nach 20 Minuten Fahrrad fahren verlässt sie die Kondition. „Das bestimmt das ganze Leben“, beschreibt sie. Und hat nur einen Wunsch: „Ich möchte Lebensqualität haben.“

"Keine Schönheitsoperation"

Die verspricht sie sich vom Fettabsaugen, der „Liposuktion“. Dabei wird das Fett aus Armen und Beinen entfernt. Das aber zahlt die gesetzliche Krankenkasse bislang nicht. „Dabei hat das nichts mit einer Schönheitsoperation zu tun“, betont die Betroffene.

Krankenkassen sollen ab 2020 zahlen

Besonders schwer erkrankte Frauen sollen das Absaugen von Körperfett bald von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt bekommen. Für Patientinnen mit Stadium 3 soll diese Leistung ab 1. Januar 2020 zur Verfügung stehen. Das schlug der für solche Entscheidungen zuständige Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken in einem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, hieß es am Freitag. Dies soll zunächst befristet bis 2024 gelten, bis dann auch eine generelle wissenschaftliche Studie vorliegen soll.

>Spahn sprach von einer guten Nachricht für Tausende Frauen, die unter krankhaften Fettverteilungsstörungen leiden. „Endlich hat sich der Gemeinsame Bundesausschuss bewegt und ermöglicht Hilfe für die besonders betroffenen Patientinnen.“

Der Vorschlag soll einen abrupt eskalierten Streit lösen. Spahn hatte Mitte Januar Gesetzespläne angekündigt, den Weg für eine Kostenübernahme in dieser Sache über eine Rechtsverordnung seines Ministeriums freizumachen. (dpa)

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Sparen reicht nicht

„Natürlich überlegen wir, ob wir das Geld irgendwann selbst zusammenbekommen“, sagt sie nachdenklich. Doch Sabrina D. ist arbeitsunfähig, ihr Freund verdient als Lagerarbeiter genug zum Überleben, aber zu wenig zum Sparen. Mit 18 000 Euro Operationskosten rechnen die beiden – „so viel leiht uns ja auch keine Bank.“

Hoffnung

Aber es gibt Hoffnung. Nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn ( CDU ) vorgeprescht war, empfiehlt nun auch der Gemeinsame Bundesausschuss , dass Krankenkassen das Fettabsaugen bezahlen sollen. Zunächst nur für die besonders schweren Fälle („Stadium 3“) – doch für Sabrina D. („Stadium 2“) ein Schritt in die richtige Richtung.

Zum Thema

Wer betroffen oder unsicher ist, ob er ebenfalls unter der Krankheit leidet, und sich mit Sabrina D. austauschen möchte, kann sich an die Redaktion wenden – wir stellen einen Kontakt her. E-Mail-Adresse: regio@zgm-muensterland.de, Telefon: 0251 / 690 - 90 71 21

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Interview: „Das ist ein ernährungsunabhängiger Prozess“

MÜNSTER. Prof. Dr. Tobias Görge und Dr. Dominik Schlarb sind an der Klinik für Hautkrankheiten der Uniklinik Münster mit Lipödem und Fettabsaugung befasst.

Was geschieht bei einem Lipödem im Körper?

Görge: Man spricht von einer unkontrollierten Veränderung des Unterhaut-Fettgewebes. Das ist übrigens ein ernährungsunabhängiger Prozess.

Was ist über die Ursachen bekannt?

Görge: Es gibt eine familiäre Häufung, aber es ist bis heute noch nicht eindeutig identifiziert, was die Grundlage dafür ist. Betroffen sind fast ausschließlich Frauen.

Wie genau läuft eine Fettabsaugung?

Schlarb: Üblicherweise wird eine sogenannte Tumeszenzlösung in das Unterhautfettgewebe gespritzt. Diese löst unter anderem die Fettzellen aus dem Bindegewebe. Anschließend wird das Fett durch eine lange Kanüle abgesaugt. Dadurch nimmt man den äußeren Druck und die Lymphbahnen können wieder „frei atmen“ – soll heißen, die gestaute Lymphe kann wieder ohne Engstellen abfließen. Des Weiteren wird die Durchblutung der Haut wieder erleichtert.

Was kostet so eine Operation?

Görge: Ein Eingriff kostet um die 3000 Euro. Häufig sind zwei oder drei Sitzungen nötig, hinzu kommen unterschiedlich hohe Kosten etwa für den Krankenhausaufenthalt. Auf fünfstellige Kosten sollte man sich derzeit einstellen. (gap)

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