Die Mobilität der Zukunft
Es braucht Technik - und Wille

Münster -

Der Konsens ist eigentlich klar: Es braucht zukünftig eine Alternative zum Verbrennungsmotor. Wahrscheinlich braucht es aber auch eine ganz andere Form von Mobilität. Ob dann noch vor jedem Haus ein Auto stehen wird, scheint noch nicht ausgemacht.

Sonntag, 03.02.2019, 14:55 Uhr aktualisiert: 03.02.2019, 15:02 Uhr
Wie sieht die künftige Mobilität mit dem Auto aus?Hersteller wie Mercedes antworten mit Studien wie dem autonom fahrenden F 015 Luxury. Über LED-Flächen etwa im Kühler kann das Auto mit der Außenwelt kommunizieren. Daimler
Wie sieht die künftige Mobilität mit dem Auto aus?Hersteller wie Mercedes antworten mit Studien wie dem autonom fahrenden F 015 Luxury. Über LED-Flächen etwa im Kühler kann das Auto mit der Außenwelt kommunizieren. Foto: Daimler

Die Zukunft des Automobils hatte im Jahr 1999 begonnen. Ferdinand Piëch , über Dekaden hinweg der Allmächtige des Volkswagen-Konzerns, hatte verkündet: Ein Auto kommt mit einem Liter Sprit aus. Es dauerte dann noch einmal drei Jahre, ehe er am 16. April 2002 mit seinem schmalen Gefährt die 237 Kilometer von der Konzernzentrale in Wolfsburg bis zum Luxushotel nach Hamburg zurücklegte und dabei nur 2,1 Liter Sprit, also 0,886 Liter auf 100 Kilometer, benötigte.

Wie groß die Wirkmacht dieser Innovation war, dazu muss man keine groß angelegte Studie anstellen. Etwas salopp gesagt: Die Zahl der Ein-Liter-Autos auf unseren Straßen hält sich in Grenzen. Der fortschrittlichste und in Entwicklung sowie Produktion teuerste Volkswagen aller Zeiten hat nie das Volk erreicht.

Verkehrswende dringend notwendig

Stattdessen veröffentlichte das Kraftfahrtbundesamt in seinen Statistiken, dass mittlerweile jedes vierte in Deutschland neuzugelassene Auto dem Segment Sport Utility Vehicle oder kurz SUV zuzuordnen ist. Die Zahl der spritfressenden Groß-Pkw hat sich zwischen 2013 und 2017 mehr als verdoppelt. Der Anteil der verkehrsbedingten CO-Emissionen an den bundesdeutschen Gesamtemissionen ist von 13 Prozent (1990) auf 19 Prozent (2018) gestiegen.

Kurz mal angemerkt sei, dass nach dem Beschluss der Bundesregierung die verkehrsbedingten Emissionen bis 2030 um 40 Prozent sinken sollen, bis 2050 soll Deutschland klimaneutral unterwegs sein. Die angestrebte Verkehrswende ist dringend notwendig; es gibt nicht wenige, die glauben, sie sei noch anspruchsvoller als die Energiewende.

Eine groteske Situation

Die aktuelle Situation ist grotesk: Deutsche Autobosse sitzen als Dieselbetrüger auf der Anklagebank, der Sprit wird immer teurer, der Lärm und die Feinstaubbelastung in den Innenstädten nehmen weiter zu, Parkplätze in Wohnbezirken sind nicht nur in Ballungszentren Mangelware, hinzu kommt der stetig steigende Preis der Fahrzeuge.

Dennoch freuen sich die Automobilkonzerne über wachsende Absatz- und Verkaufszahlen. Rund 3,44 Millionen neu zugelassene Pkw im Jahr 2017 sind ein Plus von rund 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Mobilität neu denken

Tatsächlich hat die fossile Mobilität bei der Entwicklung unseres Lebensstandards und Wohlstands großen Nutzen gestiftet, ist der Verkehr noch immer die Grundlage unserer arbeitsteiligen und hochgradig vernetzten Wirtschaft. Die globalen Verkehrs- und Güterströme haben ein nie da­gewesenes Ausmaß angenommen. Es ist heute möglich, täglich Hunderte Kilometer zur Arbeit zu pendeln, Postsendungen und Pakete verlassen kurz nach dem Bestelleingang die Versandzentren – die Blechkarawane rollt beständig (wenn sie nicht im Stau steckt).

Technik ist hilfreich, bringt uns aber allein nicht voran.

Robert Follmer

Wie also soll die Mobilität der Zukunft aussehen? Insbesondere die Automobilbranche gilt als hochgradig innovativ, war in der Vergangenheit oftmals Vorreiter in Sachen Technik und Fortschritt. Woran sie jedoch gegenwärtig scheitert, ist: Mobilität neu zu denken. Es ist tatsächlich wichtig, alternative Antriebstechniken zu entwickeln. Aber auch das Elektro-Auto kann nur ein Teil der Lösung sein. Wenn lediglich die Fahrzeuge mit Verbrennungs- gegen die mit E-Motoren ausgetauscht werden, sich die Zahl aber nicht verringert, ist nichts gewonnen.

Kaum Veränderungen zu sehen

Wie emotional das Thema ist, konnte man in den letzten Wochen in allen Medien verfolgen: Wer Tempolimits auf Autobahnen fordert, der droht nach wie vor geteert und gefedert zu werden. Die Automobilkonzerne haben wenige Interesse an der realen Umsetzung des Öko-Firlefanz, ihnen genügt es, dem Auto ein ökologisch korrektes Image zu verpassen. Einfach Eco auf die Heckklappe des Acht-Liter-SUVs drucken und fertig.

Aber auch die Millionen Autofahrer scheinen sich mit dem zufrieden geben zu wollen, was ihnen angeboten wird. E-Mobilität? Spannend. Autonomes fahren? Aha. Digital vernetzte Dienste? Wer’s braucht. Die Alltagsmobilität ist kein besonders veränderungs­freudiges Feld gesellschaftlicher Innovationskraft.

Innovationen müssen integrierbar sein

„Technik ist hilfreich und bietet mitunter großartige Lösungen, bringt uns aber allein nicht voran. Wir müssen die Menschen mit­nehmen“, sagt Robert Follmer , Bereichsleiter Mobilitäts- und Regionalforschung beim Institut für angewandte Sozialwissenschaft. Insbesondere das Thema des autonomen Fahrens sei ein gutes Beispiel dafür, dass es Zeit in Anspruch nimmt, bis Technik alltagstauglich ist. „Viele Menschen würde das momentan noch überfordern, wenn man ihnen verspricht, beim Autofahren Zeitung lesen zu können und vielleicht nur ab und zu auf die Kurven achten zu müssen. Das funktioniert noch nicht.“

Tatsächlich bestimmen Bedürfnisse, Routinen, Gewohnheiten und Bequemlichkeit, aber auch Zwänge, wie etwa der Weg zur Arbeit, das Mobilitätsverhalten der Menschen. Egal, wie gut die Vorschläge sein mögen: Im Alltag werden klima- und umweltfreundliche Maßnahmen nur implementierbar sein, wenn diese sich in die eigenen Handlungsroutinen problemlos integrieren lassen, statt diese zu brechen.

Möglich ist das alles

„Der Autoverkehr als solcher wird wahrscheinlich so schnell nicht verschwinden“, glaubt Follmer. Der gleichwohl ein wachsendes Umweltbewusstsein wahrnimmt. „Es ist eine Aufgabe der Städte und Kommunen, eine Angebotsstruktur zu schaffen, die für die Menschen attraktiv ist.“ Eine höhere Aufenthaltsqualität und mehr Komfort seien entscheidende Erfolgsfaktoren. „Die Autofahrer haben ja auch einen gestiegenen Komfort, da muss man Schritt halten, um das Komfortversprechen des Autos auch im öffentlichen Nahverkehr einlösen zu können.“

Der Wandel wirft Fragen auf, die nur im gesellschaftlichen Konsens beantwortet werden können: Sollen Innenstädte künftig autofrei bleiben? Wie sollen Straßen genutzt werden? Wie viel Platz soll Fußgängern und Radfahrern eingeräumt werden? Sind wir bereit, eine CO-Steuer zu zahlen, um den Wandel des Verkehrssystems zu finanzieren? Möglich ist das alles. Man muss es nur wollen.

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