Eine Welt voller Rechtshänder
Angelika Ludwig ist eine umgeschulte Linkshänderin

Münster/Ascheberg -

Was ihre Lehrerin ihr ausgetrieben hat, bringt sich Angelika Ludwig jetzt mühsam wieder bei: mit links schreiben, malen und schneiden. Sie sagt: „Das ist für mich wie in mir selbst nach Hause kommen.“

Sonntag, 03.02.2019, 17:28 Uhr aktualisiert: 03.02.2019, 18:45 Uhr
Angelika Ludwig, Pfarrerin aus Ascheberg, ist umgeschulte Linkshänderin. Mit der Hilfe von Matthias Wüstefeld schult sie sich nun zurück auf ihre linke Hand. Spezielle Geräte und Werkzeuge für Linkshänder sind mittlerweile keine Seltenheit mehr.
Angelika Ludwig, Pfarrerin aus Ascheberg, ist umgeschulte Linkshänderin. Mit der Hilfe von Matthias Wüstefeld schult sie sich nun zurück auf ihre linke Hand. Spezielle Geräte und Werkzeuge für Linkshänder sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Foto: Jacqueline Beckschulte/Wilfried Gerharz

Linkshänder haben das Nachsehen. „In einer Welt voller Rechtshänder kann man nie zu 100 Prozent Linkshänder sein“, weiß Angelika Ludwig . Die 51-jährige Pfarrerin aus Ascheberg muss es wissen. Sie ist eine umgeschulte Linkshänderin.

Als sie fünf Jahre alt war, ist ihr der Gebrauch der linken Hand „ausgetrieben“ worden. „In der Schule hat mir die Lehrerin meine Hand auf den Rücken gebunden und mich mit Schlägen gezwungen, die rechte Hand zu benutzen. Und auch zu Hause ist sehr darauf geachtet worden“, erinnert sie sich. Ihre Lehrerin war schon älter und sehr konservativ, fügt sie hinzu. Im Nachhinein weiß Angelika Ludwig: Ihre Eltern wussten es nicht besser und wollten sicher nur ihr Bestes.

Schreiben mit der "falschen Hand"

Schnell machten sich bei dem jungen Mädchen Minderwertigkeitsgefühle breit. „Ich wusste, an mir ist etwas falsch“, sagt sie über sich. Immer wieder stieß sie an ihre Grenzen, war chronisch erschöpft und überfordert. Ständig kämpfte sie gegen den Impuls an, ihre linke Hand benutzen zu wollen. Auf Tätigkeiten mit rechts musste sie sich besonders konzentrieren.

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Spezielle Werkzeuge und Geräte sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Foto: Wilfried Gerharz

Im Gymnasium hatte sie Linkshänder in ihrer Klasse. Sie schrieben und malten sogar mit „der falschen Hand“. „Ich habe meine Mutter gefragt, warum sie das dürfen und ich nicht“, berichtet Ludwig, und man merkt ihr noch heute die Traurigkeit an. Die Antwort ihrer Mutter: „Du kannst doch mit rechts schreiben, dann lass es auch so.“ Aber es ging ihr nicht nur ums Schreiben, sondern um ihr Innerstes. „Ich habe nie eine Einheit von Körper und Geist gespürt“, erklärt die Pfarrerin.

Händigkeit

Schon vor der Geburt eines Kindes ist die Händigkeit festgelegt. Das hängt davon ab, welche Gehirnhälfte die führende ist. Ist es die linke, dann ist rechts die Führungshand. Ist es die rechte, dann ist das Kind Linkshänder. Eltern sollten dies frühzeitig erkennen und entsprechend fördern, rät der Experte. Häufig wüssten Linkshänder nicht mal, dass sie linkshändig sind. Sie passen sich der Rechtshänder-Gesellschaft an. Bastelutensilien, Werkzeug und auch Computertastaturen sind in der Regel für Rechtshänder konzipiert.

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Große Lernschwierigkeiten

Die Umschulung hatte nicht nur emotionale Folgen. Angelika Ludwig hatte große Lernschwierigkeiten und war nie gut in der Schule. Sie sollte auf die Hauptschule wechseln. Aber sie biss sich durch, schaffte mit Mühe sogar das Theologie-Studium. Alle Dinge, die sie als Erwachsene neu erlernte, lernte sie mit links. Zum Beispiel segnen. Am Ende des Gottesdienstes machte sie das Kreuzzeichen mit der linken Hand. „Das hat für viel Furore in meiner damaligen Gemeinde gesorgt“, berichtet Ludwig. Für sie kam aber nie in Frage, mit rechts zu segnen. „Man wird niemals Rechtshänder – gefühlt schon mal gar nicht“, sagt sie entschieden.

Man wird niemals Rechtshänder – gefühlt schon mal gar nicht.

Angelika Ludwig

„Ich wusste, ich finde nie meinen Frieden, wenn ich mich nicht mit dem Thema Rückschulung auseinandersetze“, so Ludwig. Vor vier Jahren begann sie dann tatsächlich damit, sich auf die linke Hand rückzuschulen. Dabei hilft ihr Matthias Wüstefeld. Der Münsteraner ist Diplom-Sozialpädagoge und arbeitet freiberuflich als Linkshänder-Berater. Auch er ist als Kind auf rechts umgeschult worden und hat sich vor 19 Jahren rückgeschult.

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Matthias Wüstefeld hilft Menschen dabei, sich auf die linke Hand rückzuschulen. Foto: Wilfried Gerharz

Mit speziellem Linkshänder-Werkzeug lernen Rückschüler bei Wüstefeld das Hantieren mit links. „Man muss üben, üben, üben“, sagt Ludwig. Eine Rückschulung dauere genauso lange wie eine Umschulung, so lautet die Faustregel. Aber es lohnt sich: „Die Rückschulung ist für mich wie in mir selbst nach Hause kommen“, sagt Angelika Ludwig glücklich.

Zum Thema

Buch-Empfehlung: „Natürlich mit links: Zurück zur Linkshändigkeit - Befreiter leben mit der starken Hand“ von Marina Neumann, 16,99 Euro.

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