Ein Theaterprojekt für an Demenz erkrankte Menschen und deren Angehörige
Einfach tief eintauchen

Mit etwa zwölf Jahren ändern die meisten Menschen ihre Einstellung zum Spiel. Ausgelassen zu spielen gilt von nun an als kindisch. Was für ein Unfug! Eine Theatergruppe mit an Demenz Erkrankten zeigt, wie wunderbar es ist zu spielen.

Samstag, 09.02.2019, 15:08 Uhr aktualisiert: 09.02.2019, 16:48 Uhr
Ein Theaterprojekt für an Demenz erkrankte Menschen und deren Angehörige: Einfach tief eintauchen
Szene eines spontanen Theaterspiels:Michael Ganß ist zur Dattelpalme in der Wüste mutiert und wird kräftig von Gabriele Schönstädt geschüttelt. Foto: Gunnar A. Pier

Theo Homölle möchte das himmlische Reich aufsuchen. Aber nur vorübergehend, wie der 81-Jährige versichert. Für einen dauerhaften Aufenthalt ist er einstweilen nicht bereit. Ferien auf dem Bauernhof – auch das kommt für ihn in Betracht.  Gisela Goebeler zieht eine Reise zum Mond vor, ihr Enkel Sebastian hat Interesse an einem Wüstentrip.

Worum es hier geht? Um eine Gruppe von Menschen mit vielfach außergewöhnlichen Reisewünschen? Mag sein. Tatsächlich aber handelt es sich um den Beginn eines bemerkenswerten Theatervormittages in Warendorf. Die Akteure: Menschen mit Demenz, Verwandte, die sie lieben, und mittendrin drei Theatermacher, die an diesem Morgen spüren, dass die Vorbereitung des Projekts jede, aber auch wirklich jede Mühe wert war. Eine Sternstunde des Demenz-Theaters.

Jede Gruppe ist eine Überraschung

Was ihn erwartet, wenn er an Demenz Erkrankte und deren Angehörige zum Theaterspiel einlädt, weiß Erpho Bell nie. Möglich, dass der erfahrene Dramaturg aus Havixbeck zehn spielfreudige Menschen empfängt, vielleicht auch nur die Hälfte. An vier Orten des Münsterlandes ermuntert Bell zum freien Theaterspiel.

Ob in Metelen, Havixbeck, Bocholt oder Warendorf – überall erklärt er, weshalb er sich mit Leidenschaft dem Projekt verschrieben hat, mit demenziell Erkrankten und deren Angehörigen Theater zu spielen. Und wenn er dann noch erzählt, dass die Zusammenarbeit in eine Aufführung münden kann, aber nicht muss, dann ahnt er, dass in Kürze eine Frage wie diese gestellt wird: „Halten Sie es für eine gute Idee, kranke Menschen öffentlich vorzuführen?“

Öffentlich zur Schau gestellt? Nein! 

Bells ungefähre Antwort: Ja! Natürlich! Doch sie werden nicht vorgeführt, sie führen auf, nehmen am Leben teil, empfinden tief Freude. Was kann falsch sein an einem Theaterabend mit Hauptakteuren, die schon lange keinen Applaus mehr bekommen?

In der Regel wird den meisten Zweiflern erst in diesem Moment bewusst, dass ihre Kritik letztendlich dieses bedeutet: Wer an Demenz erkrankt, hat sich aus dem öffentlichen Leben zu verabschieden. So kaltherzig und respektlos war das doch gar nicht gemeint!

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Der Initiator: Erpho Bell hat im Münsterland vier Theatergruppen gegründet, die offen für immer wieder neue Mitspieler sind. Foto: Gunnar A. Pier

Ein Dienstagmorgen im Warendorfer Sophiensaal, einem der stilvollsten Veranstaltungsräume der Stadt: Bell ist bereits anwesend, an diesem Tag begleitet von seinen Theaterkollegen Michael Ganß und Gabriele Schönstädt. Die Münsteranerin spielt Helga Weber, die Leiterin einer Reise mit erstaunlich abwechslungsreichen Zielen.

Eine lebhafte Gruppe

Das Team trifft gerade ein. Ganz vorn Theo Homölle, seit einer Weile Bewohner des Seniorenzentrums Malteser Marienheim, ein Mann mit lebhaften Augen und einem Mund, den er liebend gern zum Lachen gebraucht. Hinter ihm Friedlinde Oblau (89) und Tochter Friedegund Henning (66), zwei Frauen, die, selbst wenn sie wollten, nicht leugnen könnten, dass sie Mutter und Tochter sind.

Es folgen Gisela Goebeler und Sebastian, ihr 19-jähriger Enkel. Weil er eine Verletzung auskurieren muss, hat er Zeit, seine Großmutter zu begleiten. „Ist doch für meine Oma“, sagt er und legt einen Arm um ihre Schultern. Zum Schluss treffen Natalia Bacic und ihre Schwiegermutter ein. Die 74-jährige Agnes Bacic ist Rollstuhlfahrerin, und ihren Gesichtszügen ist nicht zu entnehmen, wie sie sich fühlt.

Bei Theo Homölle ist das anders, obwohl auch ihm nicht ganz klar ist, was ihn gleich erwartet. „Theater?“, fragt er. „Theater spiele ich nicht. Ich habe zu Hause mit sechs Kindern genug Theater gehabt.“ Der 81-Jährige lacht und steckt damit, wie vermutlich immer, die Hälfte der Gruppe an.

Begegnung auf Augenhöhe 

Wenn man bedenkt, dass Theo Homölle eigentlich gar nicht spielen wollte, erweist er sich in den nächsten eineinhalb Stunden als erstaunlich kreativ. Selbstverständlich lenkt er den Bus, in dem – Bell und seine Theaterfreunde haben mit Stühlen einen Bus simuliert – alle anderen schon Platz genommen haben. Friedegund Henning streicht rasch das weiße Haar ihrer vor ihr sitzenden Mutter glatt. Ein Tausch der Rollen? „Absolut“, bestätigt die 66-Jährige.

Obwohl – so ganz stimmt das an diesem Vormittag nicht. Bell und seine Kollegen erleben, dass sich die an Demenz Erkrankten und ihre Angehörigen zunehmend auf Augenhöhe be­gegnen. Auf dem Bauernhof, dem ersten Ziel der Reise, füttern sie Hühner und lachen über ein Pferd, das reichlich toll­patschig über die Wiese trabt.

Das Himmelreich hat sich Theo Homölle ganz anders vorgestellt, nicht dominiert von einem Harfe spielenden und in bemerkenswert hoher Frequenz singenden Engel namens Erpho Bell. „Das klingt ja, als ob eine Katze heulen würde!“ Und in der Wüste fächelt Natalia Bacic ihrer Schwiegermutter mit einem schwarzen Spitzenschal kühlende Luft zu und liest in ihrem Gesicht.

Musik berührt die Sinne

Der gemeinsame Gesang vor ein paar Minuten am Klavier der Oase hat sie berührt. „Sie liebt nichts so sehr wie Musik“, erklärt die Schwiegertochter. Agnes Bacic nickt. „Heilig, heilig“: Kein anderes Lied übertrifft dieses.

Die Reise zum Mond verschiebt die Gruppe auf das nächste Treffen. Gisela Goebeler hat nichts dagegen. „Das war eine Traumreise“, sagt sie zur Freude ihres Enkels, der wieder behutsam ihre Schulter drückt. Theo Homölle spricht eine Art Schlusswort: „Ich bin angenehm überrascht und möchte mich bedanken. So wie hier muss Frieden gelebt werden.“ Den drei Theatermachern wird in diesem Moment wahrscheinlich noch ein bisschen wärmer ums Herz. Dieser Vormittag in Warendorf hat sie bestätigt: Das Projekt ist richtig und gut.

► Erpho Bell nennt sein Projekt Demenz-Theater-Sprechstunde und freut sich über weitere Mitspieler. Unterstützt wird die Theaterarbeit von einem Förderprogramm des Landes und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

Kontakt: erpho@erpho.de oder Telefon 0179/1101973

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