Kirche im digitalen Zeitalter
„Robby“ ist ein Segensroboter

Münster/Oelde -

Den Zettel mit der Einkaufsliste haben wohl viele in der Tasche. Aber Gottes Segen? Dieser ist nicht bei vielen zu finden. In Oelde ist das jetzt anders. Mehr als 250 Segen hat der Segensroboter „Robby“ dort in einer Woche verteilt.

Sonntag, 17.02.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 17.02.2019, 18:31 Uhr
Er öffnet die Arme zum Segen:Der Segensroboter „Robby“ – offiziell heißt er BlessU-2 – ist ein Mittler zwischen Gott und Mensch. privat
Er öffnet die Arme zum Segen:Der Segensroboter „Robby“ – offiziell heißt er BlessU-2 – ist ein Mittler zwischen Gott und Mensch. Foto: privat

Wenn Besucher die evangelische Stadtkirche in der Innenstadt von Oelde betreten, fällt ihr Blick geradewegs auf den Altar. Normalerweise. Nicht so Ende Januar. Für eineinhalb Wochen war „Robby“ der Blickfang. „Robby“ ist ein Roboter und heißt offiziell BlessU-2. Er ist etwa so groß wie ein Erwachsener, spricht sieben Sprachen, ist wahnsinnig höflich, stammt aus Hessen – und segnet die Kirchenbesucher, wenn sie es möchten. Und: Er sorgt für Aufsehen.

Elke Räbiger ist Pfarrerin in der evangelischen Kirchen­gemeinde. Sie hat den Segensroboter von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau nach Oelde geholt und ihn „Robby“ getauft. „Mit so viel Rummel hätte ich niemals gerechnet“, gibt sie zu. Menschen nahmen zum Teil weite Wege auf sich, um sich von dem Roboter segnen zu lassen. Andere stürmten fast wütend in die Kirche, weil sie entsetzt sind über solch eine Installation. Und Pressevertreter überhäuften die Pfarrerin mit Anfragen. „Ich habe den Überblick verloren“, sagt sie lachend. Mehr als 250 Segen hat „Robby“ während seiner Zeit in Oelde verteilt.

Segen auf Knopfdruck

Helles Licht zum Segen

Das Prinzip ist simpel: Mithilfe eines Sensors erkennt der ­Roboter, wenn jemand vor ihm steht. „Guten Tag. Hello. ­Bonjour. Kann ich Sie segnen? Can I bless you?“, fragt die freundlich klingende Frauenstimme. Der Besucher kann eine Sprache wählen. Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch und Hessisch – „Robby“ ist ja schließlich Hesse – stehen zur Auswahl.

Medien sind der Vermittler zwischen Gott und Mensch.

Prof. Dr. Christian Grethlein

Gesteuert wird er über einen Touchscreen. Zudem kann man zwischen Frauen- oder Männerstimme und dem Anlass für einen Segen wählen. Soll der Bibelspruch aufmuntern, traditionell sein oder den Weg weisen? Zum Segnen erhebt „Robby“ unter surrenden Motorengeräuschen die Arme und öffnet seine knochig aussehenden Hände. Eine solche Geste kennt man vom Pfarrer, der den Schlusssegen im Sonntagsgottesdienst spricht. Aus jeder von „Robbys“ Händen strahlt ein helles Licht auf den zu Segnenden herab. Am Ende gibt es den Bibelspruch dann noch in Kassenbon-Größe ausgedruckt, zum Mitnehmen für die Hand- oder Hosentasche.

Durch Medienwandel entstanden

Versucht die Kirche, sich auf diesem Weg dem digitalen Zeitalter anzupassen? Jein. „Es ist nichts völlig Neues, und ich würde das nicht zu hoch hängen“, meint Prof. Dr. Christian Grethlein . Er ist Professor für Praktische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und hat die Geburtsstunde des Segensroboters auf der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg 2017 miterlebt. „Zunächst war ich skeptisch. Das ­widerspricht ja der Tradition, habe ich erst gedacht“, erklärt Grethlein. Doch über den theologischen Weg konnte er sich dem ­Roboter nähern.

Die evangelische Kirche ­habe eine große Affinität zu Medien, erklärt der Professor. Sie sei im Grunde sogar durch einen Medienwandel entstanden. Wir erinnern uns: Reformator Martin Luther wollte, dass jeder – vom Bauern bis zum Adligen – die Bibel lesen und verstehen konnte. Johannes Gutenberg revolutionierte zu jener Zeit den Buchdruck. Bücher wurden erschwinglicher. Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche und die ersten Über­setzungen wurden gedruckt und von den Menschen gelesen.

Segen ins Bewusstsein rufen

„Gott wird seinen Engel mit dir senden und Gnade zu deiner Reise geben (1. Moses 24,40).“ So lautete der Segen, den die Küsterin der Stadtkirche Oelde, Nicole Everszumrode, von „Robby“ erhielt. „Wie passend. Ich fliege morgen nach Mallorca“, sagt sie schmunzelnd. Sie und Pfarrerin Räbiger haben eine schöne und vor allem „spannende Zeit“ mit „Robby“ gehabt. Durch ihn ist das Segnen wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen gekommen. Er bescherte Pfarrerin und Küsterin viel Austausch und „immer gute Gespräche mit Besuchern“. Auch wenn diese vorher skeptisch gewesen seien. „Wir haben ihn in unserer Herz geschlossen“, so die beiden Frauen.

Kirche muss mit den Menschen mitgehen und sie begleiten: Das ist der Anspruch, den Pfarrerin Räbiger hat. „Ich selbst bin gar nicht technikaffin. Aber andere sind es, und deshalb muss es sich auch die Kirche mit diesem Thema auseinandersetzen“, plädiert sie. Mittlerweile hätten auch immer weniger Menschen Zeit, den Gottesdienst zu besuchen. Räbiger verurteilt deshalb niemanden. Es gebe ja mittlerweile auch Fernseh- und Internetgottesdienste. Und auch der Segen des Papstes „Urbi et Orbi“ wird an Ostern und Weihnachten vom Petersplatz aus weltweit übertragen.

"Robby" ist ein Kommunikationsexperiment

„Medien sind der Vermittler zwischen Gott und Mensch“, so Grethlein. Nichts anderes als ein Medium ist die Bibel – und auch der Segensroboter. Er betont, dass es in der Theologie kein Richtig oder Falsch gibt. Es käme darauf an, wie der Rezipient etwas wahrnimmt. Von einem Roboter gesegnet werden, das gefällt einigen Menschen. Anderen hingegen gar nicht.

Bargeldlose Kollekte in Duisburg

Spätestens wenn der Klingelbeutel durch die Kirchenbänke gereicht wird, beginnt das Geklimper. Kirchenbesucher kramen in ihren Hosen- oder Handtaschen nach etwas Kleingeld. In Duisburg kann man nun auch ohne Münzen und Scheine seinen Beitrag für die Kollekte leisten. In der Salvatorkirche gibt es seit vier Wochen die Möglichkeit, mit EC-Karte zu bezahlen.

Die Reaktionen darauf seien ganz unterschiedlich, berichtet der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Duisburg, Martin Winterberg. Seine Beobachtung: Es seien nicht ausschließlich nur ältere Kirchenbesucher, die sich schwertun mit der neuen Technik. Es gebe auch Jüngere, die skeptisch sind. Grundsätzlich würde der digitale Klingelbeutel aber häufiger genutzt als gedacht. Menschen aller Altersklassen hätten das neue Angebot wahrgenommen, so Winterberg.

Bisher würde der digitale Klingelbeutel nur für die Ausgangskollekte genutzt. „Wenn wir ihn während des Gottesdienstes durch die Reihen geben würden, würde das zu lange dauern. Noch müssen wir einiges erklären“, erklärt der Pfarrer. Zudem ist eine feste Säule am Ausgang installiert worden. Als bargeldlose Ergänzung zum klassischen Opferstock.

„Ich glaube, wir kommen um diese Zahlungsart nicht herum. Mit der Kartenzahlung sind wir mehr und mehr vertraut. Auch ich zahle selbst häufig mit der Karte“, sagt Winterberg. In anderen Ländern gebe es kaum noch die Möglichkeit, mit Bargeld irgendetwas zu bezahlen, fügt er hinzu. Diese Situation gebe es irgendwann auch bei uns in Deutschland. 

...

Ähnlich war es vor Tausenden von Jahren, als Jesus von Nazareth lebte und seine Botschaft predigte. „Einige folgten ihm. Andere nagelten ihn ans Kreuz“, ruft Grethlein in Erinnerung. Jeder muss eben subjektiv entscheiden, was er gut oder schlecht findet. Für den Professor ist „Robby“ ein Kommunikationsexperiment. Es soll dabei helfen, das Segnen wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen zu rufen. „Der Mensch und die Welt sind von Gott gesegnet. An diesen ­Segen muss der Mensch immer wieder erinnert werden.“

In Flughäfen oder Krankenhäusern

In der evangelischen Kirche sei das Segnen etwas verloren gegangen, und er sei froh, dass das Thema so wieder auf den Tisch kommt. Dass einige Menschen irritiert auf den Roboter reagieren, kann Grethlein nachvollziehen. Wir seien in unserer Gesellschaft technisch noch nicht so weit, Roboter als Selbstverständlichkeit wahrzunehmen. In Asien zum Beispiel gebe es im Shintoismus sogar schon Priesterroboter. Das hält Grethlein für das Christentum undenkbar.

Dass „Robby“ irgendwann dauerhaft in der evangelischen Stadtkirche in Oelde installiert wird, kann sich Pfarrerin Räbiger nicht vorstellen. „Er sollte dort aufgebaut werden, wo Menschen sind, die Zuspruch brauchen“, meint sie. Flughäfen, Bahnhöfe und Krankenhäuser wären für sie denkbare Orte, wo „Robby“ künftig seinen Segen den Menschen spendet. ­Nachdem der Roboter einen kurzen Halt bei einer Tagung in Münster gemacht hat, wartet er auf seinen nächsten Einsatz.

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