Nahrungsmittel
Gemüse-„Ackerdemie“ lockt kleine „Feldforscher“

Münster -

Frische Erdbeeren im März? Für viele Kinder eine Selbstverständlichkeit. Sogar in einem so landwirtschaftlich geprägten Raum wie dem Münsterland mangelt es oft am Verständnis für den Anbau von Obst und Gemüse. Ein „ackerdemisches“ Bildungsprogramm will das ändern.

Montag, 11.03.2019, 16:30 Uhr aktualisiert: 11.03.2019, 16:35 Uhr
Mit Händen und Seele im Einsatz: Das Foto zeigt ein Kita-Kind bei der Mangoldernte.
Mit Händen und Seele im Einsatz: Das Foto zeigt ein Kita-Kind bei der Mangoldernte. Foto: Katharina Kühnel

Gemüse ist lecker, gesund und nahezu immer und überall zu haben. Unabhängig von Jahreszeit und Anbaukultur können wir nach Herzenslust einkaufen und genießen. Wo die Produkte herkommen, wie sie angebaut werden und welche Folgen aus den jeweiligen Bewirtschaftungs- und Anbaumethoden resultieren – das interessiert indes nicht jeden. 

„Wir wollen das Bewusstsein für die ­Bedeutung von Natur und die Wertschätzung von Lebensmitteln in unserer Gesellschaft stärken“, sagt Dr. Christoph Schmitz . Dem studierten Landwirt kam die Idee zur Entwicklung eines „ackerdemischen“ Bildungsprogramms bereits während seiner Dissertation am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung . „Wir wollen mehr Wissen über Naturzusammenhänge, Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft verbreiten sowie eine gesunde Ernährungsweise und nachhaltigen Konsum fördern. Dazu entwickeln wir soziale und wirkungsorientierte Konzepte, die wir gemeinsam mit lokalen Partnern umsetzen“, erläutert Schmitz.

Gegen die „Entfremdung der Gesellschaft von Nahrungsmitteln“

Gerade in einem so landwirtschaftlich geprägten Raum wie dem Münsterland sollte das Verständnis für Ackerbau eigentlich vorhanden sein – eigentlich. Und doch zeichnet sich hier ein ähnliches Bild wie in vielen anderen Regionen der Republik auch. „Nur wenige Kinder wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen oder haben schon einmal selbst Gemüse angebaut“, weiß Schmitz aus Erfahrung. Der Nachwuchs habe immer weniger Kontakt und Bezug zur Natur, sowohl zu Hause als auch in Kitas und Schulen.

Können Kinder an einem einzigen Tag tatsächlich nachhaltig lernen, wie natürliche Prozesse und Landwirtschaft funktionieren?

Dr. Christoph Schmitz

Mit allseits bekannten Folgen. Mehrere Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr weggeworfen; Übergewicht sowie Krankheiten wie Diabetes haben bei falscher Ernährung ein leichtes Spiel. „Nach der Fertigstellung meiner Dissertation und mit Beginn meiner Elternzeit habe ich mich mehr und mehr mit der Thematik beschäftigt“, erinnert sich Schmitz und ergänzt, dass er viele Schulklassen beobachten konnte, die seinen elterlichen Hof für einen Tagesausflug besuchten. „Können Kinder an einem einzigen Tag tatsächlich nachhaltig lernen, wie natürliche Prozesse und Landwirtschaft funktionieren?“

Als Antwort schrieb Christoph Schmitz 2012 die wissenschaftliche Arbeit „Entfremdung der Gesellschaft von Nahrungsmitteln“. Er entwarf darin seine Idee eines neuartigen Bildungsprogramms. Anschließend testete er gemeinsam mit seiner Schwester Ulrike und deren Schulklasse die „Gemüse-Ackerdemie“ in einem Pilotprojekt und ließ den Versuch wissenschaftlich begleiten.

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Das Pilotprojekt „Gemüse-Ackerdemie“ ging im Fröbel-Kindergarten „Am Filmpark“ in Potsdam an den Start. Foto: Bernd Gartenschläger

Die Begeisterung der Kinder auf dem Acker und der nachgewiesene Lernerfolg überzeugten, so dass 2014 in einem kleinen Team und durch viel ehrenamtliche Arbeit das gemeinnützige Sozialunternehmen „Ackerdemia e.V.“ gegründet und aufgebaut wurde. „Unsere Vision ist eine nachhaltig konsumierende Gesellschaft, deren Handeln auf einem ganzheitlichen Verständnis für Umwelt und Lebensmittelproduktion beruht“, fasst Schmitz den Ansatz zusammen.

Immer mehr Schulen nehmen teil

Das Bildungsprogramm „Gemüse-Ackerdemie“ ist mittlerweile erfolgreich an einer wachsenden Anzahl von Schulen und Kitas umgesetzt worden, auch in Westfalen-Lippe. Hier ist es Regionalmanager Glenn Vogt , der sich um die verschiedenen Schulen und Kindertageseinrichtungen kümmert. „Im Münsterland betreue ich als regionaler Projektkoordinator mittlerweile zwölf Bildungseinrichtungen, im Raum Westfalen-Lippe sind es 26. Bundesweit nehmen dieses Jahr knapp 400 Bildungseinrichtungen an der ,Gemüse-Ackerdemie‘ teil“, zählt er im Gespräch auf.

Er ist seit rund eineinhalb Jahren als Regionalmanager tätig. „Beruflich komme ich eigentlich aus einer ganz anderen Richtung, ich habe BWL studiert.“ Doch mit der Zeit habe er sich immer mehr mit dem Thema der Lebensmittelproduktion auseinandergesetzt und sei so letztendlich zu seiner heutigen Tätigkeit gekommen. „Unterstützt werde ich dabei von Acker-Coaches – Menschen, die eine Ausbildung im Garten-Landschaftsbereich oder der Landwirtschaft selbst haben und uns mit fachlich fundiertem Rat zur Seite stehen.“

Vielfältige Lernerfahrungen

Die mitwirkenden Schulen haben sich in der Regel selbst um einen Platz in der „Gemüse-Ackerdemie“ gekümmert. „Kaltakquise machen wir eigentlich nicht. Die Erfahrung zeigt, dass Schulen, die sich von sich aus melden, eine höhere Motivation haben. Das ist bei diesem langfristig ausgerichteten Projekt sehr wichtig“, betont er. Ob es mehr Einrichtungen im ländlichen oder urbanen Raum gibt? Auf dem Land wäre die Skepsis gegenüber der „Gemüse-Ackerdemie“ gefühlt größer. „Das liegt vielleicht daran, dass die Landwirtschaft dort eine andere Rolle im Bewusstsein der Menschen einnimmt“, mutmaßt Vogt.

Er erinnert sich noch an einen Schüler, dessen Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb im westlichen Münsterland hatten. „Der war zuerst überrascht, dass wir ohne Maschinen und den Einsatz von künstlichen Düngemitteln arbeiten. Die Ernte am Ende hat aber auch ihn überzeugt.“ Insgesamt ginge es aber nicht nur um den Anbau und die Ernte von Gemüse, sondern vor allem um ganz vielfältige Lernerfahrungen auf dem Acker, die zur persönlichen Entwicklung der Kinder beitragen.

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Glenn Vogt Foto: Ackerdemia

Nachhaltiges Konsumverhalten

Doch von nichts kommt nichts. Eine Weisheit, die sich nicht erst auf dem Feld bewahrheitet. „Wir sind auf Fördermittel angewiesen und freuen uns immer, wenn wir Sponsoren für unsere Sache oder für eine Region oder eine explizite Schule finden“, sagt Vogt. „Derzeit sind sogar aufgrund der Unterstützung durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW noch Fördermittel für das Münsterland vorhanden. Fünf Schulen könnten aktuell kurzfristig aufgenommen werden.“

Während auf den Geländen von Kitas und Schulen gepflanzt, gehegt, gepflegt und am Ende geerntet wird, geht der Verein selbst noch einen Schritt weiter: Er entwickelt und erprobt zusätzlich neue Ideen und Konzepte für mehr Wertschätzung von Natur und Lebensmitteln – nicht nur bei Kindern. Dafür schaffen und vermitteln die Angestellten naturnahe Erfahrungswelten zur Verbindung von Wissen, Erleben und Handeln mit dem Fokus auf Ernährung und Konsumverhalten. „Unser Ziel ist es, eine Generation junger Konsumenten auszubilden, die sich durch ein grundlegendes Verständnis der Lebensmittelproduktion und ein reflektiertes und nachhaltiges Konsumverhalten auszeichnet“, fasst Dr. Christoph Schmitz zusammen.

Zum Thema

Bildungseinrichtungen, potenzielle Unterstützer und Interessierte finden mehr Informationen über den Verein sowie die Kontakt- und Spenderdaten im Internet unter:  www.gemueseackerdemie.de .

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