Zweiter Weltkrieg
Wissenschaftler entdeckt durch Zufall die Tarnsprache deutscher Jagdflieger

Münster -

Das Steckenpferd von Sprachforscher Dr. Klaus Siewert sind Geheimsprachen. Er hat beispielsweise die münsterische Masematte erforscht. Jetzt ist er zufällig auf eine Tarnsprache aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen. Der Fund war eine Initialzündung.

Donnerstag, 21.03.2019, 06:45 Uhr aktualisiert: 21.03.2019, 06:47 Uhr
Mit Hilfe einer Schellackplatte fand Sprachforscher Klaus Siewert heraus, dass deutsche Piloten im Zweiten Weltkrieg ein Code-System benutzten.
Mit Hilfe einer Schellackplatte fand Sprachforscher Klaus Siewert heraus, dass deutsche Piloten im Zweiten Weltkrieg ein Code-System benutzten. Foto: Oliver Werner

Zufälle gibt‘s, bei denen sagt man hinterher: „Gibt’s doch gar nicht!“ Genau so einen hat der Sprachforscher Dr. Klaus Siewert erlebt. Geheimsprachen haben es dem 65 Jahre alten Privatdozenten seit vielen Jahren angetan. Er hat die münsterische Masematte erforscht, die Co­des der Pferdehändler und die Geheimsprache der Hamburger Kesselklopfer. Zuletzt befasste er sich mit dem Hamburger Nachtjargon – der Sprache des Kiez – und entdeckte dabei eher nebenbei und rein zufällig, dass auch die deutschen Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg eine Tarnsprache benutzt haben.

Klaus Siewert, ganz Wissenschaftler, ist sofort Feuer und Flamme. Schließlich ist jede Tarnsprache immer auch ei­ne Geheimsprache. Und denen widmet er, der Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Sondersprachen, der viele Jahre in Münster, Darmstadt und Paderborn lehrte, viel Zeit und Energie. „Der Code der Piloten“, sagt er, „war in Vergessenheit geraten.“

Getöse aus Motorenlärm und MG-Feuer

Ein Dienstag in Münster. Siewert, den es inzwischen in den hohen Norden verschlagen hat, erzählt. Von dem, was er inzwischen über den Jagdpiloten-Code herausgefunden hat. Und noch viel mehr über die offenen Fragen.

Schellackplatte

Die Schellackplatte, die in Hamburg im Schellackplattenantiquariat entdeckt wurde. Foto: privat

In Hamburg gab ihm Roland Schwarz, der dort ein Antiquariat betreibt und ab und an mit Siewert zusammenarbeitet, eine alte Schellackplatte des britischen Geheimdienstes. „Secret“ steht auf der Hülle, der handschriftliche Zusatz „Training“ und „All copies to be destroyed 1945“ – Alle Kopien sind 1945 zu zerstören.

„Auf der Platte“, erzählt Siewert, „ist der Bord Funk-Sprechverkehr deutscher Jäger im Luftkampf zu hören“. In dem Getöse aus Motorenlärm und MG-Feuer tauchen dann Befehle auf: „Pauke, Pauke“ beispielsweise. Oder „Victor“. Der Fund war eine Initialzündung. Der Wissenschaftler konsultierte diverse Ar­chive und streute seinen Fund über die sozialen Medien „in militärgeschichtlichen Kreisen“. Es dauerte gar nicht lange, und er war im Besitz ei­nes „Jägerdeckwortverzeichnisses“, das ist qua­si ein Vokabelheft für die Hosentaschen deutscher Jagdpiloten, in dem ein paar Dutzend Tarnwörter verzeichnet waren. „Pauke, Pauke“ stand für „Angriff“, „Victor“ für „Verstanden“.

Plattenfund als Beweis

Für die Deutschen war der Code während des Angriffs auf England „von entscheidender Bedeutung für den Erfolg im Luftkampf und das eigene Überleben“, sagt Siewert. Aus den gleichen Gründen trachteten die Briten danach, ihn zu entschlüsseln. Was ihnen, wie die Schellackplatte beweist, offenkundig gelungen ist.

Druck -Jaegerdec

Deckwortverzeichnis für den Jägersprechverkehr. Foto: Archiv Deutsche Luftwaffe / GSV Geheimsprachen Verlag

Wissen war verloren

Dass sich auch Kampfpiloten 1940 einer Geheimsprache bedient haben, überrascht nicht. Nur war das Wissen darum verloren gegangen. Das Thema sei in Gänze an der Wissenschaft vorbeigegangen, betont Siewert. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Der Plattenfund ist ein Beweis, dass es die Tarnsprache gab. Mit ihm sind gleichzeitig eine Fülle neuer Fragen aufgetaucht. Hatten nur die Deutschen einen Code? Hat es den Briten genützt, ihn entschlüsselt zu haben? Hat das womöglich die Luftkämpfe beeinflusst? Bei der Chif­frier­ma­schine „Enigma“ weiß man schließlich, dass die Entschlüsselung durch die Alliierten Auswirkungen auf den Kriegsverlauf hatte.

Im September findet in Berlin das 12. Internationale Symposium für Sondersprachenforschung statt. Diesmal geht es um „Code-Knacker“. Dort will Siewert seine For­schungs­er­geb­nisse präsentieren – und hofft darauf, damit „einen Impuls für weitere Nachforschungen geben zu können“. ­Damit sich weitere Wissenschaftler des un­­erforschten Pilo­ten-Co­de-­The­mas annehmen – es von allen Seiten be- und vor allem ausleuchten.

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