Deutsche Schüler in Majdanek und Belzec
Gedenkstättenfahrt: Erinnern für die Zukunft

Lublin -

Respekt, Angst, Schuld: Die Gefühle der Schüler, die die Gedenkstätte des NS-Konzentrationslagers Majdanek besuchen, sind unterschiedlich. Eines haben sie alle gemeinsam: Betroffenheit. Deutsche Schüler sind fünf Tage in dunkle Kapitel der deutschen Geschichte eingetaucht.  Die Nachfrage nach solchen Reisen ist „sehr groß“, sagt NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer.

Sonntag, 12.05.2019, 17:00 Uhr
Deutsche Schüler in Majdanek und Belzec: Gedenkstättenfahrt: Erinnern für die Zukunft
„Weg der Huldigung und des Gedenkens“ heißt die Straße, die im Konzentrationslager Majdanek das Mausoleum mit dem Mahnmal verbindet. Foto: dpa

Mathilda spricht von „Respekt und Angst“, Christina sagt, sie „fand es erschreckend“, Marlo empfindet Schuld, und weiß nicht warum, auf Emil wirkt der Ort „wie eine Ohrfeige“. Das NS-Konzentrationslager Majdanek macht mit jedem etwas anderes, aber immer betroffen.

Die vier Schüler des evangelischen Theodor-Fliedner-Gymnasiums in Düsseldorf haben als Leistungskurs Religion gewählt. In der vergangenen Woche besuchte der Kurs im Rahmen einer Gedenkstättenfahrt der Evangelischen Kirche im Rheinland auch das frühere NS- Konzentrationslager. Fünf Ta­ge Eintauchen in dunkle Kapitel der Geschichte, fünf Tage emotionale Herausforderung.

Eine besondere Reise

Deutsche Schüler besuchen regelmäßig NS-Konzentrationslager in Polen. Das ist nicht außergewöhnlich. Diese Reise ist jedoch besonders: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat sich angekündigt. Gemeinsam mit einer Delegation der Evangelischen Kirche ist auch sie nach Ostpolen gereist. Die Schüler nehmen den Besuch erfreulich gelassen, lediglich Johannes Fischer ist zunächst nervös. Kein Wunder: Er ist der verantwortliche Lehrer.

Gedenkstättenfahrt: Mit deutschen Schülern in Majdanek und Belzec

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  • Schüler besuchen das NS-Vernichtungslager Belzec in Ostpolen, Belzec gehörte zum Konzentrationslager Majdanek.

    Foto: Elmar Ries
  • „Weg der Huldigung und des Gedenkens“ heißt die Straße, die im Konzentrationslager Majdanek das Mausoleum mit dem Mahnmal verbindet.

    Foto: dpa Bildfunk
  • Schüler besuchen das NS-Vernichtungslager Belzec, das zum NS-Konzentrationslager Majdanek gehört.

    Foto: Elmar Ries
  • Schüler besuchen das NS-Vernichtungslager Belzec, das zum NS-Konzentrationslager Majdanek gehört.

    Foto: Elmar Ries
  • NS-Konzentrationslager Majdane

    Foto: Elmar Ries
  • NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) besucht mit einer Delegation das NS-Konzentrationslager Majdanek in Ostpolen

    Foto: Agnieszka Kowalczyk-Nowak
  • NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) besucht mit einer Delegation das NS-Konzentrationslager Majdanek in Ostpolen

    Foto: Agnieszka Kowalczyk-Nowak
  • NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) besucht mit einer Delegation das NS-Konzentrationslager Majdanek in Ostpolen

    Foto: Agnieszka Kowalczyk-Nowak

„Die Gedenkstättenfahrten sind wichtig“, sagt Gebauer. Jetzt, da die letzten Zeitzeugen stürben, spielten die Orte eine noch größere Rolle. 450 000 Euro stellt ihr Haus in diesem Jahr dafür bereit. Das ist kein üppiger Etatposten, aber immerhin mehr als doppelt so viel wie 2018. Im kommenden Haushalt soll er auf eine Million Euro anwachsen. „Die Nachfrage ist sehr groß“, sagt die Gebauer.

„Fokussierung auf Auschwitz im deutschen Gedächtnis“

In der öffentlichen Wahrnehmung ist Auschwitz das Synonym für den Holocaust und Sinnbild des NS-Rassenwahns schlechthin. Von ei­ner „Fokussierung auf Auschwitz im deutschen Gedächtnis“ spricht der Direktor des Staatlichen Museums Majdanek, Thomasz Kranz. Dass in Ostpolen, in Majdanek und den Vernichtungslagern Treblinka, Belzec und Sobibor zwischen 1942 und 1943 rund zwei Millionen Menschen und damit mehr Menschen als in Auschwitz ermordet wurden, weiß kaum jemand.

Die Sonne scheint an diesem Tag, trotzdem lässt der kühle Wind schaudern. Majdanek macht allein durch seine Größe betroffen. 90 Hektar umfasst die Gedenkstätte heute, eingerahmt wie ehedem durch Stacheldraht. Damals war das Lager dreimal so groß“, erzählt Wieslaw Wysok, der stellvertretende Direktor des Museums. 270 Hektar – das entspricht ungefähr der Fläche von 540 Fußballfeldern. 80 000 Menschen wurden in Majdanek zwischen 1942 und der Befreiung 1944 ermordet, drei Viertel von ihnen waren jüdisch. „Das hier ist ein riesiger Friedhof“, sagt Wysok.

Rund 600 000 Menschen ermordet

Das Lager ist der Auftakt, tags darauf steht Belzec auf dem Programm. Unter dem Tarnnamen „Aktion Reinhardt“ plante die SS ab 1941 die Ermordung aller Juden im polnischen Generalgouvernement. 1942 begann sie in den drei Vernichtungslagern mit der industriellen Menschenvernichtung. Lediglich zehn Monate war Belzec in Betrieb, in dieser Zeit ermordeten die Nazis dort rund 600 000 Menschen, zumeist Juden. „Nur 3500 sind namentlich bekannt“, sagt Wysok. Die sonst so bürokratischen Deutschen nahmen sich nicht mal mehr die Zeit, ihre Opfer zu registrieren.

„Gedenken ist Arbeit“, wird der bei der Evangelischen Kirche im Rheinland für die außerschulische Bildung zuständige Leitende Kirchenrat Dr. Stefan Drubel am Ende der Reise sagen. In Belzec ist das so. Im Dezember 1943 zerstörte die SS das Lager. Übrig blieben 33 Massengräber – und die Erinnerung. Seit 2004 ist Belzec Gedenkort, der mit viel Beton, Schlacke-Feldern und einem kleinen Museum gekonnt den Schrecken des Ortes begreifbar macht.

Erinnern als Brücke in die Zukunft

30 bis 40 solcher Fahrten bietet die Evangelische Kirche im Rheinland jedes Jahr an. „Angesichts von Vogelschiss-Ideologien und Verharmlosungstendenzen ist es wichtig, daran festzuhalten“, erklärt Oberkirchenrätin Barbara Rudolph. Dass sie nachhaltig sind, steht außer Frage. „Majdanek und Belzec sprechen für sich“, hatte Fischer gesagt. Das stimmt. Was er nicht sagte: Die Orte zwingen zur Auseinandersetzung. Erinnern wird so zur Brücke in die Zukunft.

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