Wenn der Grundwasserspiegel sinkt
Angst vor trockenen Hausbrunnen

Ascheberg -

Wenn die Pumpe nicht still wird, steigen die Sorgen. Markus Przybilla hat das im vergangenen Sommer erlebt. Es dauerte seine Zeit, bis der Wasser-Boiler, ein Zwischenspeicher, wieder voll war. Mit Konsequenzen

Dienstag, 13.08.2019, 12:30 Uhr
Die Wünschelrute war schon an einigen Hofstellen und Wohnhäusern bei der Wassersuche im Einsatz.
Die Wünschelrute war schon an einigen Hofstellen und Wohnhäusern bei der Wassersuche im Einsatz. Foto: hbm

Wenn die Pumpe nicht still wird, steigen die Sorgen. Markus Przybilla hat das im vergangenen Sommer erlebt. Es dauerte seine Zeit, bis der Wasser-Boiler, ein Zwischenspeicher, wieder voll war. „Der Grundwasserspiegel muss wegen der Dürre gesunken sein“, mutmaßt er. Weil der Mann aus der Osterbauer nicht warten wollte, bis überhaupt kein Wasser mehr nach oben befördert wurde, hat er einen neuen Brunnen bohren lassen. Wo das Wasser mit einer Kolbenpumpe früher aus gut neun Metern Tiefe nach oben gefördert wurde, ist nun eine Tauchpumpe bei gut 25 Metern im Einsatz. Zurzeit sprudelt das Wasser.

Landwirt Elmar Bollermann benötigt für Hof und Tiere täglich etwa 40 000 Liter Wasser. Und das hat ihm vor einiger Zeit gehörig Sorgen gemacht: „Wir hatten vier Bohrlöcher, teilweise bis zu 70 Meter tief. Und trotzdem war das Wasser knapp.“ Die Tiefe allein ist kein Garant für eine ausreichende Menge. Entscheidend ist, in dem unterirdischen Gebirge eine Wasserader anzuzapfen. Bollermann hat sie etwa 500 Meter vom Hof entfernt auf einem Nachbargrundstück gefunden. Vor rund drei Jahren durfte er durchatmen.

In der Hitze des Sommers wird im Haus Schilling darauf geachtet, dass Duschen, Wasch- und Spülmaschine nicht zeitgleich nach Wasser verlangen. Auch Klaus Schilling sagt: „Ich hoffe, dass es reicht.“ Die Dürre hat die Sicherheit abgeschmolzen. Schließlich spricht es sich rund, wenn Nachbarn Pro­bleme haben. „Es gibt einige, die einen neuen Brunnen bekommen haben“, weiß etwa Heinz Freisfeld. Brunnenbauer Daldrup aus Ascheberg hat gut zu tun. Firmensprecher Falk von Kriegsheim erklärt auf WN-Anfrage: „Wir haben nicht nur im Sommer zu tun, auch das Problem Nitrat erfordert immer tiefere Bohrungen. Wir sind in dem Segment außergewöhnlich gut ausgelastet.“

Kontroll-Umfang steigt stetig

467 Hausbrunnen werden vom Gesundheitsamt des Kreises Coesfeld in den Akten geführt. Aus dem Kreishaus heraus werden die Kontrollen des Trinkwassers aus diesen Anlagen koordiniert. Dr. Volker Feldmann spricht davon, dass der Umfang der Kontrolle und damit die Kosten über die Jahre gestiegen sind. Angesichts von Arbeiten an EU-Gesetzen und Verordnungen geht er davon aus, dass vermutlich mehr Parameter in kürzeren Zeiträumen kontrolliert werden müssen und damit die Kosten weiter steigen.Das Gesetz unterscheide in B- und C-Anlagen. Besonders genau werde bei den B-Anlagen hingeschaut. Ihr Wasser werde gewerblich oder öffentlich genutzt. Seien etwa Mieter im Spiel, müsse eine große Untersuchung für etwa 600 Euro erfolgen. Dazu gesellten sich 100 Euro für eine mikrobiologische Kontrolle. Alle drei Jahre müssten Brunnen auf Pflanzenschutzmittel geprüft werden. Eins der großen Probleme, nicht nur in Ascheberg, seien überhohe Fluoridanteile. Das Problem sei besonders dort vorhanden, wo früher Strontianit abgebaut worden sei.Feldmann blickt auf einen zweiten Wert, der in öffentlichen Diskussionen immer eine große Rolle spielt: „Von den 467 Brunnen überschreiten nur sieben Anlagen die Grenzwerte für Nitrat, 443 liegen unter 25 Milligramm.“ Seit 30 Jahren würden diese Werte sinken. So habe die Zahl der belasteten Brunnen in Ascheberg 1985 noch bei zehn bis 15 Prozent gelegen.

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Klaus Schilling hat die passende Wasserader mit Hilfe eines Wünschelrutengängers gefunden. Davon berichtet auch Petra Haverkamp. Bei ihr liegt das schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Die Familie hatte sich damals zu einem neuen Bohrloch entschlossen, weil die Wasserqualität nicht passte. Das ist ein zweites Problem, nicht nur in der Osterbauer. Es gibt Förderstellen, deren Wasser durch Anlagen von übermäßigem Kalk, Eisen und Nitrat befreit werden. Das sind lokale Vorkommnisse. Wenn es bei einer Hofstelle nötig ist, muss es beim Nachbarhof nicht so sein.

So sieht Gelsenwasser die Lage

Der Ruf nach Gelsenwasser in den Außenbereichen wird lauter. Unser Redaktionsmitglied Theo Heitbaum fragte bei Heidrun Becker, Sprecherin des Wasserversorgers, nach.Gibt es so etwas wie „das Recht auf Gelsenwasser“?Heidrun Becker: Gelsenwasser verzichtet in den Wasser-Konzessionsverträgen mit Kommunen auf einen Anschluss- und Benutzungszwang für Hauseigentümer. So ist für Landwirte auch eine eigene Brunnenwasserversorgung möglich. Umgekehrt muss für Gelsenwasser die Erschließung weiterer Grundstücke wirtschaftlich vertretbar und die Versorgung dort technisch sicher sein. Beispiel: Ein Landwirt möchte in einer Entfernung von 2,5 Kilometern zur nächsten Versorgungsleitung an die öffentliche Versorgung angeschlossen werden. Damit es durch eine zu lange Stagnation des Wassers in so einem langen Leitungsbereich nicht zu Qualitätsproblemen kommt, müsste dieser Hof täglich – auch im Herbst/Winter – das komplette Wasser hieraus entnehmen. Auch wirtschaftlich wäre eine solche „Einzellösung“ nicht zu betreiben.Wie sieht es mit den Kosten für einen Anschluss aus?Becker: Ein Standard-Hausanschluss in einem Neubaugebiet, bei dem die Hausanschlusslänge auf dem Privatgrundstück maximal 15 Meter beträgt, kostet aktuell 1900 Euro netto plus Baukostenzuschuss. Für jeden weiteren Meter auf Privatgrund in einem solchen Gebiet kommen 50 Euro hinzu. Im ländlichen Bereich mit meist wesentlich umfangreicheren Leitungslängen und vor allem wesentlich höheren Kosten zur Erschließung des Versorgungsbereichs liegen die Gesamtkosten entsprechend höher. Hier sind pro Leitungsmeter eher 80 bis 90  Euro anzu­setzen.Gibt es für Außenbereiche Modellprojekte?Becker: Jeder Versorgungsbereich ist individuell zu beurteilen und zu erschließen, vor allem im ländlichen Bereich. Entscheidend sind Leitungslängen, Zahl der Abnehmer und auch der Untergrund, um das geeignete Verlegeverfahren einzusetzen. Generell gilt: Um eine Erschließung im ländlichen Bereich wirtschaftlich sinnvoll und technisch qualitativ sicher zu machen, sollten gerade bei längeren Leitungen so viele Abnehmer wie möglich Interesse an einem Anschluss anmelden.Gibt es Modalitäten, wie Gelsenwasser Außenbereiche erschließt?Becker: In einem mehrstufigen Planungsverfahren mit den Anwohnern und Interessenten wird zusammen eine geeignete Trasse gesucht, an die kurz- und mittelfristig möglichst viele Hausanschlüsse angeschlossen werden können. Auch mögliche Eigenleistungen für die erforderlichen Tiefbauleistungen können die Gesamtkosten des Projekts senken und so die Entscheidungsbereitschaft der Interessenten beeinflussen.

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Die Menschen in den Bauerschaften sind auf das Wasser, was ihre Pumpen aus dem Boden befördern, angewiesen. Es wird berichtet, dass fürs Kaffeekochen gekauftes Mineralwasser verwendet wird, weil die Maschine zu schnell verkalkt. Das ist kein Osterbauer-Problem. Eine Frau aus der Westerbauer holt regelmäßig Wasser bei der Schwester im Dorf, weil ihr Hofwasser „zu weich“ ist.

Quintessenz der Sorgen: In den Außenbereichen steigt die Zahl der Menschen, die sich einen Gelsenwasser-Anschluss wünschen. „Vielleicht kriegen wir das in der Osterbauer hin wie bei der Glasfaser, mit einer großen Gemeinschaftsaktion“, hat Markus Przybilla schon eine Idee.

Öffentliche Wasserversorgung

Vier Aktenordner füllt die öffentliche Wasserversorgung in der Ascheberger Verwaltung. Der erste Beitrag stammt aus dem Jahr 1941: Die Gemeinde fragte zum ersten Mal beim Gelsenkirchener Wasserwerk nach, ob es Ascheberg mit Trinkwasser versorgen könne. In den Kriegszeiten verloren beide Seiten das Thema aus den Augen. Vor 63 Jahren erfolgte der zweite Vorstoß. Wieder wurde verhandelt, wieder kein Ergebnis erzielt.Die Ascheberger erinnerten sich vielmehr daran, dass die Arbeiter während des Abbaus von Strontianit immer über das viele Wasser geklagt hatten. Sollte es gelingen, die Gemeinde von dort mit Wasser zu versorgen? Die Schächte bei Wickensack wurden Ende 1959 „angebohrt“. Mit einem Durchmesser von 20 Zentimetern ging es runter bis auf 29 Meter. Das waren vier Meter unter der tiefsten Strontianit-Sohle. Von dort beförderte eine Unterwasserpumpe das kostbare Nass nach oben. „Fast eine Million Liter Wasser kommen täglich aus dem Boden“ titelte diese Zeitung im Januar 1960. Eine erste Qualitätsprobe fiel gut aus. Das beflügelte die Gemeindeväter. Gemeindedirektor Bernhard Rothers wird am 20. September 1960 von den Westfälischen Nachrichten so zitiert: „Ich sehe nicht ein, warum die Bürger unserer Gemeinde das Wasser aus der Ruhr trinken sollen, wenn sie selbst gutes Wasser haben!“ Eine zweite Probe, die im weiteren Verlauf des Verfahrens genommen wurde, enthielt dann aber Coli-Bakterien. Wenn das Wasser zum Trinken verwendet werden sollte, müsste es enteist, enthärtet und entkeimt werden. Das sollte sehr teuer werden.Weil fast zeitgleich vom „Wasserwerk für das nördliche westfälische Kohlerevier Gelsenkirchen“ günstigere Konditionen für einen Anschluss an die zentrale Wasserversorgung in Aussicht gestellt wurden, war es plötzlich wirtschaftlicher, sich mit Wasser versorgen zu lassen. Der Weg für Gelsenwasser wurde geebnet, im März 1962 beschloss Ascheberg, sich dort anschließen zu lassen.Die Kosten für das gesamte Versorgungsnetz einschließlich der Zubringerleitung beliefen sich für Ascheberg auf 896 000 Mark und für Davensberg auf 504 000 Mark, insgesamt also auf 1,4 Millionen Mark. 400 bis 600 Mark wurden damals für einen Hausanschluss fällig. In der ersten Runde wurden 320 Verträge unterzeichnet. Bis alle Leitungen lagen und das Wasser sprudelte, dauerte es aber noch. Seit 1964 ist Ascheberg an das Gelsenwasser-Netz angeschlossen, seit 55 Jahren gibt es keine Wassersorgen mehr.

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