Interview
"Kibiz hat Kinder nicht im Blick"

Kreis Warendorf -

Der Ausbau der Kita-Plätze war und bleibt ein Kraftakt. Immer jüngere Kinder sind – oft ganztags – in den Einrichtungen. Damit diese Kinder gut umsorgt werden, wird seit Jahren gefordert, die Qualität der Kita-Betreuung zu verbessern. Dass dafür die richtigen Wege eingeschlagen werden, bezweifeln Herbert Kraft und Maria Heuer. Kraft ist Vorstand des Kreiscaritasverbandes, der Träger unter anderem des Teresa-Kindergartens in Warendorf ist. Maria Heuer ist die Leiterin dieses Kindergartens. Redakteurin Beate Kopmann sprach mit beiden über die Herausforderungen in der Kita-Betreuung und die geplante Kibiz-Reform.

Freitag, 25.10.2019, 15:15 Uhr aktualisiert: 25.10.2019, 17:10 Uhr
Interview: "Kibiz hat Kinder nicht im Blick"
Kinder und Erzieher im Teresa-Kindergarten in Warendorf . Foto: Beate Kopmann

Der Gesetzentwurf für das neue Kinderbildungsgesetz liegt vor. Bringt das neue Kibiz Verbesserungen für die Kitas?

Kraft : Wir profitieren natürlich vom Gute-Kita-Gesetz. Immerhin 220 Millionen Euro fließen darüber nach Nordrhein-Westfalen. Leider hat aber die Landesregierung beschlossen, dieses Geld zu nehmen, um damit das zweite Kindergarten-Jahr beitragsfrei zu gestalten. Es wird also nicht beim Personal landen, sondern die Mittelstandsfamilien entlasten. Das ist auch gut, aber der jetzt vorliegende Gesetzesentwurf hat eben nicht die Kinder im Blick.

Dann fließt das Geld in die falsche Richtung?

Kraft: Ja, denn Pädagogik ist vor allem Beziehungsarbeit – und dafür brauchen wir Personal. Das ist schwer zu finden, auch weil der Beruf des Erziehers nicht gut bezahlt wird. Gleichzeitig steigen die Belastungen in den Kitas. Die Herausforderungen wachsen – im Übrigen auch für die Kinder.

Herbert Kraft: Das Land NRW will das zweite Kindergarten-Jahr beitragsfrei gestalten. Das Geld wird also nicht beim Personal landen, sondern die Mittelstandsfamilien entlasten. Foto: Beate Kopmann

Wieso für die Kinder?

Heuer : Nehmen wir als Beispiel den Teresa-Kindergarten in Warendorf. Dort werden derzeit 63 Kinder betreut, darunter sind 13 Kinder, die eine heilpädagogische Förderung brauchen. Für etwa die Hälfte aller Kinder wurde ein Betreuungskontingent von 45 Stunden in der Woche gebucht. Sie sind also neun Stunden am Tag in unserer Einrichtung – das ist länger als der Arbeitstag vieler Erwachsener. Mindestens ein Drittel der Kinder, die 45 Stunden in der Einrichtung bleiben, sind noch keine zwei Jahre alt. Das ist schon ein strammer Alltag. Um eine wirklich gute Betreuung zu gewährleisten, bräuchten wir – wie sicher alle anderen Einrichtungen auch – deutlich mehr Personal.

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Herbert Kraft Foto: WN

In ihrer Einrichtung sind derzeit 13 Kinder mit heilpädagogischem Förderbedarf. Gibt es für diese Arbeit ausreichend Fördermittel?

Heuer: Nein, auch in der inklusiven Arbeit bleibt die Förderung hinter dem Notwendigen zurück. Wir haben hier eine heilpädagogische Gruppe, eine Regel-Gruppe, integrative Gruppen und Einzelintegration. Um jedem Kind gerecht zu werden, benötigten wir mehr Personal. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Ich musste kürzlich als Kindergarten-Leitung in einer integrativen Gruppe aushelfen, weil die Erzieherin dort mit einer Praktikantin allein war.

In der Gruppe sind auch Zweijährige, die sich nicht von der Praktikantin wickeln lassen wollten. Wir können aber keine Praktikantin mit Kindern alleine lassen, die einer heilpädagogischen Förderung bedürfen. Aber eigentlich müssten Leitungskräfte freigestellt werden und nicht als Aushilfen im Einsatz sein.

Dann bringt die Kibiz-Reform am Ende eine Verschlechterung?

Kraft: Nein, denn es fließt schon mehr Geld ins System. Aber es kommt nicht dort an, wo es dringend gebraucht wird: bei der personellen Ausstattung. Die Leidtragenden sind – neben den Erziehern, die viel schultern müssen – die Kinder selbst. Deswegen hoffen wir, dass das Gesetz noch verbessert werden wird.

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